Microsoft-Techniker: "Bots sind die neuen Apps"

Trotz des Debakels mit dem Chatbot Tay glaubt der Technik-Missionar von Microsoft Deutschland, Peter Jaeger, weiter an den Durchmarsch der digitalen Assistenten. Die Vertrauenswürdigkeit der Daten sei aber immens wichtig.

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Microsoft-Techniker: "Bots sind die neuen Apps"

(Bild: heise online / Stefan Krempl)

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Microsoft will auf dem Kurs in Richtung digitale Butler bleiben. "Bots sind die neuen Apps", erklärte Peter Jaeger, Technik-Prophet bei Microsoft Deutschland, am Dienstag auf der hauseigenen Konferenz "Explained" in Berlin. Anders ausgedrückt: "Die digitalen Assistenten werden die Meta-Apps." In naher Zukunft werde kein Nutzer mehr eine Unzahl verschiedener Programme auf seinem Smartphone, Laptop oder Desktop haben, da deren Funktionen mithilfe Künstlicher Intelligenz (KI) gebündelt würden.

Peter Jaeger

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Bei dem gescheiterten Experiment mit dem Microsoft-Chatbot Tay, der jüngst rassistische und sexistische Kommentare verbreitete, "haben wir einen Fehler gemacht", räumte Jaeger ein. Nach dem Start der "smarten" Plaudertasche in Twitter habe in Asien zunächst alles "wunderschön funktioniert". Die Nutzer hätten dort mit dem Bot "wirklich gesprochen und ihre Probleme geteilt". Asiatische Länder seien auf diesem Gebiet auch schon weiter, dort könne jemand ohne Messenger wie WeChat kaum mehr seine Stromrechnung bezahlen.

In der westlichen Welt hätten Tay dann aber "Idioten genutzt, um komisches Zeug zu verbreiten", ärgerte sich der Chefentwickler auf dem Gebiet Nutzererlebnis. Dieser Rückschlag werde dem Siegeszug der KI-befeuerten virtuellen Agenten aber keinen Abbruch tun. Microsoft habe sich das Ziel gesetzt, "mit Bots die menschlichen Fähigkeiten zu ergänzen". Es gehe darum, dem Nutzer den Umgang mit seinem Umfeld über sprachliche Kommunikation mit Maschinen zu erleichtern und Dinge wie eine Flugbuchung schneller erledigen zu können.

Anwendungen wie Skype Translator, mit dem sich gesprochene Kommunikation direkt derzeit in acht und geschrieben im Chat in 50 Sprachen übersetzen lässt, oder HoloLens-Skype, wo der Nutzer das gleiche sehen und hören könne wie der Gesprächspartner, weisen laut Jaeger den Weg. Microsoft habe bisher 22 eigene Programmierschnittstellen (APIs) rund um smarte Bots zu Sehen, Hören, Sprechen, Wissen und Suchen entwickelt. Diese Technik solle jeder ohne große Programmierkenntnisse verwenden können, "egal auf welcher Hardware". Auch andere IT-Konzerne wie Apple, Amazon oder Google investierten stark in diesen Bereich.

Auf die Frage aus dem Publikum, wann von den Redmondern ein "professionelles Smartphone" zu erwarten sei, entgegnete Jaeger: "Wir stellen auf die gesamte Plattform ab", also auf den Verbund von Mobiltelefon, Tablet und Xbox nebst der Augmented-Reality-Brille HoloLens und der Cloud.

Um die schöne neue Welt digitaler Butler zum Fliegen zu bringen, sei die "Vertrauenswürdigkeit der Daten immens wichtig", unterstrich Jaeger. Niemand wolle, dass Bots personenbezogene Informationen einfach irgendwo veröffentlichten.

Brendon Lynch

(Bild: heise online / Stefan Krempl)

Microsoft habe sich klar positioniert, um diese "digitale Vertrauensfrage" mit einer Reihe von Datenschutzprinzipien beantworten zu können, versicherte dessen Chief Privacy Officer Brendon Lynch. "Wir respektieren nationale Datenschutzgesetze, erkennen die Privatheit als universelles Grundrecht an." Der Konzern habe daher auch die US-Regierung schon viermal verklagt, um Befugnisse und Eingriffsmöglichkeiten der Sicherheitsbehörden auf den gerichtlichen Prüfstand zu stellen.

"Wir werden E-Mails, Chats, Dateien oder andere persönliche Inhalte nicht für zielgerichtete Werbung nutzen", versprach Lynch zudem. Die Datensicherheit suche sein Unternehmen mit Verschlüsselung und lokal angepassten Rechenzentren weltweit zu gewährleisten. Wichtig seien zudem die Aspekte Transparenz und Selbstschutz der Nutzer, die weiter verbessert werden sollen. Derzeit sei etwa die Such- und die Web-Historie noch nicht leicht einsehbar. Microsoft arbeite hier an einem "Dashboard-Konzept", um die Dinge zusammenzubringen und die Kontrollmöglichkeiten zu verstärken.

Wie weit die datengetriebene Innovation gekommen ist, veranschaulichte mit Saim Rolf Alkan der Geschäftsführer der Firma AX Semantics, die sich auf "Textroboter" spezialisiert hat. Mithilfe von Computerlinguistik und Natural Language Generation (NLG) lassen sich ihm zufolge bereits selbsttrainierbare Systeme mit voller Kontrolle für 20 Sprachen zaubern. Mit dem eigenen produziere das Unternehmen mittlerweile "fünf Millionen Texte" pro Woche, allein für einen TV-Sender künftig 600 individuelle Wetterberichte pro Tag. AX Semantics könne aber auch Beschreibungen etwa von Fliesen oder Artikeln für E-Commerce-Kataloge, ganze Geschäftsberichte oder freundliche Mahnschreiben der Bank gut automatisch verfassen.

Vorstellbar sei ein Szenario, dass ein Aktienbot "unsere maschinengeschriebenen Texte analysiert" und daraufhin kauft, meinte Alkan. Er hoffe nur, dass irgendwann in dem Prozess auch "ein vernünftiger Mensch dazwischen sitzt". Bewertungen über Online-Händler ließen sich mit der Technik ebenfalls erstellen, da es immer Missbrauchsmöglichkeiten gebe. Derlei gefälschte Einschätzungen ließen sich aber derzeit noch in "Russland oder China billiger einkaufen". Unbegrenzt seien die Einsatzmöglichkeiten des Systems nicht, da es stark von strukturierten Grunddaten abhänge.

(anw)