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Microsoft droht weiterer Ärger von der EU-Kommission

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Die EU-Kommission wird vermutlich nicht mit dem Angebot von Microsoft von vergangener Woche zufrieden sein, in dem die Redmonder die Lizenzierung von Teilen des Quellcodes für Windows angekündigt haben. Bereits im vergangenen Monat hatten die europäischen Wettbewerbshüter den Softwarekonzern darauf hingewiesen, es reiche nicht aus, Zugang zum proprietären Code anzubieten, schreibt das Wall Street Journal. Die Zeitung beruft sich wie auch die Financial Times auf ein ihr vorliegendes internes Dokument. Darin steht laut Wall Street Journal: "Es muss hervorgehoben werden, dass es nicht notwendig ist, den Quellcode offen zu legen."

Die EU-Kommission hatte im März 2004 eine Geldstrafe über 497,2 Millionen Euro sowie Produktauflagen wie die Herausgabe von Informationen über Kommunikationsprotokolle verhängt. Im Dezember vergangenen Jahres drohte die Kommission mit einer täglichen Geldstrafe über 2 Millionen Euro, wenn Microsoft den Forderungen nicht nachkomme. Nachdem Microsoft zunächst eine Fristverlängerung bis Mitte Februar erreichte, um den Auflagen zu entsprechen, kündigte der Softwarekonzern am Mittwoch an, "freiwillig" Sourcecode zu lizenzieren.

Außerdem wies das Unternehmen darauf hin, bisher 12.000 Seiten Dokumententationen zu seinem Betriebssystem übergeben zu haben, um konkurrierende Programmierer bei der Erstellung von Kommunikationsprotokollen zu unterstützen. Microsoft-Anwalt Brad Smith betonte dabei, wenn die Dokumentationen schwierig zu verstehen seien, dann läge das nicht daran, dass fehlerhafte Anweisungen übergeben wurden, sondern an der Komplexität.

Eine Ansicht, mit der Neil Barrett, britischer Informatik-Professor und Berater der Kommission für das Microsoft-Verfahren, laut den Berichten nicht einverstanden sein wird. Nach seiner im Wall Street Journal geschilderten Ansicht seien Microsofts Anweisungen "absolut unbrauchbar". Sie enthielten nicht beschriebene Begriffe wie "context handles" und "network objects" und einige hundert Seiten beschäftigten sich mit der Behebung von Fehlern, ohne dass diese beschrieben worden seien. Es gebe auch keinen Index oder Zusammenfassungen. Barrett war im Oktober 2005 auf Microsofts Vorschlag hin von der EU-Kommission zum Sachverständigen berufen worden, der die Erfüllung der Produktauflagen überprüfen sollte. Nach einem Quellcode habe er nie verlangt, er sei auch nicht willkommen, heißt es weiter in dem Bericht.

Die EU-Kommission steht auch der Absicht Microsofts kritisch gegenüber, Lizenzgebühren für die Informationen zu verlangen, die für die Interoperabilität mit konkurrierender Software notwendig seien, schreibt die Financial Times. Die bisher übergebenen 12.000 Seiten enthielten nichts "Innovatives", wird Barrett hier zitiert, und nur für solches könne Microsoft Geld verlangen.

Kritiker wiesen bereits nach Verkündung des Microsofts-Angebots zur Quellcode-Lizenzierung darauf hin, dass die Spezifizierung und Offenlegung von Kommunkationsprotokollen für die Kommunikation mit Windows-Servern eben nicht gleichbedeutend mit der Lizenzierung des Sourcecodes sein könne – Microsofts Justiziar hatte dagegen den Quelltext als "ultimative Dokumentation" bezeichnet. Die Free Software Foundation Europe wies darauf hin, Microsoft wolle den Quellcode lizenzieren, obwohl niemand danach gefragt habe: Falls es so geschehe, hätte Microsoft die Möglichkeit, Entwicklern zu unterstellen, sie würden Copyrights verletzen, da sie Zugang zum Quellcode haben könnten. (anw)

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