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Microsoft hat versagt: Analyse zum Rückzug von Windows 10 1809 und Server 2019

Am 2.10. begann Microsoft mit der Veröffentlichung von Windows 10 Version 1809 und Server 2019, stoppte sie aber nach Problemen. Und bemerkte weitere Fehler.

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Microsoft hat versagt: Analyse zum Upgrade-Rückzug von Server 2019 und Windows 10

Am 2. Oktober, nach monatelangen Tests mit den freiwilligen "Windows Insidern", die zahlreiche Vorabversionen auf ihren Maschinen testen durften, veröffentlichte Microsoft wie versprochen Windows 10 Version 1809 (Client und Server) und den neuen Windows Server 2019. Beide Veröffentlichungen wurden in Blogbeiträgen vorgestellt. Im Windows Blog gab es eine Zusammenfassung aller neuen Funktionen. Im Server Blog wurde vermeldet, dass die Software "generally available" sei und Kunden mit Software Assurance sie im Volume Licensing Service Center herunterladen könnten.

Probleme mit dem Upgrade

Die Nutzer von Windows 10 erfuhren zuerst, dass mit dem Update etwas nicht stimmte. Am 6. Oktober nahm Microsoft das Update zurück – Nutzer hatten berichtet, dass Dateien im Benutzerordner durch das Update verschwunden seien. Das Support-Dokument ist mit "Windows 10 Update History" überschrieben, entsprechend in der Navigation einsortiert und nur ein Sternchen verrät die Reichweite des Rückzugs:

"We have paused the rollout of the Windows 10 October 2018 Update (version 1809)* for all users as we investigate isolated reports of users missing some files after updating."

Hinter dem Sternchen verbergen sich die "Affected Platforms" – neben Windows 10 Version 1809 und der zugehörigen LTSC mit verlängertem Support gilt der Rückzug auch für Windows Server 2019 und den halbjährlichen Server-Release Server 1809 (der sich explizit an experimentierfreudige Cloud-Betreiber richtet).

Am 9. Oktober fühlte sich John Cable, verantwortlich für "Windows Servicing and Delivery", zu einer Stellungnahme verpflichtet. Im Insider Blog veröffentlichte er den Beitrag mit dem wenig aussagekräftigen Titel "Updated version of Windows 10 October 2018 Update released to Windows Insiders", der das Ergebnis der Untersuchung der Probleme enthielt:

Betroffen waren demnach jene Nutzer, die persönliche Ordner unterhalb von c:\user\<Kontoname>\ an einen anderen Ort umgeleitet hatten (Known Folders Redirection), diese Umleitung zu OneDrive oder auf eine andere Festplatte aber wieder zurückgenommen hatten. Um den verwaisten Ordner, der einmal als Ziel gedient hatte zu löschen, hatte man in das Upgrade die Funktion eingebaut, diesen zu löschen – lagen die Dateien wieder am ursprünglichen Ort, löschte man aber versehentlich diesen.

Dass Daten beim Upgrade verschwinden, war auch Nutzern der Insider Preview schon im Juni aufgefallen, eine Lösung fand man damals nicht. Als Reaktion stellte Microsoft am 9. Oktober eine Änderung am Feedback Hub vor, dem Ticketsystem für die Windows Insider. Zukünftig kann man die Schwere des Problems auf einer Skala von 1 bis 5 angeben.

Noch unklar ist, ob das Update auf 1809 auch an Benutzer verteilt wurde, die nicht auf "nach Updates suchen" in Windows Update geklickt haben. Das behauptet John Cable in seinem Beitrag, es gibt aber auch Berichte von Benutzern, die bestreiten, das Update aktiv angestoßen zu haben.

Stille im Server-Blog

Im Server-Blog kam diese Information nicht so schnell an. Dass auch Windows Server 2019 zurückgezogen wurde, hatte hier noch niemand verkündet. In den Kommentaren unter dem Beitrag begannen die Fragen und Beschwerden, warum man als Abonnent der "Visual Studio Subscription" (früher MSDN) nicht mehr mit den frischen Releases versorgt werde.

Am 12. Oktober wurde die Ankündigung, dass der Server erhältlich sei, um einen gut sichtbaren Hinweis ergänzt: Wegen der Probleme habe man auch die Auslieferung des Servers gestoppt. Nur die Evaluation-Versionen blieben erhältlich. Wie Reseller unserer Redaktion berichteten, wurden von dieser Abkündigung auch die Hardware-Hersteller überrascht, die bereits mit der Produktion der "Microsoft Reseller Option Kits" begonnen hatten.

Wie es weiter geht

Für zusätzliche Verwirrung sorgte ein Blogpost im Storage Blog von Microsoft. Bereits am zweiten Oktober hatte man hier berichtet, Windows Server 2019 nicht als "Release To Manufacturing" (RTM) zu veröffentlichen, sondern direkt als "General Availability" (GA). Dieser Schritt ist vor allem für die Hardwarehersteller relevant, die den Zeitraum von RTM bis GA bislang nutzen konnten, um ihre Hardware zu zertifizieren. Stattdessen soll es im Januar ein "Launch Event" geben, bei dem die erste für Server 2019 zertifizierte Hardware vorgestellt wird. Dieser Beitrag führte zur falschen Interpretation, Microsoft habe den Server wegen der Probleme auf Januar verschoben. Die Wahrheit lautet: Wann Server 2019 und Windows 10 Version 1809 verfügbar sind, ist aktuell unklar.

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Bekannt ist dagegen, dass Microsoft die Zeit nach dem Rückzug genutzt hat, um nach weiteren Fehlern zu suchen – noch einen Release-Versuch mit groben Fehlern will man wohl verhindern und lässt sich Zeit. Schließlich hat Microsoft auch die Installationsabbilder entfernt, mit denen man die Betriebssysteme abseits des problematischen Update-Mechanismus installieren könnte.

Kurios: Der Defender von Windows 10 Version 1809 lädt Virenkennungen aus der Zukunft

Seitdem häufen sich Berichte von größeren und kleineren Problemen. Besonders kurios ist das Verhalten des bordeigenen Zip-Entpackers. Existieren am Ziel eines Entpackvorgangs bereits Dateien, gab es in früheren Versionen eine Nachfrage, ob Dateien überschrieben werden sollen. Mit 1809 fehlt diese. Die Dateien werden einfach übersprungen. Ohne Not hat man hier etwas demoliert, was seit Windows Me funktionierte. Ein weitereres Kuriosum: Der Defender behauptet, Virendefinitionen aus der Zukunft geladen zu haben.

Was falsch lief

Microsoft tut sich mit seinen zahlreichen Kommunikationskanälen keinen Gefallen. Wenn sich die Nutzer Informationen aus dem Insider Blog, dem Server Blog, dem Storage Blog, und den Support-Seiten zusammensammeln müssen, während man auf blogs.microsoft.com nur Berichte über AI in der Cloud liest, ist das frustrierend – erst recht für Nutzer, die gerade Daten verloren haben.

Die Qualitätssicherung über das Insider-Programm hat in diesem Fall versagt, wie Microsoft selbst zugibt. Es scheint, als sei man Opfer seines eigenen Update-Tempos geworden. Im halbjährlichen Zyklus bleibt einfach kein Platz für ausführliche Tests. Dass man 1809 jetzt nicht vorschnell wieder auf dem Markt wirft, macht aber Hoffnung, dass man in Redmond dazugelernt hat. (jam)

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