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Microsoft und das "Massenphänomen Raubkopien"

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Denn sie wissen, was sie tun: Laut einer von Microsoft in Auftrag gegebenen Studie zur "Digitalen Mentalität" wissen 90 Prozent der Befragten, dass Raubkopieren von Software einen Straftatsbestand darstellt. Dies erklärte Hergen Wöbken, Mitbetreuer der Umfrage am Institut für Strategieentwicklung der privaten Universität Witten/Herdecke, bei der Vorstellung der Ergebnisse. Das hält zwei Drittel der einbezogenen PC-Nutzer allerdings nicht davon ab, im privaten Bereich selbst Raubkopien zu nutzen. 78 Prozent der Teilnehmer lehnen demgemäß eine Bestrafung von Software-Privatkopierern ab, während gleichzeitig 85 Prozent die Nutzung nicht-lizenzierter Programme in Unternehmen als strafbare Handlung identifizierten und ablehnten.

Klar widerlegt fanden die Forscher ihre zunächst aufgestellte These, dass viele User ein fundamentales Anrecht auf Information für sich beanspruchen und daher auch Software als ein "freies Gut" betrachten würden. Diese Haltung werde zwar etwa von der Open-Source-Szene vertreten und spiegele sich in den Medien häufig wider, erklärte Wöbken. Sie habe sich in den Ergebnissen aber "überhaupt nicht wieder gefunden". Nur ein bis zwei Prozent der Befragten hätten sich in diese Richtung geäußert.

Die Studie sei in zwei Stufen erfolgt, erläuterte der Nachwuchswissenschaftler die Methodik. "Wir haben zunächst mit Experten aus Verbänden, aus dem Bundestag, aus der freien Wirtschaft und Wissenschaftlern gesprochen und daraus Thesen abgeleitet". Die seien dann in einer Online-Umfrage überprüft worden. Beteiligt hätten sich daran rund 500 Nutzer, die über Verteiler der Universität und bei Firmen auf den Fragebogen aufmerksam gemacht worden seien. Ausgewertet wurden davon letztlich aber nur 126. Davon waren 68 Prozent männlich. Die gesamte Gruppe war überdurchschnittlich gut gebildet. Die Macher drückten sich daher davor, von einer "repräsentativen" Studie zu sprechen.

Im Vordergrund stand aber nicht die Statistik, sondern die Frage, ob sich das Raubkopieren zu einer Art sozialer Bewegung in der digitalen Gesellschaft entwickelt habe, betonte der Betreuer der Studie, der Soziologieprofessor Dirk Baecker. Lässt sich die "spezifische Lust, der Kick der PC-Freaks, sich noch ein Produkt auf Festplatte zu holen, als Phänomen der Computergesellschaft" beschreiben, wollte der Wissenschaftler wissen. Die Antworten rund um das Massenphänomen fallen allerdings dünn aus auf den 36 halb bedruckten Seiten der schriftlichen Formulierung der Untersuchungsergebnisse.

Im Kern unterscheiden die Forscher zwischen vier Gruppen von gelegentlichen und häufigen Raubkopierern: Zehn Prozent der Befragten gehören demnach in das Lager der "PC-Freaks". Die sind durchschnittlich 25 Jahre alt, haben eine ausgeprägte Computerkenntnis und fertigen "sehr viele Raubkopien" an. Den CD-Brenner werfen auch gern die 33 Prozent der "Hobby-User" an an, die etwas älter sind und sich als regelrechte Jäger und Sammler nach Inhalten und Software im Netz betätigten. Die größte Gruppe der Teilnehmer (50 Prozent) wollte dagegen nicht viel mit illegalen Kopien zu tun haben und wurde daher als "Pragmatiker" betitelt. Für sie ist der PC ein eher langweiliges Arbeitsgerät. Der Altersdurchschnitt lag hier bei 34 Jahren. Noch ältere Semester bestimmen die mit sieben Prozent kleinste Gruppe der "PC-Profis", die ihren Rechner bestens beherrschen, aber schon auf Grund einer eventuellen "sozialen Fallhöhe" etwa im Beruf kaum mal zur Raubkopie greifen.

Das Hauptproblem im Umgang mit den unterschiedlichen Typen an Softwarepiraten liegt laut Baecker auf der Verständnisebene. Vielen Leuten ginge einfach nicht in den Kopf, was geistige Eigentumsrechte ausmachen würde. Zur "Irritation" für die Industrie werde dann regelmäßig ein Verhalten, "das sich die Verfügung über Produkte selbst zurechnet". Die klassischen Software-Unternehmen gingen in ihren Geschäftsbedingungen dagegen davon aus, dass man nicht ein Eigentumsrecht erwerbe, sondern nur ein Verfügungsrecht zur Nutzung auf einem einzelnen Computer.

Das Dilemma, in den das geistige Eigentumsrecht auf der einen Seite durch die einfache Kopierbarkeit digitaler Güter und auf der anderen Seite durch strengere Lizenzierungsvorgaben der Verwerter gerät, empfehlen die Forscher durch einen "aufgeklärten", auf die einzelnen Nutzertypen zugeschnittenen Dialog sowie durch unterstützende technische Maßnahmen wie den Einsatz von Systemen zum Digital Rights Management (DRM) zu lösen. Viel Sinn mache es zudem, weiter über die juristische Verfolgung von Raubkopierern, wenig aber über "die polizeiliche Durchsetzung" des geltenden Rechts nachzudenken, gab Baecker dem Auftraggeber als Tipp mit auf den Weg.

Bei Microsoft sind die Urheberrechtsexperten noch dabei, ihre Schlüsse aus der Studie zu ziehen. "Das private Feld ist überhaupt kein Umfeld bei uns für die Rechtsverfolgung", gab der für Raubkopien zuständige Konzernjurist Thomas Urek als Parole aus. Auch DRM sei im Softwarebereich noch ein "Zukunftsbereich". "Unsere einzige gute Chance ist Kommunikation", erklärte Urek und verwies auf das neue Urheberrechtsportal der Firma, das Surfer über das geistige Eigentum besser informieren soll. Der Konzern wäre allerdings möglicherweise auch schlecht beraten, wenn er mit Hilfe von Polizei und weiteren Kopierschutzmaßnahmen scharf gegen private Raubkopierer vorginge: Schließlich gründet das Monopol von Microsoft-Produkten wie Windows oder Office nach Meinung vieler Marktbeobachter mit auf dem Vorgehen, bei Privatnutzern ein Auge zuzudrücken und so für eine große Verbreitung der Software zu sorgen. Denn kostenlose Alternativen stehen mit Linux und OpenOffice bereit und setzen dem Redmonder Riesen im Kerngeschäft zu. (Stefan Krempl) / (jk)

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