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Microsoft will Brücke zwischen Dokumentenformaten schlagen

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Microsoft arbeitet mit einer Expertengruppe des Berliner Fraunhofer-Instituts für Offene Kommunikationssysteme (FOKUS) an einer technischen Übersetzungshilfe zwischen dem eigenen Office Open XML (OOXML) und dem von der Internationalen Organisation für Normung (ISO) bereits als offenem Standard abgesegneten Open Document Format (ODF). Eine entsprechende Lösung soll im Rahmen des für Informationstechnik zuständigen Ausschusses NIA-34 beim Deutschen Institut für Normung (DIN) entwickelt werden. Dies erklärte Mario Wendt, Interoperabilitätsarchitekt bei Microsoft Deutschland, am gestrigen Donnerstag beim Workshop E-Government-Standards für Wirtschaft und Verwaltung der Initiative D21 im Bundeswirtschaftsministerium in Berlin.

Laut dem Microsoft-Vertreter arbeitet die entsprechende Arbeitsgruppe beim DIN zusammen mit Novell, Konverter-Herstellern sowie Teilnehmer der französischen Standardisierungsorganisation schon seit fünf Monaten intensiv an "Brücken" zwischen den beiden Dokumentenformaten. Der zunächst gewählte Ansatz, die Strukturen der zwei Spezifikation durch ein direktes "Mapping" miteinander zu vereinen, sei angesichts der Komplexität der Materie fehlgeschlagen. "Man kann nicht einfach ein Papier in der einen Applikation und der anderen nehmen, übereinander legen und abgleichen", meinte Wendt. Schließlich seien Informationen wie Stile, Textpassagen oder Meta-Daten zu berücksichtigen. Deswegen würden bestehende Konverter, mit denen Sun Microsystems etwa ODF in die Windows-Welt zu transportieren versucht, nur wenig befriedigende Ergebnisse erzielen. Beide Standards müssten anders als bei einer solchen "Simultanübersetzung" mit Fehlinterpretationen vielmehr "umfänglich auseinander genommen" und in einem zweiten Schritt wieder "miteinander in Zusammenhang gebracht" werden. Ein erster Entwurf für die Brückenlösung solle nun kommende Woche veröffentlicht werden.

Arnd Layer von IBM Deutschland beäugte den Vorstoß skeptisch. "Wir laufen mit den Übersetzungen in ein Dilemma hinein", meinte der Vertreter von Big Blue. Sollte sich herausstellen, dass diese relativ einfach machbar seien, würde Microsofts OpenXML damit eigentlich überflüssig. Wenn es Schwierigkeiten gebe, könnten die Redmonder dies dagegen als Argument für die Notwendigkeit von zwei parallelen Dokumentenstandards ins Feld führen. Vorteilhafter für die IT-Welt wäre es da, "zusammenzuarbeiten und einen Standard draus zu machen". Falls dies nicht hinhaue, müsse OOXML zumindest im Rahmen der zweiten Stufe der vorläufig geplatzten ISO-Standardisierung "so gut wie möglich gemacht werden".

Zugleich erläuterte Layer die im Rahmen des DIN-Ausschusses festgestellten Hauptprobleme mit der derzeitigen OpenXML-Spezifikation, die zum Schluss in 160 Kommentaren an die ISO weitergeleitet worden seien. Formal seien so etwa bereits Referenzen auf externe Spezifikationen nicht normengerecht gewesen. Zudem habe sich der Jahr-1900-Fehler aus Excel in der 6000 Seiten umfassenden Eingabe wieder gefunden, mit dem in die Tabellenkalkulation ein falsches Schaltjahr gerutscht sei. Auch sei die Plattformunabhängigkeit nicht gewährleistet gewesen, da die Zwischenablage in der Spezifikation allein auf Windows geeicht ist.

Ferner hat Microsoft den Worten Layers zufolge "Un-XML" verwendet, das formal in der Dokumentenbeschreibungssprache gehalten sei, aber im Endeffekt für den Bau proprietärer Binärprodukte herangezogen werde. Zudem habe Microsoft auf eine Unterstützung von VML (Vector Markup Language) für das Abspeichern von Grafiken in Binärformaten bestanden, obwohl über XML-Strukturen das gleiche Ziel erreichbar sei. In einem Kompromissansatz habe man sich in dieser Frage nun geeinigt, dass die VML-Spezifikation in einen Anhang kommt. Damit bleibe aber unklar, was dieser für die Standardkonformität bedeute und von wem er interpretiert werden müsse. Insgesamt berichtete Layer von seinem Eindruck, dass Microsoft all diese "heißen Eisen" bislang noch nicht ernsthaft angegangen habe.

Ein weiterer Microsoft-Gesandter verteidigte den Weg der Redmonder. OpenXML und ODF würden "unterschiedliche Anforderungen und Designziele" verfolgen. Diese würden es unrealistisch machen, "alles zusammenzuwerfen und einen Standard draus zu machen". Dass die anfangs 2000 Seiten umfassende OOXML-Spezifikation sich noch verdreifacht habe, sei zudem auf Wünsche von Partnern wie Novell, Apple oder Banken zurückzuführen. Diese hätten etwa im Interesse von Rückwärtskompatibilitäten eine "ausführlichere Spezifizierung" verlangt.

Der DIN-NIA-34-Obmann Gerd Schürmann vom FOKUS begrüßte prinzipiell, dass sich der Marktführer mit OOXML "sozusagen öffnet" und sein proprietäres Office-Format in XML überführe. Die Rechte an der Spezifikation habe Microsoft schon im ersten Standardisierungsschritt an die ECMA (European Computer Manufacturers Association) abgetreten, sodass diese prinzipiell auch – gegen Bezahlung und unter Beachtung von Patentrechten – für Open-Source-Firmen offen stehe. Da vor allem kleine Firmen bei der ECMA nicht mitarbeiten dürften und somit keinen Einfluss auf die weitere Entwicklung des Standards nehmen könnten, ergebe der Vorstoß auf der ISO-Ebene Sinn.

Erwin Tenhumberg von Sun warf zugleich ungeachtet des Streits über OOXML einen Blick in die Zukunft von ODF. Dabei habe man die "zweite Milliarde Computer-Nutzer im Visier", die gerade in aufstrebenden Ländern auf neue Hardware wie preisgünstige Laptops zurückgreifen würde. Diese Entwicklung fördere den Einsatz von Open Source und offenen Standards. Konkret als erste Verbesserungen in ODF 1.1 nannte er die Einführung von Kriterien für die Barrierefreiheit. Diese bezögen sich etwa auf alternative Texte für graphische Objekte, die korrekte Verknüpfung von Untertiteln mit ihren Objekten oder die Kodierung von Seiteninformationen für Bücher für Blinde. Weiter würden Tabelleninformationen beim Import von anderen Formaten beibehalten; auch die Navigation durch Präsentationen sei einfacher geworden.

Unter Expertenbeteiligung bei der OASIS, der Organization for the Advancement of Structured Information Standards, werden laut Tenhumberg für ODF 1.2 zudem nun neue Formeln vorgesehen, die etwa auf OpenOffice, StarOffice oder Excel beruhen. Damit kämen unterschiedlichste Anwendungsbereiche hinzu, etwa für Logik- und Statistikfunktionen. Bereits bestehende Standards für die Datums- und Zeitdarstellung würden wieder verwendet und herstellerspezifische Namensräume unterstützt. Zudem seien Aspekte wie Workflow und intelligente Dokumente über die Steuerbarkeit von Metadaten für RDF/XML (Resource Description Framework) und OWL (Web Ontology Language) hinzugekommen. Dies lasse Szenarien vom gemeinsamen Editieren von Dokumenten in Echtzeit bis hin zum semantischen Web abbilden. Unterstützt würden so RSS-Feeds, XMP-Bilddaten von Adobe oder auch digitale Signaturen über eine Spezifikation des World Wide Web Consortium (W3C). ODF 1.2 soll Tenhumberg zufolge gesondert auch wieder bei der ISO standardisiert werden. (Stefan Krempl) / (jk)