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Microsoft zahlt für neutralen Wikipedia-Artikel

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Immer wieder geraten Personen und Firmen ins Gerede, weil sie Artikel über sich oder ihre Produkte in der freien Online-Enzyklopädie Wikipedia einseitig schönen lassen wollen. Microsoft hat einen unverfänglicheren Weg gewählt: Nach Angaben des XML-Experten Rick Jelliffe wurde er von dem Softwarekonzern engagiert, um Fehler im Wikipedia-Eintrag zum von Microsoft entwickelten Standard Open XML zu korrigieren.

Im XML-Blog des O'Reilly-Verlags schildert Jelliffe das Angebot aus Redmond: Er habe vor einigen Tagen eine Mail mit dem Jobangebot erhalten, eine ausgewogenere Sichtweise auf den Konflikt zwischen den Standards ODF und Open XML in die Wikipedia einzubringen. "Microsoft ist offensichtlich frustriert über den Einfluss einiger ODF-Befürworter in der Wikipedia", erklärt Jelliffe.

Seine eigene Rolle sieht Jelliffe als die des neutralen Experten, der Falschbehauptungen beider Seiten in dem Konflikt korrigieren will. "Es geht mir gegen den Strich, wenn der ISO-Prozess in eine Art Schlammschlacht ausartet", erklärt der Autor. So lege die Darstellung des Begutachtungsprozesses in der Wikipedia den Schluss nahe, dass Microsoft den zuständigen Gremien zu wenig Zeit zur Begutachtung des Standards gegeben habe. Jelliffe äußert sich auch zur Sache: So sieht er zum Beispiel Pluspunkte bei Open XML, wenn es um die Archivierung von Dokumenten geht, während er beim Dokumentenaustausch klar ODF im Vorteil sieht.

Ob Jelliffe überhaupt noch dazu kommt, seine Änderungen in den Wikipedia-Artikel einzuarbeiten, ist ungewiss. Als die Nachricht vom Jobangebot Microsofts bekannt wurde, fingen mehrere Wikipedia-Autoren an, den Artikel zu überarbeiten und auch die von Jelliffe angesprochenen kritischen Punkte im Artikel zu verbessern. Derzeit diskutieren mehrere Autoren über die Neutralität und die Verbesserung des Artikels. Im Artikel selbst wurde ein Baustein eingefügt, um unbefangene Leser vor der vermeintlich parteiischen Darstellung in dem Artikel zu warnen.

Microsoft verhielt sich mit dem Hinzuziehen eines neutralen Dritten taktisch geschickter als andere Firmen, die ihr Glück mit der Bearbeitung von Wikipedia-Einträgen versuchten. Im Herbst vergangenen Jahres sorgte das Angebot der Firma MyWikiBiz für Aufsehen, die für eine Gebühr zwischen 49 und 99 US-Dollar anbot, Wikipedia-Artikel über bestimmte Firmen anzulegen. Nach einer heftigen Debatte wurde der Account der Firma von Wikipedia-Gründer Jimmy Wales gesperrt.

Mit einer weiteren Maßnahme versucht die Wikipedia kommerzielle Link-Spammer abzuhalten. Auf Initiative von Wales wurde jetzt wieder das Nofollow-Attribut zu allen Links innerhalb der Wikipedia hinzugefügt. Dies soll verhindern, dass in der Online-Enzyklopädie untergebrachte Links von Suchmaschinen wie Google ausgewertet werden. Suchmaschinenoptimierer versuchen mit solchen Links häufig eine bessere Positionierung ihrer Seiten auf den Ergebnisseiten zu erreichen. (Torsten Kleinz) / (Torsten Kleinz) / (pmz)

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