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Microsofts OpenXML verpasst (vorerst) Befürwortung als ISO-Standard

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Knapp daneben ist auch vorbei – Microsoft hat die Befürwortung des Dokumentenformats Office Open XML (OOXML) für eine ISO-Standardisierung nach Angaben des Softwarekonzerns ganz knapp verpasst. Angesichts der vielen Ja-Stimmen spricht Microsoft aber bereits von "starker weltweiter Unterstützung für OpenXML vor der abschließenden Phase des ISO-Standardisierungsprozesses".

Über ein Drittel der qualifizierten Stimmberechtigten hielten die Spezifikation demnach momentan noch nicht reif für die Weihen der Internationalen Organisation für Normung (ISO). Der Microsoft-Entwurf hat somit bei seinem ersten Anlauf nicht die erforderlichen Mehrheiten für eine rasche Standardisierung per "Fast Track"-Verfahren gefunden. Die OpenXML-Spezifikation hat weder die erforderliche Mehrheit der voll stimmberechtigen Länder erhalten, noch haben sich ausreichend Mitgliedsstaaten der ISO insgesamt für das Format erwärmen können.

Offiziell hat die Genfer Normierungsinstitution das Wahlergebnis noch nicht vorgelegt. Zuletzt verdichteten sich aber die Spekulationen, dass das Microsoft-Vorhaben zunächst durchgefallen sei. So lautet auch gemäß der Kritikerseite OOXML das Resultat in diesem Stadium des Verfahrens "Nein". Zur Veranschaulichung der bisher bekannten Ergebnisse hat der spanische Ableger des Fördervereins für eine Freie Informationelle Infrastruktur (FFII) eine Weltkarte zur OpenXML-Abstimmung erstellt.

Die Redmonder freuen sich trotzdem über die von ihnen ausgemachte "starke globale Unterstützung". 51 der ISO-Mitglieder, die 74 der benötigten 75 Prozent der qualifizierten Stimmen repräsentieren, hätten sich für die Spezifizierung ausgesprochen. Tom Robertson, der bei Microsoft für Interoperabilität und Standards zuständig ist, spricht daher von einem "Meilenstein bei der breiten Adoption von OpenXML-Formaten auf der ganzen Welt zum Wohle von Millionen Kunden". Zugleich gab er der Hoffnung Ausdruck, dass OOXML bei der Endabstimmung Anfang 2008 nach Korrekturen als ISO-Standard ratifiziert werde.

Im Lauf der vergangenen 24 Stunden war bekannt geworden, dass sich auch die Standardisierungsinstitute von Großbritannien, Frankreich, Lettland und Korea derzeit gegen eine ISO-Standardisierung von OpenXML ausgesprochen hatten. Die drei Länder reihten sich damit in die Gruppe der Skeptiker ein, die im Rahmen der Vorabsondierung der ISO ein mit Kommentaren versehenes "Nein" zu dem Vorstoß der Redmonder für einen weiteren offenen Dokumentenstandard neben dem Open Document Format (ODF) ausgesprochen haben. Sie stellen sich so zwar nicht gänzlich gegen OpenXML, halten die rund 6000 Seiten umfassende Spezifikation aber noch für stark verbesserungswürdig.

Für ihre Ablehnung einer ISO-Standardisierung von OOXML zum gegenwärtigen Zeitpunkt finden die Normierungseinrichtungen oft verklausulierte Umschreibungen. Das British Standards Institute (BSI) etwa schreibt, dass der mit der Frage befasste Expertenausschuss "eine Reihe technischer Angelegenheiten" in der Formatbeschreibung ausgemacht habe. Die damit erfassten Probleme müssten beseitigt werden, bevor Großbritannien OpenXML als internationalen ISO-Standard anerkennen könne. Noch stärker in Watte gepackt drücken die Iren ihre unter anderem mit Dänemark, Norwegen sowie China, Indien und Brasilien geteilten Vorbehalte aus. Man habe – wie die anderen Nein-Sager – die momentane Missbilligung des Vorhabens mit den üblichen technischen Kommentaren versehen, heißt es in Irland, wo Microsoft kein unbedeutender Arbeitgeber ist. Diese Entscheidung stelle im Endeffekt aber ein "qualifiziertes Ja" dar, wenn die kritisierten Punkte "zufriedenstellend" gelöst und in einen neuen Entwurf eingebaut würden. Diese Voraussetzungen müsste Microsoft für die Umwandlung des unter Vorbehalt erteilten "Neins" in ein tatsächliches "Ja" aber zunächst erfüllen.

Die französische Normierungsstelle AFNOR (Association Française de Normalisation) erteilte OOXML ebenfalls nach zwei stürmischen Ausschusssitzungen eine mit Kommentaren verknüpfte Ablehnung. In der Mitteilung zu der Entscheidung machen die Franzosen den ungewöhnlichen Vorschlag, OpenXML und ODF mittelfristig zu verschmelzen. In der Zwischenzeit könne OOXML der Status einer "technischen Spezifikation" und somit einer Vorstufe zu einem ISO-Standard zuerkannt werden. Der AFNOR zufolge sollte die OOXML-Spezifikation zweigeteilt werden in eine Umschreibung des Kernformats, die mit ODF kompatibel sein sollte, und darauf aufsetzender Erweiterungen und Anwendungen.

Länder wie Australien, Mexiko und Indonesien enthielten sich bei der Abstimmung, während sich Zypern sowie – in einem wiederholt bemängelten Verfahren – Deutschland oder die USA für die ISO-Standardisierung von OpenXML ausgesprochen haben. Ungarn entschied sich laut einem Bericht von Groklaw zunächst für eine erneute Abstimmung, da beim ersten Versuch Unregelmäßigkeiten aufgetaucht seien. Zuvor hatte Schweden seine Befürwortung aus vergleichbaren Gründen in eine neutrale Position umgewandelt. Zu Protesten gegen ungebührlichen Lobby-Einfluss von Microsoft auf die Voten ist es zudem in Polen und in der Schweiz gekommen. Die Eidgenossen stimmten letztlich für OpenXML.

Schelte für das Wahlprozedere teilen Blogger wie Andy Updegrove aus, die das ISO-Verfahren seit einiger Zeit im Auge behalten haben. Er moniert, dass die gemeldeten Unstimmigkeiten aus einigen Ländern einen Schatten auf die Glaubwürdigkeit des ISO-Verfahrens geworfen haben. Für die renommierte Normungsinstitution komme es daher besonders darauf an, die Validität und Integrität des Endergebnisses unter Beweis zu stellen. Sonst drohe das gesamte System Schaden zu nehmen. Updegrove wirft Microsoft zudem an erster Stelle vor, sich nicht die Zeit für die Erstellung einer sauberen Spezifikation genommen zu haben.

Siehe zu den Dokumentenformaten und ihrer Standardisierung auch:

(Stefan Krempl) / (jk)