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Microsofts zweiter Sturm aufs Internet

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Schon länger kursierten Gerüchte, dass Microsoft an einem größeren Projekt unter dem Codenamen "Hagelsturm" (Hailstorm) arbeitet. Am gestrigen Montag nun hat der Software-Riese im Detail erläutert, was es mit diesem Bestandteil seiner .NET-Strategie auf sich hat: Er möchte noch 2001 eine Vorabversion, 2002 schließlich die erste Fassung seiner "benutzerzentrierten Web-Dienste" vorstellen. Diese Dienste sollen die verschiedenen Gerätschaften, mit denen es die Benutzer heute zu tun haben, etwa Handy, PDA und PC, verheiraten. Sie alle sollen aus dem Datenfundus schöpfen, der auf den Servern abgelegt ist, die Microsoft in Zukunft für Hailstorm betreiben will.

Die Grundlage dieser Angebote bildet eine Anmeldung bei Microsoft über den schon jetzt betriebenen proprietären Dienst namens "Passport". Dahinter steckt letztlich eine Online-Identität, die einen Benutzer nicht nur gegenüber Microsoft, sondern auch gegenüber teilnehmenden Websites ausweist. Dieses Ausweisen geht so weit, dass ein Nutzer sogar seine Kreditkartendaten dort ablegen und mit wenigen Mausklicks einkaufen kann, ohne jedes Mal die obligatorische Anmeldung und Eingabe der Abrechnungsdaten erledigen zu müssen. Die Anmeldung soll zu Anfang kostenlos sein. Einen guten Start erhofft sich Microsoft allein deshalb, weil sich bei Hotmail - ein Zubringer für Passport - inzwischen 160 Millionen Benutzer angemeldet haben.

Mit Passport, dem Schlüssel zu Hailstorm, kann man auf weitere Dienste, darunter zentral geführte Kalender, Adressbücher, Postfächer für E- und Voice-Mail, Favoriten und sogar Speicherplatz für beliebige Dokumente, zugreifen. Darüber hinaus beinhaltet Hailstorm Funktionen für "Kurznachrichten" (Instant Messaging) - einem Feld, in dem sich Microsoft einen erbitterten Wettkampf mit AOL liefert.

Gewiss wird es der Software-Riese verstehen, seine Produkte so auszulegen, dass sie ideale Frontends für die Datenspeicherung auf den Hailstorm-Servern darstellen (Hailstrom-Endpoint von Microsoft genannt). Den Clou von Hailstorm sieht Microsoft indes darin, dass es mit einer Vielzahl von Geräten möglich sein soll, auf die zentral abgelegten Informationen zuzugreifen. Das Internet dient dabei als Mittler. Für die eigentliche Kommunikation will Microsoft auf offene Standards wie XML und das Simple Object Access Protocol (SOAP) setzen.

Aus seinem Misserfolg bei der Einführung des Microsoft Network (MSN) hat der Software-Riese eine Lektion gelernt - so etwas geht nicht ohne Partner: Microsoft will die Betreiber von Websites animieren, ihrerseits Hailstorm-Dienste anzubieten. Einige Partner hat man sich schon ins Boot geholt, darunter zum Beispiel schon vor einigen Tagen eBay. Die Ankündigung Microsofts begleitete neben American Express auch Groove Networks, eine neue Firma des Lotus-Gründers Ray Ozzie, die derzeit mit einer Peer-to-Peer-Groupware Furore macht - beide wollen Microsofts neue Technik verwenden.

Langfristig dürfte sich Hailstorm für Microsoft auszahlen: Der Software-Riese wird nicht nur an den Benutzern verdienen, die für die Nutzung der Basis-Dienste auf Microsofts Servern zahlen, sondern auch an Firmen, die für Hailstorm entwickeln, also ihre Websites kompatibel zu Microsofts Idee machen - gratis wird es die "Building Blocks" zum Erstellen solcher Anwendungen nicht geben. Letztlich lockt Microsoft beide Seiten in die Abhängigkeit. In seiner Ankündigung hat Microsoft zwar mehrfach betont, dass es sich um eine offene Entwicklung handelt, die auch für andere Plattformen, etwa Linux, offen steht, doch wie stark das Engagement Microsoft dafür ausfällt, muss sich erst zeigen.

Bei den Mitbewerben, allen voran bei AOL Time Warner und Sun, läuten schon die Alarmglocken. Vertreter von AOL trafen sich mit Staatsanwälten, die mit dem Kartellprozess gegen Microsoft befasst sind. Ob Microsoft sich mit Hailstorm einen Wettbewerbsvorteil verschafft, wie seinerzeit mit der Integration des Browsers in das Betriebssystem, ist noch nicht abzusehen. Die Integration von Passport und Instant Messaging ins zukünftige Windows XP scheint jedenfalls schon beschlossene Sache bei Microsoft zu sein - der Software-Riese zeigt sich gewohnt dickhäutig und weist jeglichen Vorwurf von sich. (ps)