Midemlab: Selfie-Karaoke, Armband für mehr Bass und Vinyl

Auf der Musikmesse Midem konkurrierten im Midemlab 30 Start-ups um die Gunst der Jury. Vielleicht befindet sich unter ihnen das nächste Soundcloud, Songkick oder The Next Big Sound – allesamt ehemalige Midemlab-Gewinner.

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Midemlab: Innovationsfabrik der Midem
Von
  • Gideon Gottfried

Im französischen Cannes fand am vergangenen Wochenende die Midem statt, die weltgrößte Musikmesse. Dort konkurrierten auch Dutzende Start-ups um die Preise der Jury. Wichtigstes Thema war diesmal die immense Menge an verfügbarer Musik. Gleichzeitig haben die meisten Menschen weder Zeit noch Muße, sich durch Abermillionen von Songs zu wühlen. Kuration lautet das Stichwort. Spotify, Deezer, YouTube und Co. setzen auf jeweils eigene Algorithmen und Experten, um ihren Hörern Musik näher zu bringen. Einige Midem-Start-ups gehen da noch weiter.

Das französische Start-up Soundsgood will sämtliche existierenden Kuratoren unter einem Dach vereinen, CEO Josqiun Farge nennt sein Unternehmen "Pinterest für Musik“. Als "Tripadvisor für Musik“ versteht sich dagegen das ebenfalls aus Frankreich stammende The Best Song. Das Start-up erstellt Charts aus den Songs, die auf den verschiedenen Musikdiensten am beliebtesten sind.

"90 Prozent der Künstler werden überhaupt nie gehört“, so Alvaro Gomez, Mitgründer von Tradiio. Der Portugiese will aus den Nutzern seiner Plattform Talent-Scouts machen, die über eine virtuelle Währung den Marktwert ihrer Lieblingskünstler steigern. Labels, Markenabieter, Medien, Spielstätten und Festivals sollen auf diese Art einen Überblick über aktuelle Trends erhalten.

Bei Fusic verschmelzen Karaokevideos mit Künstlervideos zu einem Gesamtkunstwerk.

Gewonnen hat jedoch ein Start-up, das mit Musikempfehlung nichts am Hut hat: Das israelische Fusic erlaubt den Nutzern, sich beim Karaokesingen zu filmen und das Video in sozialen Netzwerken zu teilen. Die App kombiniert die Amateuraufnahmen automatisch mit dem Video des Original-Songs. Es sei eine neue Art, eine Künstler-Fan-Bindung zu aufzubauen, so Geschäftsführerin Liat Sade-Sternberg. Für die Jury spiegelte diese Geschäftsidee die Bedürfnisse der Selfie-Generation am besten wider.

Sie sah in Fusic zudem großes Potenzial zur Monetarisierung, beispielsweise könnten Marken die Reichweite einer bekannten Künstlerin wie Katy Perry nutzen, um auf der Plattform Millionen von Fans anzusprechen.

In der Kategorie Marketing & Monetarisierung wurde Unique Sound aus den USA ausgezeichnet. Auf der Plattform können Komponisten und Sound-Designer ihre Dienste anbieten und gebucht werden. Es gebe für alles eine passende Plattform, so CEO Romain Cochet, außer für die immerhin drei Millionen Komponisten weltweit auf der Suche nach Arbeit. "Das macht keinen Sinn!“, betonte er. L’Oreal, Samsung und Vice Media zählten zu den ersten Kunden von Unique Sound, das 35 Prozent an jeder Buchung verdiene. Ob das nicht ein bisschen viel sei, wollte die Jury wissen. Nicht, wenn man es mit anderen Musikdatenbanken vergleiche, so Cochet.

Ein ähnliches Konzept verfolgt Clowdy aus Großbritannien, das als Marktplatz für Kreativköpfe aller Branchen fungieren möchte. Das Besondere, laut Mitgründer und CTO Damien Shells, sei das Verzeichnis, in dem alle Mitglieder, die jemals an einem Projekt auf Clowdy beteiligt waren, gelistet würden. Mit Rekrutierung sei heute eine Menge Geld zu verdienen, so Shells.

Sich ebenfalls einen Trend zunutze machen will Vinyl It. Vinyl boomt, wenn auch in einer Nische. Da die Schallplatte jedoch lange Zeit als ausgestorben galt, kommen die Presswerke der steigenden Nachfrage aktuell kaum hinterher. Das Team von Vinyl It mastert jeden beliebigen Song, presst ihn auf Platte und liefert sie in einer individuell gestalteten Hülle aus – in acht Tagen ab Bestellung.

Mit Dice stellte sich ein Unternehmen vor, dass den etablierten Ticket-Anbietern Konkurrenz machen dürfte. Das britische Start-up verzichtet auf die meisten Gebühren, die traditionell auf einen Ticketkauf erhoben werden. Wie Head Of Music Russ Tennen erklärte, sei Dice zudem der einzige Anbieter mit einer Warteliste, sollte jemand ein Ticket zurückgeben. Die Möglichkeit, Tickets umzutauschen, sei ebenfalls ein Alleinstellungsmerkmal

Auch ein deutsches Start-up war unter den Gewinnern des Midemlab: The Basslet, ein Armband, das Bass auf die Knochen überträgt. Es sei eines der Dinge, die man ausprobieren müsse, um zu verstehen, was daran so besonders sei, erklärte CEO Daniel Büttner, der im Anschluss an seinen Vortrag eine lange Menschenschlange abzufertigen hatte.

Das Lucie Entertainment Wristband pulsiert farbig im Takt der Musik; nett in der Disco und bei Konzerten

Wearables haben Hochkonjunktur. Mit Trak und Lucie Labs aus Frankreich setzten zwei weitere Start-ups auf Armbänder: das eine mit Musikerkennungs-, das andere mit zur Musik pulsierenden LEDs. "Ich mache mir langsam Sorgen um die Zahl der Armbänder, die ich tragen muss, um Musik hören zu können“, scherzte Brian Solis aus der Jury.

Für die lauteste Reaktion des Publikums sorgte das französische Start-up Phonotonic. Über zwei Sensoren erzeugte CEO Nicolas Rasamimanana Musik: die Melodie mit der einen, den Rhythmus mit der anderen Hand.

Die drei Midemlab-Gewinner erhalten in den kommenden Monaten vor allem kostenlose Promo über sämtliche Kanäle der Midem sowie professionellen Rechtsbeistand. Das nächste Soundcloud war in diesem Jahr zwar nicht dabei, doch Streaming-Dienste gibt es ohnehin genug, zumal mit Apple ein weitere Anbieter ins Streaming-Geschäft einsteigt. (vza)