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Milliarden-Schaden durch "Liebesbrief"

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Zusammenfassung: Der als Liebesbrief getarnte E-Mail-Wurm "ILOVEYOU" hat nach Ansicht von Experten möglicherweise wirtschaftliche Schäden in Milliardenhöhe verursacht. Weltweit wurden die E-Mail-Systeme vieler Unternehmen, Behörden und Parlamente lahm gelegt. Am Freitag bekam das VB-Script wie erwartet Ableger in Form neuer Varianten. Die Herkunft des Programms wurde bis auf die Philippinen zurückverfolgt, wo ein nicht näher identifizierter 22-Jähriger als Urheber verdächtigt wird.

"Es ist der bösartigste, schädlichste, teuerste und am schnellsten um sich greifende Virus in der Computergeschichte", sagte Peter Tippett von der US-Computersicherheitsfirma ICSA.net. Allein in Nordamerika dürfte ein Schaden von einer Milliarde Dollar entstanden sein. Darin sind Produktionsausfälle sowie Kosten für die Beseitigung von Softwareschäden und für neue Antivirusprogramme enthalten.

Die EU-Kommission kündigte am Freitag an, sich verstärkt um die Computersicherheit zu bemühen. "Dieser Virus ist eine Warnung an uns alle, dass der Sicherheit die höchste Priorität beim Eintritt in das Informationszeitalter eingeräumt werden muss", hieß bei der Kommission in Brüssel. Nur so könne das Vertrauen der Verbraucher und Investoren in den elektronischen Handel erhalten bleiben. In der Brüsseler Behörde selbst habe es lediglich unmaßgebliche Schäden gegeben.

Der falsche Liebesbrief drang in mehrere Bundes- und Länderministerien in Deutschland vor. Eine abschließende Schadenbilanz liege noch nicht vor, sagte ein Sprecher des Bundesinnenministeriums. Totalzusammenbrüche von Computer-Systemen blieben aber nach einer ersten Übersicht aus.

Beim ZDF in Mainz legte "ILOVEYOU" die gesamte Kommunikation lahm. Der Sendebetrieb und die dafür notwendigen Computer seien aber zu keinem Zeitpunkt beeinträchtigt gewesen. Die Produktion der "Mittelbayerischen Zeitung" in Regensburg wurde massiv getroffen. Das Blatt erschien am Freitag nur in einer Notausgabe. Bei Siemens war die interne Kommunikation stundenlang eingeschränkt. "Insgesamt ist es noch einmal glimpflich abgegangen. Schließlich kann man immer noch per Telefon und Fax kommunizieren", sagte ein Unternehmenssprecher.

"ILOVEYOU" infizierte auch den Terminkalender der Expo 2000. Expo-Geschäftsführerin Birgit Breuel, die selber keinen Computer auf ihrem Schreibtisch hat, wird allerdings keinen Termin versäumen: Ihr Sekretariat hat parallel zu dem elektronischen Planer noch einen anderen auf Papier geführt, versicherte die Expo-Gesellschaft.

Die elektronische Liebesbrief-Flut beflügelte die Aktien von Software-Unternehmen, die Programme zur Datensicherheit anbieten. Am Frankfurter Neuen Markt verbuchten die Aktien der Anbieter von Sicherheits-Software wie Utimaco oder Norcom am Freitag zeitweise ein starkes Plus. Als stärkste Gewinner legten Norcom-Aktien bis kurz vor Börsenschluss um über acht Prozent auf 96 Euro zu.

In ganz Europa hatte der elektronische Wurm zu Ausfällen in der elektronischen Kommunikation geführt: In Skandinavien und Großbritannien waren neben Privatfirmen auch die Parlamente betroffen. In Belgien wurden nach Medienberichten fast die Hälfte aller Computer vom Virus heimgesucht.

In Spanien erwischte es etwa eine halbe Million Computer – darunter 80 Prozent der Rechner der wichtigsten Firmen sowie mehrere Zeitungen und Fernsehsender. In Italien hatten vor allem kleinere Firmen mit "ILOVEYOU" zu kämpfen.

In den USA schlich sich der Wurm in die Netzwerke des Kongresses, des Verteidigungsministeriums, der Zentralbank, der Küstenwache und vieler weiterer Behörden ein. 60 bis 80 Prozent aller Unternehmen waren ebenfalls betroffen. Japan und China wurden dagegen kaum berührt – dort sind viele Unternehmen wegen mehrerer Feiertage in dieser Woche geschlossen.

Bei der Suche nach dem Urheber des getarnten E-Mail-Wurms will der philippinische Internet-Provider AccessNet auf die Spur eines 22-Jährigen aus der Hauptstadt Manila gestoßen sein. Er benutze Pre-paid-Karten, mit denen man anonym Zugang zum Internet bekommen könne, und habe die E-Mail-Adresse spyder@super.net.ph verwendet, hieß es. Im Nationalen Computer Zentrum (NCC) der Philippinen wurde dies jedoch als "reine Spekulation" bezeichnet. Das Programm "könnte von überall her kommen", sagte NCC-Direktor Ramon Seneres. (dpa)

Siehe auch ILOVEYOU: Gegenmaßnahmen (cp)