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Minecraft wird 10: Tüfteln, Bauen, Staunen

Am Anfang war der Klotz: Vor zehn Jahren legte ein schwedischer Nerd den Grundstein für eines der größten Phänomene der Videospielgeschichte.

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(Bild: Microsoft)

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154 Millionen verkaufte Spiele, rund 90 Millionen regelmäßige Spieler weltweit und eine riesige Youtube-Community, die ihre eigenen Kreationen mit der ganzen Welt teilt – Minecraft ist der kreative Motor einer jungen Videospielergeneration und, nach Tetris, das zweitmeistverkaufte Videospiel aller Zeiten.

Bis 2009 war der schwedische Nerd und Programmierer Markus "Notch" Persson ein unbeschriebenes Blatt in der Spieleszene. Sein bisheriges Werk bestand hauptsächlich aus ein paar kleineren Projekten, die er für Spiele-Wettbewerbe auf die Beine stellte. Inspiriert von Titeln wie Dwarf Fortress und Dungeon Keeper schuf er dann mit Minecraft im Alleingang sein Meisterwerk.

Die frühe Version des Spiels gab mit ihren simplen Mechaniken den Spielern die volle kreative Kontrolle über das Spielerlebnis. Sie erkundeten eine zufallgenerierte Welt, bauten Rohstoffe ab und bastelten sich daraus neue Werkzeuge oder Baustoffe. Aus einer kleinen Holzhütte wurde mit viel Geduld und Fleiß eine stattliche Festung, die den Spieler vor den nächtlichen Bedrohungen schützte. Trotz zahlreicher Veränderungen seit dem Start vor zehn Jahren ist Minecraft diesem Konzept im Kern bis heute treu geblieben.

Minecraft wurde aus dem Stand zum Hit. Das lag auch an der ungewöhnlichen Vertriebsform. Anstatt das Spiel einfach so auf den Markt zu werfen, veröffentlichte Notch die unfertige "Classic"-Version und schuf damit eine der ersten erfolgreichen Early-Access-Kampagnen der Spielegeschichte. Wer will, kann diese Urversion heute wieder im Web-Browser spielen.

Als die Verkaufszahlen und die Arbeit an den ständigen Updates anstiegen, gründete Notch das Entwicklerstudio Mojang, das sich bis heute aktiv um Minecraft kümmert – andere Projekte des Studios erwiesen sich als Flop.

Minecraft: Ein Spiele-Phänomen wird 10 (4 Bilder)

Die Classic-Version von Minecraft ist inzwischen kostenlos im Browser spielbar. So sah das Spiele-Phänomen aus, als es noch ganz frisch war.
(Bild: heise online)

Als Minecraft 2011 fast 10 Millionen registrierte Accounts erreichte und auf dem Independent Games Festival den Hauptpreis gewann, zog sich Notch aus der Entwicklung zurück. Die kreative Kontrolle übergab er an Jens "Jeb" Bergensten, die Rechte am Spiel verkaufte er 2014 für 2,5 Milliarden Dollar an Microsoft. Notch hatte genug von Minecraft und zog sich in seine 70-Millionen-Dollar-Villa zurück. Von dort fällt er jetzt immer mal wieder mit frauenfeindlichen Aussagen, Beleidigungen und kruden Verschwörungstheorien auf. Für Minecraft-Rechteinhaber Microsoft war das zu viel: Zur offiziellen Jubiläumsfeier von Minecraft wurde der Schöpfer gar nicht erst eingeladen.

Die Skandälchen im Hintergrund kümmert die riesengroße Community wenig. Im Gegenteil – sie basteln beständig an der Minecraft-Legende. Nachdem das Spiel nach dem PC-Release auf Konsolen und Mobile-Plattformen veröffentlicht worden war, wuchs die Spielerzahl stetig an. In teilweise jahrelanger Kleinarbeit entstanden riesige, komplexe Bauten, Gemälde oder sogar virtuelle Maschinen. Minecraft weckt mit seinem einfachen Spielprinzip die Lust am Gestalten und am Bauen.

So baute ein Team aus China die Verbotene Stadt in Peking in zwei Jahren nach. Andere Bastler nahmen sich die Festung Minas Tirith aus Herr der Ringe vor, natürlich darf Westeros aus Game of Thrones auch nicht fehlen. Wer es gerne etwas schräger mag, darf sich auch ansehen, wie eine riesige TNT-Toilette in die Luft gesprengt wird. Der Hobby-Bauer Joshua Walker bastelte sogar die USS Enterprise mit knapp 4 Millionen Minecraft-Blöcken in annähernder Originalgröße nach.

Andere gehen ihr Hobby pragmatischer an. Gleich mehrere Spieler bastelten in Minecraft einen funktionierenden 3D Printer, der User Salajah konstruierte mit den so genannten Redstone-Steinen sogar einen funktionierenden Computer, der mit einer zugegeben bescheidenen Geschwindigkeit von 0,208 Hz einfache Rechenaufgaben ausführen kann. Die Mod ComputerCraft toppt diese Leistung, indem sie dem Spiel programmierbare Blöcke hinzufügt. Auf Basis der Programmiersprache Lua können dann einfache Programme in Minecraft geschrieben werden.

Andere benutzergenerierte Inhalte liefern neue Karten, neue Monster oder neue Texturenpakete, die das Block-Design visuell aufpeppen. Allerdings gibt es diese Mods nur für die Java-Version des Spiels: Ja, die verschiedenen Fassungen sind für Neuankömmlinge etwas undurchsichtig. Die Java-Version ist nicht kompatibel zur Windows-10-Version, die auf der Pocket-Edition und später der so genannten Bedrock-Edition aufbaut. In China gibt es eine spezielle, kostenfreie Minecraft-Version und an Schulen wird seit 2016 eine Education Edition im Unterricht genutzt. Dazu kommen noch Ableger wie das Abenteuerspiel Minecraft: Story Mode von Telltale, das auch als interaktive Fernsehserie umgesetzt wurde.

Bei so viel Geschäftssinn wundert es nicht, dass sich im Spiel auch die berüchtigten Mikrotransaktionen finden, die auf einer Art Marktplatz neue Skins für die Avatare, neue Welten oder Sounds gegen Echtgeld anbieten. Minecraft ist schon längst kein kleines Indie-Projekt mehr, sondern das Herz einer gut geölten Marketingmaschine.

Namen wie Paluten. Arazhul oder DoctorBenx kennt heute fast jeder deutsche Minecraft-Fan. Diese YouTuber haben durch Minecraft-Let‘s-Plays Millionen von Abonnenten gewonnen. Sie bauen, experimentieren und denken sich Geschichten aus. Paluten hat es sogar mit seinem Minecraft-Roman "Die Schmahamas-Verschwörung“ bis auf die Spiegel-Bestsellerliste gebracht.

Keiner von ihnen ist aber so erfolgreich wie Erik Range alias Gronkh, der sich als einer der ersten Let‘s Player dank seiner Minecraft-Videos ein kleines Medienimperium aufgebaut hat. Inzwischen zählt sein YouTube-Kanal knapp 5 Millionen Abonnenten. Minecraft hat maßgeblich den Aufschwung der Let‘s-play-Videos im Internet geprägt. Bis heute haben laut Microsoft 160 Millionen Menschen über 5 Milliarden Stunden Minecraft-Videos geschaut, zeitweise war es das meistgesehene Videospiel auf YouTube.

In seiner zehnjährigen Geschichte hat sich Minecraft vom kleinen Indie-Projekt eines schwedischen Nerds zu eine der erfolgreichsten Videospielmarken aller Zeiten entwickelt. Es hat eine ganze Spielergeneration geprägt und mit Millionen von Let‘s Plays unsere Sicht auf Videospiele nachhaltig verändert.

Der andauernde Erfolg liegt auch daran, dass sich Minecraft jeglichen Modeerscheinungen entzieht und seinem pixelgen Sandbox-Prinzip treu bleibt. Am Ende ist es das Vertrauen auf die nicht enden wollende kreative Kraft der Spieler, die Minecraft zum größten kulturellen und wirtschaftlichen Phänomen der Videospielgeschichte macht. (dahe)