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Minix wird NetBSD-kompatibel und soll auf ARM laufen

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Das französische Online-Magazin LinuxFr.org hat ein Interview mit Andrew Tanenbaum über die Zukunft von Minix und den aktuellen Entwicklungsstand veröffentlicht. Dabei enthüllte Tanenbaum, dass eine ARM-Portierung von Minix unmittelbar bevorsteht und dass das System künftig kompatibel zu NetBSD sein soll, um NetBSD-Programme auch unter Minix nutzen zu können.

Die Zukunft von Minix sieht Tanenbaum bei Embedded-Systemen und bei Rechnern, die ein besonders robustes Betriebssystem ohne Ausfallzeiten benötigen. So ließe sich Minix nahezu vollständig im Betrieb aktualisieren, sofern nicht der winzige Micro-Kernel ausgetauscht werden müsse – etwas, woran bei Windows oder Linux nicht zu denken sei.

Ein normaler Benutzer erwarte, dass ein Gerät einfach immer funktioniere, also die mittlere Zeit bis zu einem Ausfall (MTBF) 50 Jahre betrage. Zwar behauptet Tanenbaum in dem Interview nicht, dass Minix diese Forderung erfüllen könne, erwähnt jedoch umfangreiche Tests mit Fehlersimulationen, die Minix mit Bravour bestanden hätte. Es wäre nur zu einer Handvoll Abstürzen gekommen, bei denen stets der PCI-Bus-Controller versagt und einen Kaltstart des Rechners erfordert habe.

Bereits im Januar 2012 soll die Portierung von Minix auf ARM-Prozessoren beginnen und damit der Embedded-Bereich erschlossen werden. Dort gebe es laut Tanenbaum noch niemanden, der eine marktbeherrschende Stellung einnehme. Auch würde Linux in diesem Bereich nicht gewinnen. Seinen Marktbeobachtungen zufolge enthielten 30 Prozent der Embedded-Systeme gar kein Betriebssystem, weitere 30 Prozent verwendeten ein Eigenentwicklung und den Rest würden sich viele Anbieter teilen wie QNX, Green Hills, VxWorks, Linux, NetBSD und andere. Es gebe derzeit nicht einmal einen Big Player im Embedded-Markt, selbst Android sei nur auf Smartphones und Tablets verbreitet – wobei Google bemerkenswerterweise eine ganze Menge Code aus dem Linux-Kernel entfernt und durch Userland-Code von BSD ersetzt hätte, um das Ganze zu vereinfachen und die Beschränkungen der GPL zu vermeiden.

Darauf angesprochen, ob Minix vielleicht das heute dominierende freie Betriebssystem wäre, wenn Tanenbaum damals die GPL als Verbreitungslizenz gewählt hätte, verneinte er: Jetzt, wo es darum gehe, aus Minix ein kommerzielles Embedded-Betriebssystem zu machen, was auch mit etlichen Millionen Euro vom Europäischen Forschungsrat (ERC) gefördert würde, erkenne man sehr gut den Vorteil der BSD-Lizenz gegenüber der GPL. Zudem fänden viele Firmen die Auflagen der GPL inakzeptabel, weshalb sie Linux gar nicht erst in Betracht zögen. Bei der BSD-Lizenz gäbe es diese Vorbehalte nicht.

Außerdem nutzte Tanebaum das Interview, um erneut ein paar Seitenhiebe gegen den Erfolg von Linux, die Entwicklung des Linux-Kernels und gegen Linus Torvalds auszuteilen. So sei der Aufstieg von Linux pures Glück und einzig und allein wegen der Urheberrechtsklage von AT&T gegen BSDi in 1992 möglich gewesen, weil der Prozess die BSD-Entwicklung für drei Jahre lahm gelegt hätte. Ohne das Gerichtsverfahren hätte Linux nie große Popularität gewonnen, BSD würde die Welt beherrschen. Er selbst habe 1992 den Fehler begangen, zu glauben, dass sich BSD ohnehin durchsetzen würde – weshalb er keinen Sinn darin sah, mit einem so ausgereiften System zu konkurrieren, und Minix als Lehrsystem ausgelegt hätte.

Das bei der Linux-Entwicklung bewährte Basar-Modell, bei dem viele freie Entwickler Patches anbieten und Maintainer den ausgewählten Code direkt in den Entwicklungszweig einfügen, will Tanenbaum bei Minix nicht verwenden: Zur Qualitätssicherung sollen externe Entwickler ihre Patches doch bitte an Tanenbaum und die drei hauptamtlich mit der Minix-Entwicklung betrauten Programmierer schicken.

Schließlich bekam auch Linus Torvalds sein Fett weg: Torvalds halte Micro-Kernel für eine Idee, die zwar auf dem Papier funktioniere, aber in der Praxis an der zu komplexen Kommunikation zwischen den einzelnen Modulen scheitere. Tanenbaum hält das für einen Irrtum; Torvalds spekuliere hier über Dinge, von denen er nicht das Geringste verstünde. Die Minix-Module liefen allesamt in eigenen Adressräumen, sodass bei Änderungen am Memory Manager zum Beispiel nur ein einziges Modul betroffen sei. Bei Linux sei das hingegen sehr viel komplizierter bei dem ganzen Spaghetti-Code. (mid)