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Minutentarif für E-Books: Gefängnisbetreiber in West Virginia in der Kritik

Gefängnisinsassen in West Virginia sollen für E-Books pro Minute bezahlen – obwohl die Bücher kostenlos im Netz stehen. Nun werden Vorwürfe der Abzocke laut.

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(Bild: LR-PHOTO / shutterstock.com)

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Eine Behörde des US-Bundesstaats West Virginia, die dort staatliche Gefängnisse betreibt, ist wegen eines fragwürdigen Deals mit einem privaten Anbieter von Multimedia-Tablets in die Kritik geraten. Bürgerrechtsorganisationen werfen der West Virginia Division of Corrections and Rehabilitation (WVDCR) Abzocke vor, weil sie für die Benutzung der Tablets Preise pro Minute verlangt. Die Geräte werden dabei zunächst gratis an die Insassen von zehn staatlichen Gefängnissen verteilt.

Besonderen Anstoß nehmen sowohl das Appalachian Prison Book Project als auch die amerikanische Autorenvereinigung PEN daran, dass das Lesen von E-Books 5 Cent pro Minute kostet. Der Preis ist zur Einführung zwar vorübergehend auf drei Cent reduziert, doch die Bücher, die über das System des Anbieters Global Tel Link (GTL) angeboten werden, stammen alle von der Webseite des Project Gutenberg und sind damit eigentlich kostenlos. Das Projekt stellt E-Books von Werken online, die in den USA gemeinfrei sind.

James Tager, der beim PEN-Verband für Fragen der Meinungsfreiheit zuständig ist, kritisiert, dass der Staat den Gefängnisinsassen für den Zugang zu Gratisbüchern Kosten auferlege und laut Vertrag auch noch an den Einnahmen mitverdiene. "Das ist nicht nur eine räuberische Politik, die Häftlinge aktiv vom Lesen abhalten wird, sondern sie belohnt den Staat auch noch dafür, sich dabei zum Komplizen zu machen", erklärte Tager in einer Pressemitteilung.

Das Appalachian Book Project, das sich für Bildung und Leseförderung bei Häftlingen und Buchspenden an Gefängnisbibliotheken einsetzt, rechnet in einer Stellungnahme vor, dass der durchschnittliche Stundenlohn der Gefängnisinsassen in West Virginia für ihre Arbeitseinsätze hinter Gitter zwischen vier und 58 Cent liege. Dagegen seien die Preise für die verschiedenen Funktionen der Tablets geradezu horrend: Für Musik, Spiele und E-Books seien es die erwähnten fünf bzw. drei Cent pro Minute, Videoanrufe mit Angehörigen kosteten sogar 25 Cent pro Minute. Jede gesendete digitale Nachricht im geschlossenen Chat-System des Anbieters koste ebenfalls einen Vierteldollar.

Solche Systeme zur Kontaktaufnahme mit Familienangehörigen sind in US-Gefängnissen, in denen es keinen offenen Internetzugang gibt, inzwischen keine Seltenheit mehr. Wie Wired im vergangenen Jahr berichtete, entpuppen sich diese Systeme oft als Kostenfallen für Gefangene oder deren Familien und sollen sogar teilweise reale Besuchsmöglichkeiten ersetzen.

Gegenüber der Nachrichtenseite Reason erklärte ein Sprecher der WVDCR lediglich, dass kein Insasse gezwungen werde, die Tablets zu benutzen, und dass die fünfprozentige Provision der Behörde für TV- und Besuchsangebote für die Gefangenen benutzt werde. Außerdem gebe es keinerlei Beschränkungen für gedruckte Bücher.

Solche Beschränkungen hatte es in der Vergangenheit bereits gegeben: Unter anderem waren 2018 gedruckte Bücher in Pennsylvania aus den Gefängnissen verbannt worden, um durch Tablets von GTL ersetzt zu werden. Der Bundesstaat musste nach Protesten die Regelung wieder zurücknehmen. Ähnliche lukrative Kooperationen wie die in West Virginia gibt es auch in zahlreichen anderen Bundesstaaten; ein bekannter weiterer Anbieter von Multimedia-Diensten für Gefangene ist JPay, der beispielsweise in Gefängnissen in Florida MP3-Player anbietet und dem Bundesstaat dabei Provisionen in Millionenhöhe beschert. Der Staat Florida war Anfang des Jahres von einem Insassen verklagt worden, weil die Gefängnisverwaltungen beim Wechsel zu JPay ältere Geräte und Dateien der Gefangenen ohne Entschädigung eingezogen hatten. (siko)