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Missing Link: Agil leben im digitalen Kapitalismus. Teil 1 - Der neue alte Geist des Kapitalismus

Radical Agility - ein Schlagwort bei Startups, mittlerweile Prämisse für ein ganzes Leben. Wie der Kapitalismus sich (und unser Leben) digital neu erfindet.

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Helme, Agile Entwicklung, Projekte, Arbeitsplätze, Jobs

Das Leben als Projekt; Normalarbeitstag, lineare Karrieren und feste Job-Beschreibungen sind out.

In einem Wintersport-Resort im US-Bundesstaat Utah traf im Februar 2001 eine Gruppe von Leuten aus der Softwarebranche zusammen, um nichts weniger als eine Revolution einzuleiten. Ihr "Manifest für Agile Softwareentwicklung" sollte die Art und Weise, wie Software entwickelt wird, wie IT-Projekte gemanagt und Arbeitsabläufe organisiert, werden von Grund auf verändern. So lautet etwa das fünfte von zwölf Geboten (Prinzipien) des Manifests:

Errichte Projekte rund um motivierte Individuen. Gib ihnen das Umfeld und die Unterstützung, die sie benötigen und vertraue darauf, dass sie die Aufgabe erledigen.

Die agilen Revolutionäre (unter den 17 Erstunterzeichnern findet sich keine einzige Frau) hatten die Nase voll von alten Projektmanagement-Methoden, diese verließen sich nur allzu gerne auf steile Hierarchien, penible Arbeitsteilung, klare Zuständigkeiten und isolierte Projektphasen. Im alten Wasserfall-Modell wurden Aufgaben anhand eines klar definierten Ablaufs nacheinander abgearbeitet: eins nach dem anderen. Oft waren daher unflexible Projekte, ein erheblicher Steuerungsaufwand und ausufernde Dokumentationen die Folge.

Bei agilen Projekten hingegen sollen sowohl die Anforderungen als auch die Lösungen in einem iterativen Prozess entwickelt werden; dabei sollen kleine, selbstorganisierte Teams eng mit den Kunden zusammenarbeiten. Bei agilen Methoden-Frameworks wie etwa Scrum oder Kanban stehen kurze Entwicklungszyklen (Sprints) von ca. zwei Wochen im Vordergrund, an deren jeweiligem Ende zudem ein auslieferbares Produktinkrement stehen soll.

Die Arbeit mit agilen Methoden und Prinzipien hat klassisches Projektmanagement nach dem Wasserfall-Modell zumindest im IT-Sektor weitgehend abgelöst. So kommt das Beratungsunternehmen VersionOne in seinem aktuellen Bericht über den Stand von Agile zu dem Ergebnis, 98 Prozent der befragten Unternehmen setzten agile Methoden ein, jedes vierte arbeite sogar ausschließlich mit agilen Teams - das kann man wohl eine erfolgreiche Revolution nennen.

Agile Methoden sind insbesondere bei Start-ups populär geworden. Bei Zalando etwa, der erfolgreichsten Neugründung der Start-Up-Schmiede Rocket Internet, werden sie gar zur Management-Philosophie erhoben. Seit 2015 implementierte der Online-Händler eine neue Unternehmensarchitektur (radical agility), in welcher Technologie und Unternehmenskultur verbunden werden und die sich an "verschiedenen verhaltens- und systemtheoretischen Ansätzen" orientiert.

Anwendungen werden von vielen kleinen Teams entwickelt, die zentrale Entscheidungen selbst treffen, sich dabei aber in kurzen Iterationen untereinander abstimmen. Da das Warten auf Entscheidungen durch das Management weitgehend entfalle, sei die Entwicklungsgeschwindigkeit enorm gestiegen, betont Eric Bowman, Senior Vice President Engineering bei Zalando SE: "Radical Agility fördert maßgeblich die Flexibilität und Kreativität unserer Mitarbeiter und ist damit wichtiger Treiber für Zalandos Innovationskraft, Resilienz und Wachstum." (zit. nach Lemke/Brenner)

Teamarbeit, Selbstorganisation und Rechenschaftspflicht werden zentral, um die Entwicklung optimal den Kundenbedürfnissen bzw. Unternehmenszielen unterordnen zu können. Team-Kommunikation und flache Hierarchien sind gewünscht, schnelles Reagieren auf geänderte Kundenwünsche wird nicht nur möglich, sondern zum Normalfall. Zu den kürzeren Projektzyklen gesellen sich neue Rollen - so wird etwa bei Scrum der klassische Projektmanager abgelöst durch den Product Owner, der die Kundenperspektive ins Projekt hineintragen soll; der Scrum Master hingegen ist eher eine Art Coach denn ein klassischer Vorgesetzter.

(Bild: Gerd Altmann, gemeinfrei)

Selbst der als behäbig verschriene VW-Konzern setzt auf agiles Arbeiten: Eigenständige Teams statt hierarchischer Übersteuerung sind auch beim VW-Konzern en vogue. Das war nicht immer so. Insbesondere unter dem Ex-Chef Martin Winterkorn soll es sehr steile Hierarchien, geradezu Kadavergehorsam gegeben haben, wie sich im Zuge des Dieselskandals und des internen Umgangs damit offenbarte. Am IT-Standort Wolfsburg wird gerade ein auf agiles Arbeiten ausgerichteter Bürokomplex für rund 1.500 Mitarbeiter errichtet. Der Autobauer setzt bei dem campusartigen Gebäude vermehrt auf agile Arbeitsmethoden.

"Die Arbeitswelt von morgen erfordert eine Führungs- und Unternehmenskultur, die auf Offenheit, Kreativität, Entscheidungs- und Diskussionsfreude baut", bekräftigt Karlheinz Blessing, Vorstand für Personal und IT im Volkswagen-Konzern. Führungskräfte können sich auf "eine Definition der Ziele und die Priorisierung übergeordneter Aufgabenblöcke konzentrieren", während eigenständig organisierte Teams alle Projektteilschritte selbständig bearbeiten. Nicht nur in der IT, auch in anderen Abteilungen des Konzerns halten verstärkt agile Formen der Zusammenarbeit Einzug, etwa in der Forschung und Entwicklung oder beim Vertrieb.

Das US-Unternehmen Pivotal unterstützt derweil Volkswagen bei seiner agilen Strategie. Unter einem Pivot (französisch: Angelpunkt), versteht man in der Startup-Szene eine radikale strategische Änderung des Geschäftsmodells. Pivotal hilft VW insbesondere dabei, die digitale Arbeitsumgebung der agilen Teams zu gewährleisten. Zu den zahlreichen Plattformen, Tools und Anwendungen, die Pivotal anbietet, gehört insbesondere der Pivotal Tracker, "eine kollaborative Projekt-Management-Plattform, die speziell für Software-Teams konzipiert ist und agile Methoden unterstützt", erklärt der Hersteller.

Kern der Projekt-Management-Software, die Echtzeit-Zusammenarbeit erlaubt, ist ein geteilter, priorisierter Aufgabenkatalog, der sogenannte Backlog. Das Team ist ständig auf dem Laufenden, was sämtliche Aktivitäten der Teammitglieder angeht, und Aktivitäts-Feeds generieren einen ständigen Strom an Leistungs-Daten. Flachen Hierarchien und neuen Rollen steht auch eine radikale Transparenz gegenüber: Was jede Projektbeteiligte gerade macht, ist für alle ersichtlich.

Schon im Namen Pivotal steckt das eigentliche Ziel der Software: Mitarbeiter überwachen (tracken). Der Clou dabei ist, dass diese das selbst organisiert tun. Das Team schätzt selbst den Umfang der Aufgaben ab und quantifiziert dies in sogenannten Story Points. Die Software berechnet nun aus der Anzahl erledigter Story Points pro Zeiteinheit den Leistungsdurchschnitt des gesamten Teams: die Velocity (Geschwindigkeit). Ziel ist auch hier weniger die Kontrolle von außen als die Selbstmotivation des Teams.

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