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Missing Link: Amazon im Fluss - das Einkaufsreich im Netz, die Internet-Namen und das kulturelle Erbe

Welchen Einfluss haben die Internet-Plattformen gegenüber Gemeinschaften der Welt? Der Streit um Top-Level Domains zeigt grundsätzliche Auseinandersetzungen.

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Aras im Amazonas-Regenwald

(Bild: Naypong Studio / shutterstock.com)

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Seit 2012 streitet Amazon dafür, alleiniger Herr über eine eigene Internet-Adresse mit einer Top Level Domain (die TLD .amazon) zu werden. Markenrechtlich hat Amazon, die Firma, nach Ansicht zahlreicher Beobachter die besseren Karten gegenüber den empörten Amazonas-Anrainerstaaten. Ist die jetzt von der privaten Netzverwaltung ins Auge gefasste Vergabe des Namens an den Onlineriesen also nichts als recht und billig? Einige der Kosten sind schwer zu beziffern und reichen vom Vorwurf des Neokolonialismus bis zur Infragestellung des Multi-Stakeholder Selbstverwaltungsmodells.

"Missing Link"

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Die Ansichten seiner Mitarbeiter hätten Jeff Bezos nicht interessiert, als er im Oktober 1994 den Begriff "Amazon" aus dem Wörterbuch auswählte, um seine geplante Online-Buchhandlung umzutaufen, schreibt Brad Stone in seinem Buch über den Online Giganten.

Der Name "Amazon" erfüllte ganz offensichtlich mehrere Bedingungen. Aus Sektion "A" im Wörterbuch versprach er bei entstehenden Online-Indices ganz vorne aufzutauchen. Der Name war verständlicher und wohlklingender als das zunächst erkorene "Cadabra" – und freundlicher als das bis heute noch gebrauchte "relentless.com", was so viel wie unermüdlich, erbarmungs- oder gnadenlos heißt. Vor allem aber war Amazon bedeutungsreich. Stone zitiert in seinem Buch Bezos mit dem Satz: "Es ist nicht einfach der größte Fluss der Welt, sondern er ist um ein Vielfaches größer als der zweitgrößte. Er schlägt alle anderen Flüsse." In der Folge verwendete Bezos weitere Namen von Amazonas-Teilabschnitten für Einzelprojekte seines Unternehmens.

Ein Vierteljahrhundert später steht das Unternehmen ähnlich unnachgiebig wie sein Gründer der Amazon Treaty Corporation (ACTO) gegenüber. Der Zusammenschluss der Amazonas-Anrainerstaaten Bolivien, Brasilien, Kolumbien Ecuador, Guyana, Peru, Surinam und Venezuela kämpft seit mehreren Jahren erbittert dagegen, dass der US-amerikanische Online-Riese im Netz sein eigenes .amazon-Reich bekommt.

Der Amazonas-Urwald hat nicht nur durch Abholzung und Palmöl-Plantagen erhebiche ökologische Probleme

(Bild: BATMANV / shutterstock.com)

2012 hat die europäische Niederlassung des Konzerns, Amazon EU Sarl, über 70 TLDs bei der Internet Corporation for Assigned Names and Numbers beantragt. Einige sind für eigene Produkte oder Dienste, etwa Kindle oder Prime, andere für hart umkämpfte Allgemeinbegriffe wie app, mail, cloud oder auch tunes, und schließlich will der Konzern auch die Hoheit über .amazon – als Ergänzung und, so heißt es in der für die nun geplante Zuteilung maßgeblichen Bewerbung, Plattform für künftige Innovationen. Sehr konkret bezüglich des Zusatznutzens von .amazon gegenüber der Second-Level-Domain .amazon.com ist die Bewerbung nicht. Amazon verspricht mehr Möglichkeiten zur technischen Absicherung des eigenen Geschäfts auf einer selbst – beziehungsweise vom geplanten Registrypartner Neustar – gepflegten TLD.

Für welche innovativen Ideen Amazon .amazon nutzen wird, behielt das Unternehmen bis heute für sich. Im veröffentlichten Teil der Bewerbung nennt das Unternehmen eher wolkig die Schaffung einer "speziellen einheitlichen Plattform für Amazon" und Schutz für "die Integrität der eigenen Marke und Reputation" als Hauptziele. Und fügt noch kleine Werbeblocker etwa für den Kindle ein, für den man allerdings eine eigene TLD beantragt und am 25. Juni 2015 einen Vertrag mit der für die Domains zuständigen Internet-Verwaltung ICANN unterzeichnet hat, zugleich mit Verträgen für weitere Namen wie .fire, .prime, .deal, .imdb, .now, .save, .silk.

Ironischerweise sichert Amazon in allen Bewerbungen zu, dass man geographische Namen schützen wird. .amazon ist offiziell keine Bewerbung um eine geographische TLD, es geht um das Einkaufsreich von Jeff Bezos. Dritte sollen keine TLDs erhalten, .amazon soll laut Bewerbung "zur stabilen, sicheren Basis für die Online-Kommunikation und Interaktion" des Unternehmens werden.

Kaum weniger wolkig sind die von den acht ACTO-Regierungen vorgetragenen Begründungen ihres Anspruchs auf den Namen Amazon. Beim jüngsten Treffen der ICANN in Marrakesch, bei dem die ACTO-Mitglieder Sturm liefen gegen den für Amazon positiven Entscheid des ICANN-Vorstands vom 17. Mai, wiederholten sie den stets geäußerten Anspruch der "350 Millionen Menschen" in ihren Staaten auf den Begriff Amazon. Perus Vertreter führte eine deutliche Erklärung durch die Minister der lateinamerikanischen Staaten aus dem Jahr 2013 an.

Bei ihrer Konferenz zur Informationsgesellschaft in Montevideo hatte das offizielle Lateinamerika erklärt, dass man jeden Versuch einer Aneignung von .amazon ohne eine Zustimmung durch die betroffenen Staaten ablehne. Dasselbe gelte für alle Namen, die geographisch, historisch, kulturell oder in Bezug auf die Natur für ihre Länder stehen. "Diese müssen als Teil der kulturellen Identität und des kulturellen Erbes" geschützt werden. Die Regierungen fühlten sich verpflichtet, zitierte Perus Vertreter vergangene Woche in Marrakesch, "die Rechte indigener Völker" zu schützen, wo diese durch neue Technologien wie Top-Level-Domains im Internet berührt seien. Venezuelas Vertreter brachte gar die Biodiversität und die Rolle des Amazonas für das Klima ins Spiel, was angesichts vieler Umweltsünden in der Region etwas moralisierend klingt.