Missing Link: Cyberwar in der Trump-Ära - gezielter Angriff auf die Idee von Wahrheit

Das Cyberwar-Instrumentarium

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Das Instrumentarium für den Cyber-Krieg ist weit gefasst, reicht von Spionage über "Fake News" und Denial-of-Service-Angriffen bis hin zu Malware, die nicht nur Passwörter ausspähen, sondern auch Industrieanlagen oder Kraftwerke lahmlegen kann. Die Akteure bleiben meist genauso verborgen wie ihre Troll-Farmen, Schadsoftware ausspuckenden Botnetze oder Armeen von Social Bots. Die Beteiligten können Menschen sein, aber auch programmierte Wesen. Die Macher der diesjährigen Transmediale in Berlin hatten den geladenen Forschern beim Panel "Unmasking Cyberwar" Anfang Februar angesichts der verbliebenen konzeptionellen Unschärfen die Aufgabe gestellt, "die Komplexität des Cyberkriegs zu entwirren" sowie dessen "versteckte Architekturen, affektive Dimensionen" und Wertschöpfungsgefüge zu beleuchten.

Die Philosophin Megan Boler, die als Professorin für sozial-gerechte Bildung an der Universität Toronto tätig ist, brachte den Informationskrieg sofort mit der postfaktischen Krise unter US-Präsident Donald Trump zusammen. Für sie stellt Cyberwar den Versuch dar, über eine extremistische Politik und die Betonung von Emotionen statt Fakten "die Idee von Wahrheit selbst zu sabotieren". Mit Trump erlebe die Welt gerade in diesem Sinne einen ganz neuen Grad an Verlogenheit und Orientierungslosigkeit.

Schon Walter Benjamin habe zwischen den Weltkriegen in der Weimarer Zeit vor der "Ästhetisierung der Politik" gewarnt, warf Boler einen Blick zurück. Der deutsche Denker habe damit darauf angespielt, dass es Politiker und Populisten verstärkt darauf anlegten, mithilfe von Technologie – wie damals dem Rundfunk – die Gefühle und Affekte der Massen einzufangen und zu mobilisieren. Zeitgleich habe der von Stahlgewittern träumende Ernst Jünger die "totale Mobilisierung" vorbereitet und damit auch Lebensformen in einem Zeitalter der "Massen und der Maschine" beschrieben. Der Schriftsteller habe nahegelegt, dass schier alle menschlichen professionellen Tätigkeiten vom Eisenschmieden bis hin zum Nähen zumindest indirekt Verwendung finden könnten für das Schlachtfeld.

(Bild: Danielle Tunstall, gemeinfrei (Creative Commons CC0)

Eine neue Form dieser umfassenden Mobilisierung sieht die Medien- und Kulturwissenschaftlerin in datengetriebenen Geschäftsmodellen im Internet mit sozialen Netzwerken wie Facebook als ihrem Aushängeschild. Spätestens mit der (kaum aufrecht zu haltenden) Behauptung der britischen IT-Firma Cambridge Analytica, psychometrische Profile aller 190 Millionen US-Wähler erstellt und Trump im Online-Wahlkampf maßgeblich unterstützt zu haben, hat sich laut Boler bei vielen der Eindruck verfestigt, "dass nichts mehr sicher ist vor Big Data und algorithmischer Ausbeutung". Derartige massive und mit psychologisch gezielten Marketingkampagnen verknüpfte Datenanalysen stellten eine "neue Propagandamaschine" dar, die jeder mit dem nötigen Kleingeld anheuern könne.

Auf das Instrument setzen der Beobachterin zufolge Werber, politische Ideologen, das Militär und die Nachrichtenindustrie in ähnlicher Weise mit der gleichen, "profitgetriebenen Logik": Sie spähen mit den unterschiedlichsten Tracking-Methoden das Online-Verhalten und Bewegungsspuren in der Offline-Welt bis ins Detail aus, erstellen personengebundene Profile, nutzen diese für das "Mikro-Targeting von Affekten" und lösen damit wiederum gewünschte Handlungsweisen aus. Boler spricht hier von einem "Verschmelzen der Verhaltensforschung mit Big Data".

Diese Methode erlaubt es laut der Wissenschaftlerin den neuen "sozialen" Ingenieuren, nicht nur systematisch das rationale und vorhersehbare Benehmen vorauszusagen, sondern auch irrationale Gedanken und Gefühle. Letztere seien wiederum das Öl, das soziale und virale Medien antreibe und von darauf ausgerichteten Algorithmen der Plattformen weitergetragen würde. Big-Data-Schmieden hätten längst erkannt, dass Leute im Netz vor allem Gefühle teilten, also für "erfolgreiche" Beiträge "Frustration, Ärger, Erregung und Furcht" nötig seien.

Das Ergebnis ist für Boler eine "gefühlsbezogene, affektbetonte informationelle Kriegsführung", an der sich Wirtschaft, Politik und Militär gemeinsam beteiligten. Letzteres agiere dabei mit vergleichsweise großer Zurückhaltung, über einschlägige Manipulationsversuche und strategische Programme sei jenseits der allgemeinen Cyberwar-Rhetorik wenig zu finden. So habe der Guardian 2011 über "Sockenpuppen" mit militärischem Hintergrund geschrieben, die falsche Profile kreierten, um Online-Konversationen zu beeinflussen und pro-westliche Propaganda zu verbreiten. Dieses Jahr habe das Pentagon nun auch ein KI-Werkzeug offen ausgeschrieben zur Analyse von Gefühlsausdrücken anhand von Bildern, Sprachnachrichten einschließlich umgangssprachlicher Redewendungen in verschiedensten Dialekten oder Emojis auf Facebook, Twitter und Co. Herausgearbeitet werden sollten damit innovative Wege, um spezifische Zielgruppen zu beeinflussen.