Missing Link: Cyberwar in der Trump-Ära - gezielter Angriff auf die Idee von Wahrheit

Das Internet: kaputt oder perfektes Kriegsmittel?

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Einen ganz ähnlichen Blick auf die Mechanismen rund um den Cyberkrieg hat Svitlana Matviyenko. Für die Juniorprofessorin für kritische Medienanalyse an der Simon Fraser University in Vancouver ist das Internet durch den normalen Bürger kaum mehr nutzbar, da überall nur noch gehackt, getrollt, geblockt, gefiltert oder Schadsoftware verbreitet werde. Selbst Gründer von Internetkonzernen räumten inzwischen ein, dass das Netz "kaputt ist". Vielleicht sei das aber nur die halbe Wahrheit und das Internet finde nun zu seiner eigentlichen Bestimmung, indem es "perfekt ist für den Cyberwar", gab die gebürtige Ukrainerin zu bedenken. "Fake News", Propaganda, politische Manipulationen, Gerätesabotage oder strategische Leaks gehörten im Netz längst zur Tagesordnung.

Matviyenko definiert den Cyberkrieg in marxistischer Lesart als Ausgeburt der immer wiederkehrenden, ständig neu betitelten "technologischen Revolutionen" rund um die Informationsgesellschaft, mit denen sich "das Kapital periodisch erneuert". Die informationelle Kriegsführung werde oft verknüpft mit konventionellen Auseinandersetzungen in der physikalischen Welt, wofür die Kämpfe in der Ostukraine eines der prägnantesten Beispiele seien. Es gehe also nicht nur darum, in Form von "Zero Days" klaffende Sicherheitslücken auszunutzen, sondern auch etwa um Angriffe auf kritische Infrastrukturen wie das Stromnetz in ihrer Heimat Ende 2015. Damals sei dort so 103 Städten der Saft abgedreht worden, wobei lange niemand den Grund dafür gekannt habe

Svitlana Matviyenko (links) und Megan Boler (rechts) auf der Transmediale: Cyberwar zwischen "Ästhetisierung der Politik" und der "totalen Mobilisierung"

(Bild: heise online / Stefan Krempl)

Kennzeichnend für den Cyberwar ist laut der Wissenschaftlerin ein Schwebezustand zwischen Krieg und Frieden, da in der Regel kein Staat eine offizielle Erklärung abgebe. Online-Kämpfe könnten zudem mit viel weniger Akteuren durchgeführt werden. Matviyenko spricht von einer "Hyperpersonalisierung des Kriegs", da "in eine Waffe verwandelte Big-Data-Analysen", für die die Nutzer selbst die benötigten Informationen produzierten, es ermöglichten, individuelle Besonderheiten herauszupicken und Überwachungsopfer auf einer sehr feinschichtigen Ebene auszumachen. Kriegerische Schläge, die einst mit der Souveränität ganzer Staaten verknüpft gewesen seien, "werden so immer gezielter".

Die Datenauswertung durch Algorithmen, die Amazon, Facebook und Google perfektioniert hätten, werde für den Cyberkrieg mit Bots, Trollen und sich rasant verbreitenden Falschnachrichten angereichert, erklärte die Forscherin. Der Staat lerne dabei rasch von den Internetgiganten sowie von Online-Strategien zivilgesellschaftlicher Gruppen. Auf der einen Seite stünden so totalitäre Regime, die bemüht seien, die Redefreiheit zu unterdrücken; auf der anderen der liberale Westen, der den "kommunikativen Kapitalismus" predige. Bei diesem gehe es darum, möglichst viele Gedanken mit Dritten zu teilen. Beide sich vermeintlich frontal gegenüberstehenden Systeme seien zwei Seiten einer Medaille. Düster prognostizierte Matviyenko: "Alles, was wir sagen, und sogar das, was wir nicht sagen, wird morgen gegen uns verwendet."