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Missing Link: Cyberwar in der Trump-Ära - gezielter Angriff auf die Idee von Wahrheit

Geisteswissenschaftler machten sich daran, das schwammige Konzept der informationellen Kriegsführung zu entschlüsseln und Auswege aufzuzeigen. Ihnen zufolge ziehen Wirtschaft, Militär und Politik beim Cyberwar an einem Strick.

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Krieg, Apokalypse, Stadt

(Bild: Pete Linforth, gemeinfrei (Creative Commons CC0))

Kaum ein größeres soziales oder politisches Ereignis kommt noch ohne digitale Komponenten aus. Immer öfter besteht damit die Gefahr, "gehackt" und in die ein oder andere Form einer "Cyber-Auseinandersetzung" hineingezogen zu werden. Nach Berichten über Meinungs- oder gar Ergebnismanipulationen rund um Wahlen in vielen Ländern sind die Olympischen Winterspiele in Südkorea das jüngste Beispiel. Neben dem US-amerikanischen Department of Homeland Security warnen aktuell mehrere IT-Sicherheitsfirmen davor, dass die sportlichen Wettkämpfe in Pyeongchang im Visier von "Cyberkriminellen" einschließlich staatlicher Akteure seien.

Die Elemente einer solchen Geschichte, wie sie gerade die "New York Times" verbreitet, ähneln sich weitgehend. Was genau passieren könnte, weiß keiner. Natürlich sind aber auch die diesjährigen Spiele "die am stärksten digitalisierten seit jeher" und daher "reife Ziele" für böswillige Hacker, die nach blamablen Informationen über Athleten und Veranstalter Ausschau halten oder einfach auf Ärger aus sind. So könnten Ergebnisse gefälscht oder Signalanlagen außer Kraft gesetzt werden.

"Missing Link"

Was fehlt: In der rapiden Technikwelt häufig die Zeit, die vielen News und Hintergründe neu zu sortieren. Am Wochenende wollen wir sie uns nehmen, die Seitenwege abseits des Aktuellen verfolgen, andere Blickwinkel probieren und Zwischentöne hörbar machen.

Die Zeitung zitiert McAfee mit dem Hinweis, dass schon 300 "Olympia-bezogene Computersysteme" getroffen und in Folge viele davon kompromittiert seien. Gerade laufe offenbar eine zweite Angriffswelle, mit der Daten von den Rechnern der Opfer abgezogen würden. Die Attacken seien "gut organisiert" und ließen darauf schließen, dass eine Staatsmacht dahinterstecken könnte. Die Konkurrenten von FireEye zeigen bereits in Richtung Russland und die ominöse Hackergruppe " Fancy Bear", die natürlich nicht fehlen darf und die mit russischen Geheimdiensten in Verbindung gebracht wird. Motivation in diesem Fall ist der Ausschluss von Athleten der Großmacht wegen systematischem Doping. Zudem stünden Olympische Spiele immer auch für den Nachweis allgemeiner Stärke und Einfluss.

25 Jahre ist es her, seit die US-Forscher John Arquilla und David Ronfeldt den Begriff "Cyberwar" mit einem viel beachteten Büchlein prägten und populär machten. Die beiden Militärberater verstehen darunter eine Art "Blitzkrieg" des 21. Jahrhunderts. Kern des Konzepts sind massive Angriffe auf kritische Infrastrukturen des Gegners samt seiner Kommunikationssysteme verbunden mit dem Versuch, die Informationsüberlegenheit über den Gegner zu gewinnen.

Seitdem haben Experten zahlreiche Szenarien über die Verwundbarkeiten der digitalen Gesellschaft und ihrer vernetzten Basis unter militärischen, politischen oder ökonomischen Gesichtspunkten entwickelt. Arquilla selbst legte als Professor für Information Warfare an der Naval Postgraduate School im kalifornischen Monterey 1998 nach und erregte Aufsehen mit einem Horrorbericht über den großen Hackerkrieg im Jahr 2002 in der Hightech-Postille "Wired". Alles fängt mit dem Crack mehrerer wichtiger Nachrichtenseiten im Netz durch die "People for a Free World" an, die zunächst kaum jemand ernst nimmt. Plötzlich laufen falsche Newsmeldungen über CNN, Flugzeuge kollidieren, im gesamten Westen der USA fällt der Strom aus und eine Mikrowellenbombe explodiert im Pentagon.

Manches davon ist nach wie vor Fiktion, doch in einigen Punkten ist der damals mit Schaudereffekten beschriebene Cyberwar längst Wirklichkeit geworden. Das Konzept bleibt dabei vergleichsweise vage, geht fließend über in die "informationelle Kriegsführung" oder den "Netwar", der laut Arquilla und Ronfeldt ganze Gesellschaften und ihre Kommunikationswege und Medien umfasst. Ganz im Sinne der psychologischen Kriegsführung geht es dabei darum, die Meinung der Öffentlichkeit oder einer Elite durch Propaganda, Medienkampagnen oder die "Infiltrierung von Computernetzwerken und Datenbanken" zu beeinflussen.

Das Instrumentarium für den Cyber-Krieg ist weit gefasst, reicht von Spionage über "Fake News" und Denial-of-Service-Angriffen bis hin zu Malware, die nicht nur Passwörter ausspähen, sondern auch Industrieanlagen oder Kraftwerke lahmlegen kann. Die Akteure bleiben meist genauso verborgen wie ihre Troll-Farmen, Schadsoftware ausspuckenden Botnetze oder Armeen von Social Bots. Die Beteiligten können Menschen sein, aber auch programmierte Wesen. Die Macher der diesjährigen Transmediale in Berlin hatten den geladenen Forschern beim Panel "Unmasking Cyberwar" Anfang Februar angesichts der verbliebenen konzeptionellen Unschärfen die Aufgabe gestellt, "die Komplexität des Cyberkriegs zu entwirren" sowie dessen "versteckte Architekturen, affektive Dimensionen" und Wertschöpfungsgefüge zu beleuchten.

Die Philosophin Megan Boler, die als Professorin für sozial-gerechte Bildung an der Universität Toronto tätig ist, brachte den Informationskrieg sofort mit der postfaktischen Krise unter US-Präsident Donald Trump zusammen. Für sie stellt Cyberwar den Versuch dar, über eine extremistische Politik und die Betonung von Emotionen statt Fakten "die Idee von Wahrheit selbst zu sabotieren". Mit Trump erlebe die Welt gerade in diesem Sinne einen ganz neuen Grad an Verlogenheit und Orientierungslosigkeit.

Schon Walter Benjamin habe zwischen den Weltkriegen in der Weimarer Zeit vor der "Ästhetisierung der Politik" gewarnt, warf Boler einen Blick zurück. Der deutsche Denker habe damit darauf angespielt, dass es Politiker und Populisten verstärkt darauf anlegten, mithilfe von Technologie – wie damals dem Rundfunk – die Gefühle und Affekte der Massen einzufangen und zu mobilisieren. Zeitgleich habe der von Stahlgewittern träumende Ernst Jünger die "totale Mobilisierung" vorbereitet und damit auch Lebensformen in einem Zeitalter der "Massen und der Maschine" beschrieben. Der Schriftsteller habe nahegelegt, dass schier alle menschlichen professionellen Tätigkeiten vom Eisenschmieden bis hin zum Nähen zumindest indirekt Verwendung finden könnten für das Schlachtfeld.

(Bild: Danielle Tunstall, gemeinfrei (Creative Commons CC0)

Eine neue Form dieser umfassenden Mobilisierung sieht die Medien- und Kulturwissenschaftlerin in datengetriebenen Geschäftsmodellen im Internet mit sozialen Netzwerken wie Facebook als ihrem Aushängeschild. Spätestens mit der (kaum aufrecht zu haltenden) Behauptung der britischen IT-Firma Cambridge Analytica, psychometrische Profile aller 190 Millionen US-Wähler erstellt und Trump im Online-Wahlkampf maßgeblich unterstützt zu haben, hat sich laut Boler bei vielen der Eindruck verfestigt, "dass nichts mehr sicher ist vor Big Data und algorithmischer Ausbeutung". Derartige massive und mit psychologisch gezielten Marketingkampagnen verknüpfte Datenanalysen stellten eine "neue Propagandamaschine" dar, die jeder mit dem nötigen Kleingeld anheuern könne.

Auf das Instrument setzen der Beobachterin zufolge Werber, politische Ideologen, das Militär und die Nachrichtenindustrie in ähnlicher Weise mit der gleichen, "profitgetriebenen Logik": Sie spähen mit den unterschiedlichsten Tracking-Methoden das Online-Verhalten und Bewegungsspuren in der Offline-Welt bis ins Detail aus, erstellen personengebundene Profile, nutzen diese für das "Mikro-Targeting von Affekten" und lösen damit wiederum gewünschte Handlungsweisen aus. Boler spricht hier von einem "Verschmelzen der Verhaltensforschung mit Big Data".

Diese Methode erlaubt es laut der Wissenschaftlerin den neuen "sozialen" Ingenieuren, nicht nur systematisch das rationale und vorhersehbare Benehmen vorauszusagen, sondern auch irrationale Gedanken und Gefühle. Letztere seien wiederum das Öl, das soziale und virale Medien antreibe und von darauf ausgerichteten Algorithmen der Plattformen weitergetragen würde. Big-Data-Schmieden hätten längst erkannt, dass Leute im Netz vor allem Gefühle teilten, also für "erfolgreiche" Beiträge "Frustration, Ärger, Erregung und Furcht" nötig seien.

Das Ergebnis ist für Boler eine "gefühlsbezogene, affektbetonte informationelle Kriegsführung", an der sich Wirtschaft, Politik und Militär gemeinsam beteiligten. Letzteres agiere dabei mit vergleichsweise großer Zurückhaltung, über einschlägige Manipulationsversuche und strategische Programme sei jenseits der allgemeinen Cyberwar-Rhetorik wenig zu finden. So habe der Guardian 2011 über "Sockenpuppen" mit militärischem Hintergrund geschrieben, die falsche Profile kreierten, um Online-Konversationen zu beeinflussen und pro-westliche Propaganda zu verbreiten. Dieses Jahr habe das Pentagon nun auch ein KI-Werkzeug offen ausgeschrieben zur Analyse von Gefühlsausdrücken anhand von Bildern, Sprachnachrichten einschließlich umgangssprachlicher Redewendungen in verschiedensten Dialekten oder Emojis auf Facebook, Twitter und Co. Herausgearbeitet werden sollten damit innovative Wege, um spezifische Zielgruppen zu beeinflussen.

Einen ganz ähnlichen Blick auf die Mechanismen rund um den Cyberkrieg hat Svitlana Matviyenko. Für die Juniorprofessorin für kritische Medienanalyse an der Simon Fraser University in Vancouver ist das Internet durch den normalen Bürger kaum mehr nutzbar, da überall nur noch gehackt, getrollt, geblockt, gefiltert oder Schadsoftware verbreitet werde. Selbst Gründer von Internetkonzernen räumten inzwischen ein, dass das Netz "kaputt ist". Vielleicht sei das aber nur die halbe Wahrheit und das Internet finde nun zu seiner eigentlichen Bestimmung, indem es "perfekt ist für den Cyberwar", gab die gebürtige Ukrainerin zu bedenken. "Fake News", Propaganda, politische Manipulationen, Gerätesabotage oder strategische Leaks gehörten im Netz längst zur Tagesordnung.

Matviyenko definiert den Cyberkrieg in marxistischer Lesart als Ausgeburt der immer wiederkehrenden, ständig neu betitelten "technologischen Revolutionen" rund um die Informationsgesellschaft, mit denen sich "das Kapital periodisch erneuert". Die informationelle Kriegsführung werde oft verknüpft mit konventionellen Auseinandersetzungen in der physikalischen Welt, wofür die Kämpfe in der Ostukraine eines der prägnantesten Beispiele seien. Es gehe also nicht nur darum, in Form von "Zero Days" klaffende Sicherheitslücken auszunutzen, sondern auch etwa um Angriffe auf kritische Infrastrukturen wie das Stromnetz in ihrer Heimat Ende 2015. Damals sei dort so 103 Städten der Saft abgedreht worden, wobei lange niemand den Grund dafür gekannt habe

Svitlana Matviyenko (links) und Megan Boler (rechts) auf der Transmediale: Cyberwar zwischen "Ästhetisierung der Politik" und der "totalen Mobilisierung"

(Bild: heise online / Stefan Krempl)

Kennzeichnend für den Cyberwar ist laut der Wissenschaftlerin ein Schwebezustand zwischen Krieg und Frieden, da in der Regel kein Staat eine offizielle Erklärung abgebe. Online-Kämpfe könnten zudem mit viel weniger Akteuren durchgeführt werden. Matviyenko spricht von einer "Hyperpersonalisierung des Kriegs", da "in eine Waffe verwandelte Big-Data-Analysen", für die die Nutzer selbst die benötigten Informationen produzierten, es ermöglichten, individuelle Besonderheiten herauszupicken und Überwachungsopfer auf einer sehr feinschichtigen Ebene auszumachen. Kriegerische Schläge, die einst mit der Souveränität ganzer Staaten verknüpft gewesen seien, "werden so immer gezielter".

Die Datenauswertung durch Algorithmen, die Amazon, Facebook und Google perfektioniert hätten, werde für den Cyberkrieg mit Bots, Trollen und sich rasant verbreitenden Falschnachrichten angereichert, erklärte die Forscherin. Der Staat lerne dabei rasch von den Internetgiganten sowie von Online-Strategien zivilgesellschaftlicher Gruppen. Auf der einen Seite stünden so totalitäre Regime, die bemüht seien, die Redefreiheit zu unterdrücken; auf der anderen der liberale Westen, der den "kommunikativen Kapitalismus" predige. Bei diesem gehe es darum, möglichst viele Gedanken mit Dritten zu teilen. Beide sich vermeintlich frontal gegenüberstehenden Systeme seien zwei Seiten einer Medaille. Düster prognostizierte Matviyenko: "Alles, was wir sagen, und sogar das, was wir nicht sagen, wird morgen gegen uns verwendet."

Praktische Beispiele aus Serbien brachte Vladan Joler mit, Professor am Institut für Neue Medien an der Universität Novi Sad. Das von ihm mit ins Leben gerufene Share Lab biete seit vier Jahren Opfern von Cyberangriffen in dem Balkanstaat kostenlose Hilfe an und sei so in rund 400 Fällen "verschiedenster Formen von Gewalt" im Netz quasi als Rettungswagen gerufen worden. Dabei sei deutlich geworden, dass die serbische Regierung oder von ihr beauftragte Saboteure in einer Form von Automatismus immer einen Distributed-Denial-of-Service-Angriff (DDoS) gegen eine Webseite führten, sobald dort Kritik veröffentlicht werde. Joler ist sich sicher: "Wir haben die Spuren gefunden – wie Blut auf dem Boden."

Da solche Zensurversuche aber kaum effektiv seien und in der Regel einen Streisand-Effekt auslösten, hat Belgrad dem Experten zufolge als nächstes "die Online-Sphäre mit Kommentaren von Trollen geflutet". Mitarbeiter des Labs hätten eine ins Netz entfleuchte Dokumentation über die eingesetzten Werkzeugkasten entdeckt, sodass sich die Handlungen dieser Truppe nachvollziehen ließen: "Die haben ein Portal, über das sie ihre Aufgaben empfangen", berichtete Joler. Spuren der Trolle seien recht einfach zu finden, da Faulenzer darunter teils dieselben Sätze hunderte Male in diverse Foren per Copy & Paste einfügten.

Ziel ist es dem Forscher zufolge, "möglichst jedes Kommunikationsfeld zu besetzen". Es solle Unsicherheit erzeugt werden, was wahr ist und ob Menschen oder Bots, politische oder zivile Agenten hinter dem Treiben steckten. Die großen Online-Plattformen legten den Trollen und ihren Hintermännern kaum Steine in den Weg, da sie mit ihren Algorithmen ebenfalls bestrebt seien, "die Leute möglichst tief in ihre Agenda hineinzuziehen". Share-Lab-Mitarbeiter hätten rund 6500 Patente und Designmuster von Facebook und Co. analysiert um herauszufinden, wie dort "unser Verhalten in Profit umgemünzt wird".

Blackout im Stromnetz - in manchen Ländern legten Angreifer schon ganze Städte lahm

(Bild: Transemdiale / Daten von WeLiveSecurity)

Bei der Frage, wie sich der Nebel des Krieges im Netz lichten lassen könnte, stochern die Wissenschaftler noch weitgehend im Dunkel. Matviyenko sprach sich für die Entdeckung der Langsamkeit aus. Da die Maschinen darauf trainiert seien, ständig alles miteinander zu synchronisieren, täten bewusste Pausen und die Abkopplung von der rechnergesteuerten Echtzeit gut. Nur so könne wieder ein echtes Gefühl für die Verbindung mit der Umwelt entstehen.

Boler riet aus ihrer philosophischen Ecke heraus, Spinoza wiederzuentdecken, um das vernetzte Subjekt neu zu fassen. Der niederländische Denker habe im 17. Jahrhundert Gefühle und Affekte gegenüber dem Verstand rehabilitiert. Leidenschaften seien ihm zufolge spontane Emotionen, die der Mensch zwar nicht sofort, aber mit etwas Bemühen richtig einschätzen lernen und aus diesem Prozess Befriedigung ziehen könne. Die Feministin rief das Publikum so auf, "Lücken in den binären Codes zu besetzen, um die affektiven Feedback-Schleifen zu durchbrechen, die zentral sind für die Totalisierung des Kriegs".

Nur eine "radikal-feministische Bot-Armee" zu entwickeln, brächte nichts, ergänzte Joler. Damit bleibe man auf dem gleichen Schlachtfeld, auf dem es in typisch maskuliner Denkart darum gehe, wer die besseren Waffen habe und länger durchhalte. Auch der Vorschlag, ein neues, stärker geschütztes Internet oder anderes Kommunikationsmedium aufzubauen, bleibe der Logik technischer Lösungen verhaftet. Maschinen zu stürmen bringe ebenfalls nichts, sodass es wohl hauptsächlich darum gehen müsse, die ausgemachten Probleme durch eine kluge Regulierung einzuhegen. (jk)

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