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Missing Link: Der 3D-Drucker, oder: die industrielle Revolution, die nicht stattfand

Vor zehn Jahren schien durch einen verbreiteten Einsatz von 3D-Druckern das Wikipedia der realen Dinge greifbar nahe. Was ist daraus geworden?

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Beim 3D-Druck werden Kunststoff-, Keramik- oder Metallpulver mit Hilfe von Lasern Schicht für Schicht verschmolzen, bis die gewünschte Form entsteht.

(Bild: dpa, Christian Platz/Symbolbild)

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Was haben das Internet, freie Software, die Blockchain oder der 3D-Drucker gemeinsam? Alle genannten Technologien gaben seinerzeit zu großen Hoffnungen Anlass: Wahlweise sollten sie mehr Demokratie und eine freie Gesellschaft, den Sieg der Hacker über die Softwareindustrie, die Entmachtung der Finanzbranche oder die Emanzipation von industrieller Massenproduktion nach sich ziehen. Als dezentrale, offene, allen gleichermaßen zugängliche Technologien würden sie quasi von allein zu einer besseren Welt führen.

"Missing Link"

Was fehlt: In der rapiden Technikwelt häufig die Zeit, die vielen News und Hintergründe neu zu sortieren. Am Wochenende wollen wir sie uns nehmen, die Seitenwege abseits des Aktuellen verfolgen, andere Blickwinkel probieren und Zwischentöne hörbar machen.

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Doch es kam anders: Das Internet ist alles andere als die freie Spielwiese im Cyberspace und Hort demokratischen Austauschs geworden, sondern zum Rückgrat der digital-kapitalistischen Plattform-Ökonomie. Open-Source-Software ist aus der digitalen Welt nicht mehr wegzudenken und integraler Bestandteil der Aktivitäten aller Software-Firmen und Dienste-Anbieter geworden – der Erwerb von GitHub durch Microsoft rief das nochmal deutlich in Erinnerung).

Auch bei der Blockchain haben die üblichen Verdächtigen das Heft in die Hand genommen, allen voran die Finanzindustrie selbst, aber auch Handels- und Logistikkonzerne.

Der jüngste Versuch, die Finanzwirtschaft auszubooten, die Notenbanken zu umgehen und das staatliche Währungsmonopol zu brechen, kommt ausgerechnet von Facebook: Bei Libra – einer Mischung aus Krypto-Währung und Bezahlsystem – bleibt vom Ideal direkter Transaktionen und Kontrakte zwischen Gleichen nicht viel übrig: Ein Riese des Plattformkapitalismus setzt Standards in seinem proprietären Ökosystem. Auch beim 3D-Drucker lief es nicht viel anders.

Ein Beitrag von Timo Daum

(Bild: Timo Daum/Fabian Grimm)

Timo Daum, geboren 1967, studierte Physik an den Universitäten Karlsruhe und Hamburg. Seit 2004 ist er als Dozent in den Bereichen Wirtschaftsinformatik und zu Themen der Digitalen Transformation an Fachhochschulen im In- und Ausland tätig. Er arbeitet zudem u.a. als Multimedia-Designer und Anwedungsentwickler. Nach seinen Büchern "Das Kapital sind wir: Zur Kritik der digitalen Ökonomie" und "Die Künstliche Intelligenz des Kapitals" (Edition Nautilus) ist gerade sein neues Buch "Das Auto im digitalen Kapitalismus. Wenn Algorithmen und Daten den Verkehr bestimmen" beim Oekom-Verlag erschienen.

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Knapp zehn Jahren ist es her, dass die ersten Geräte auftauchten, mit denen dreidimensionale Objekte aus festen Materialien auf der Basis von digitalen Bauplänen erzeugt werden konnten. Beim 3D-Druck werden dreidimensionale Objekt erzeugt durch nacheinander schichtweise aufgetragene Materialschichten, meist aus Kunststoff, die hernach gehärtet werden. Gegenüber traditionellen Herstellungsverfahren wie etwa dem Spritzguss benötigt der 3D-Druck keine Formen, auch komplizierte Geometrien können realisiert werden und es fällt kein überschüssiges Material an, auch die Energiebilanz ist meist besser als bei herkömmlichen Verfahren.

Die technischen Grundlagen wurden schon in den späten 1980er Jahren gelegt, etwa vom Erfinder der Stereolithografie Chuck Hall und von Scott Crump, der die Technologie der Schichtablagerung (Fused Deposition Modeling) erfunden hatte. Auch weil grundlegende Patente ausgelaufen waren, konnte die Branche von 2009 bis 2014 von einer auf zwei Milliarden Umsatz expandieren, ein veritabler Hype um die ersten 3D-Heimdrucker für Privatanwender entstand.

Die Erwartungen waren hoch. So verkündete Anfang 2011 ein oft zitierter Artikel aus dem Wirtschaftsmagazin The Economist, die dritte industrielle Revolution stehe durch den 3D-Drucker vor der Tür, das Ende der Ära der Massenproduktion sei eingeläutet. Zwei Jahre später nahm ehemalige US-Vizepräsident Al Gore die These auf: In seinem 2013 erschienenen Bestseller Die Zukunft: Sechs Kräfte, die unsere Welt verändern vergleicht Al Gore die Technik des 3D-Drucks gar mit der Einführung des Fließbands in die Automobilindustrie durch Henry Ford 1908. Kurz darauf war von der "Fabrik in jedem Haus" die Rede, die Emanzipation von der großen Industrie, wie sie der Cyberspace-Guru Steward Brand proklamiert hatte, schien in greifbarer Nähe.

Was in der virtuellen Welt schon erreicht schien durch Open-Source-Software und was durch Peer-to-Peer-Protokolle bereits erreicht worden war, eine allgemein zugängliche, offene und für alle erschwinglich Technologie, schien jetzt auch in der materiellen Welt möglich: Jeder und jede könne von nun Baupläne aus dem Internet laden und beliebige Gegenstände einfach zuhause ausdrucken. Jeder und jede könne wiederum selbst 3D-Blaupausen gestalten, sie ins Netz laden, und der ganzen Welt ermöglichen, diese zu reproduzieren. Eine wachsende Community sollte das Wikipedia der Realwelt ermöglichen und traditionellen Teileherstellern und Logistikunternehmen wurde eine düstere Zukunft beschieden. Nach Free Software war jetzt endlich auch Free Hardware gekommen! So die weitverbreitete Überzeugung.

Solcherlei hochfliegenden Erwartungen kontrastierten allerdings mit der schlechten Qualität der Druckerzeugnisse – diese sahen immer noch rau und billig aus und waren für kaum mehr als Prototypendruck tauglich. Zudem dauert der Produktionsprozess vergleichsweise lange. Abgesehen von einigen medienwirksam breit getretenen Anwendungsfällen, wie der private Ersatzteildruck, mit dem die dynamische Obsoleszenz von Industrieprodukten ausgehebelt werden sollte, blieb der Durchbruch auf breiter Front schlicht aus.

Etwa fünf Jahre nach dem Beginn des Hypes folgte dann die Ernüchterung. Investopedia kam 2015 in einem Artikel zu der Einschätzung, der Einsatz der 3D-Drucker sei auf "ein Nischenpublikum beschränkt geblieben, das von den zukünftigen Möglichkeiten der Technologie fasziniert ist" – auf gut deutsch: auf die Nerds. So auch kürzlich auf heise online: Unter dem Titel "Blumen zum Valentinstag – aus der Maker-Werkstatt" widmete sich der Umsetzung von Floristik-Ideen mit 3D-Druckern sprich: den Druck von Plastikblumen.

Und auch aus der Allianz von Open Source und Selbermachen ist nicht viel geblieben: Im Herbst 2012 stellte MakerBot, ein Pionier im Open-Source-3D-Druck, auf proprietäre Baupläne um. Wenig später wurde die Firma dann von Stratasys übernommen, einem großen, etablierten Hersteller von 3D-Druckern. Also genau die Sorte Unternehmen, gegen deren Macht die 3D-Druck- Graswurzelbewegung angetreten war, worauf der Kritiker des digitalen Kapitalismus Evgeny Morozov bereits 2014 in einem Artikel für den New Yorker hingewiesen hatte.

Im Jahr 1842 schrieb die Computerpionierin Lady Ada Lovelace, bei neuen Technologien könne man immer wieder feststellen, auf eine Phase überzogener Erwartungen folge eine Phase der Ernüchterung. Damit hatte die Britin die Grundidee des "Hype-Zyklus" vorweggenommen, ein Konzept, das auf Jackie Fenn, Mitarbeiterin der Unternehmensberatung Gartner, zurückgeht: Auf einen "technologischen Auslöser" folge rasch eine Euphorie, auf dessen "Gipfel der überzogenen Erwartungen" der fraglichen Innovation ungeahnte Marktpotenziale und geradezu wundersame Eigenschaften angedichtet werden.

Bald wird dieser Höhenflug jedoch von einem jähen Absturz ins "Tal der Enttäuschungen" abgelöst – die Blase platzt, Ernüchterung tritt ein und das Publikum wendet sich größtenteils ab. In einer dritten Phase, auf dem "Pfad der Erleuchtung" beginnen dann reale Anwendungen am Markt zu reüssieren und erobern sich ihren Platz in der Technologie-Landschaft. Auf dem "Plateau der Produktivität" angelangt kehrt schließlich Alltag ein: Die Technologie ist ins business as usual integriert.

Auch beim 3D-Drucker ließ sich dieser Zyklus exemplarisch beobachten. Bei der Prototypenherstellung, in der Flugzeug- und Raumfahrtindustrie haben die Geräte mittlerweile, allerdings meist in deutlich teurerer Variante, ihre professionelle Nische gefunden. Auch die Druckgeschwindigkeit hat sich gegenüber 2014 verdoppelt und auch die Größe der möglichen Modelle zugenommen.

Der Sportschuhhersteller Nike ist dabei und lässt Sohlen aus dem 3D-Drucker herstellen, Boeing und Airbus lassen – in der Flugzeugproduktion handelt es sich ja streng genommen um Kleinserien – z.B. Rotorblätter produzieren – allesamt nicht gerade Fab-Labs, sondern globale Konzerne.

Die große Industrie, gegen die sich die Revolution einst richtete, beobachtete die neuen Technologien zunächst, um sie dann einzukaufen, anzupassen, und überall da, wo es passte, in bestehende Betriebsabläufe zu integrieren. Gleichzeitig kündigt sich schon der nächste Hype an, diesmal mit Schwerpunkt auf Metalldruck und bionischen, also von der Natur abgeschauten Modellen.

Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. So erfuhren die hochfliegenden Hoffnungen rund um die gesellschaftsverändernde Kraft des 3D-Drucks neuen Auftrieb durch das 2017 veröffentlichtes Manifest #digitallinks - 10 Punkte für eine digitale Agenda des digitalisierungsfreundlichen Flügels der Partei Die Linke um Katja Kipping und Anke Domscheid-Berg. Zum 3D-Druck heißt es in dem Positionspapier: "3D-Druck ermöglicht eine dezentrale Produktion auf Basis digitaler Modelle. Solche Modelle gibt es vielfach mit einer offenen Lizenz, frei nutzbar für alle mit Zugang zum Internet. […] Die leichte Verfügbarkeit bietet eine große Chance zur Demokratisierung der Produktion durch die Demokratisierung des Eigentums an Produktionsmitteln. […] Schon heute werden in verschiedenen Ländern nicht nur Werkzeuge, Ersatzteile, Fahrzeuge und alle Arten Gegenstände, sondern selbst Häuser gedruckt, deren Herstellung mittels 3DDruck viel preiswerter und viel schneller ist."

Nicht nur Häuser, auch Organe könnten gedruckt werden, und damit das Problem langer Wartelisten für Organspenden gelöst werden, und dergleichen mehr. Es handelt sich um geradezu rührendes Beispiel für einen Soluzionismus von links. Als "solutionism" bezeichnet der amerikanische Autor Morozov diejenige Haltung, die für jedes gesellschaftliche Problem eine technische Lösung parat hält – was insbesondere dem Silicon Valley oft vorgeworfen wird.

Es scheint auch eine linke Variante davon zu geben, es muss nur die "richtige" Technologie sein: "Kommunismus – das ist 3D-Drucker plus CreativeCommons-Lizenzen" möchte man (in Anlehnung an Lenins berühmtes Diktum "Kommunismus – das ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes") ausrufen angesichts solcher Phantasien.

Dabei wusste schon Marx, dass es keine gute oder schlechte Technologie gibt, bzw. dass noch jede im Rahmen kapitalistischer Verhältnisse entwickelte und verwendete Technologie zu einem Instrument ebendieser Verhältnisse wird. Hoffnungen auf befreiende Potenziale der Technik selbst erteilte er eine klare Absage, was ihn nicht daran hinderte, die technologische Innovationsfähigkeit des Kapitals zu bewundern. Wollen wir gesellschaftliche Veränderung, müssen wir die Gesellschaft verändern, Technologien werden uns diesen Job nicht abnehmen. Anders ausgedrückt: Die Revolution wird nicht aus dem 3D-Drucker kommen.

Literatur

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(jk)