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Missing Link: Der Angriff auf das offene Internet und die Ethik des Netzes

Ein wahrer Wettlauf zu neuen Überwachungsgesetzen ist im Gange. Der neue Chef der Internet Society sieht darin auch einen Angriff auf das Netz auf breiter Front

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Missing Link: Der Angriff auf das offene Internet und die Ethik des Netzes

(Bild: metamorworks/Shutterstock.com)

Nicht nur das Phänomen Trump sorgt für mehr und mehr "Weiredness" in der Politik. In der Netzpolitik hat nach den NSA-Enthüllungen Edward Snowdens ein regelrechter Wettlauf zur Erweiterung der Geheimdienst- und Überwachungsgesetze eingesetzt. Vom Regierungs-Hackback bis zu Staatstrojanern – auch westliche Demokratien sind sich dafür nicht zu schade.

Andrew Sullivan, der am 1. September den Chefposten als Präsident und CEO der 80.000 Mitglieder starken Internet Society antritt, spricht von einem Angriff auf das das Netz auf breiter Front. Und er sieht viel Arbeit, um der Politik vielleicht doch noch die Grundsätze eines vertrauenswürdigen Netzes nahe zu bringen. Am Rande des 102. Treffens der Internet Engineering Task Force in Montreal sprach heise online mit Andrew Sullivan.

heise online: Nach den Snowden-Enthüllungen dachten viele, die Politik hat versagt. Nur bessere Technik kann die Massenüberwachung zurückdrängen oder doch wenigstens verteuern. Jetzt wechseln Sie von einem technischen Dienstleister und aus der Standardisierung zu einer politischen Lobbyorganisation. Heißt das, sie glauben nicht mehr an technische Lösungen?

Andrew Sullivan: Zuallererst, die ISOC ist keine politische Lobbyorganisation. Sie darf nach US-Recht nicht als Lobbyist agieren.

heise online: Eine Nicht-Regierungs-Organisation kann keine Lobbyarbeit machen?

Sullivan: Manche schon. Aber wir sind eine steuerbefreite Non-for-Profit-Organisation [501(c)(3)-Organisation, Anm.d.Red.]. Das schließt bestimmte politische Aktivitäten für uns aus. Wir können Orientierung vermitteln und Fachwissen anbieten. Wir können auch werben für bestimmte Regeln. Ziel der Internet Society ist es zuvorderst, für das Internet zu werben.

heise online: Wie viel ist technisch, wie viel politisch?

Andrew Sullivan: Wir verfolgen in der Hauptsache zwei zentrale Aspekte, einer ist Sicherheit im Netz, das vertrauenswürdige Netz. Der andere ist der grundlegende Zugang zum Internet. Ein Teil des Jobs ist sehr technisch. Beim Thema Access kümmern wir uns beispielsweise konkret um den Anschluss nicht erschlossener Gebiete via Community-Networks. Andere Schwerpunkte sind ein sicheres Internet der Dinge oder die Förderung des Multi-Stakeholder-Modells.

Da kommen wir in die weniger technischen Bereiche. Mir erscheint es gar keine große Veränderung, die der neue Job für mich bringt. Ich kann fortführen, was ich bisher gemacht habe. Ich bin nach wie vor überzeugt, dass die Arbeit der IETF und anderer, das Netz gegen Massenüberwachung abzusichern, extrem wichtig ist. Außerdem muss das gegen politische Akteure verteidigt werden, die diese Arbeit verhindern wollen.

heise online: Gab es andere Motive für den Wechsel, das Gehalt ...

Andrew Sullivan: Ich kann mich über die Bezahlung bei Oracle/Dyn, wirklich nicht beklagen, also nein, die Honorierung hat nicht den Ausschlag gegeben. Auch nicht die Aussicht auf einen möglichst einfachen Job.

Andrew Sullivan tritt zum 1. September seinen Job als neuer Chef der Internet Society an. Der ausgewiesene Techie mit Philosophieabschluss war zuvor bereits Vorsitzender des Internet Architecture Board (IAB) und Chefarchitekt des Domainanbieters Dyn.

(Bild: Interrnet Society)

Wir stehen vor an einem kritischen Punkt für die Internet Society, weil wir uns an einem kritischen Punkt für das Internet befinden. Da haben wir diese wunderbare Technologie, das Internet. Es hat uns Dinge gebracht, die von ungeheurem Wert für alle sind - und dieses Netz wird auf breiter Front angegriffen. Es wird angegriffen von den Nutzern, die sagen, das ist doch alles recht unsicher. Ängsten bezüglich der Technik kann man begegnen. Aber dann sind da die Leute, die ihre Chance gekommen sehen, das Netz endlich in den Griff zu bekommen, und die Freiheit und den fruchtbaren Boden, den es bereitet hat, zu zerstören. Das ist für mich die größte Herausforderung. Gegen diese Entwicklung will ich kämpfen und dem etwas entgegensetzen.

heise online: Was sehen sie als die Rolle der ISOC in dem Kampf, den sie beschrieben haben?

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Die Internet Society (ISOC)

Zugang zu den Netzen, mehr Internet-Exchange-Punkte, Sicherheit im Routing gehören zu den erklärten Zielen, für die die ISOC wirbt. Praktisch unabhängig und parallel zu den vielen nationalen Chaptern (in Deutschland die ISOC.DE e.V.) mischt sich die in Reston, Virginia und Genf ansässige Organisation aber auch ein, wenn mal wieder irgendwo das Netz gefiltert oder die Netzneutralität abgeschafft wird. Seit 2015 versucht man, durch ein InterCommunity-Treffen die vielen nationalen ISOC Gruppen wenigstens einmal im Jahr zusammenzubringen.

Die 1992 gegründete ISOC ist als Nichtregierungsorganisation grundsätzlich für die Internet-Infrastruktur zuständig. Die ISOC beschreibt die Gründe für ihre Schaffung vor allem damit, dass es einen institutionellen Ort und finanzielle Unterstützung für den Internet-Standardisierungsprozess geben sollte. So gehören zu den der Internet Society angeschlossenen Organisationen unter anderem die IETF, die IANA und die ICANN. Zu den Aufgaben der ISOC gehört beispielweise die Veröffentlichung und Pflege der RFCs mit den Netz-Standards.

Andrew Sullivan: Wir sind an der Schnittstelle zwischen Internet und Gesellschaft, wie der Name das schon ausdrückt. In der IETF wird vor allem an den technischen Teilen gearbeitet. Dann sind da die Politiker, die sich exklusiv um die gesellschaftlichen Fragen, die Auswirkungen der Technologie auf die Gesellschaft kümmern. Das Mandat der Internet Society ist es, die verschiedenen Seiten zusammenzubringen. Die Art, in der das geschieht, ist für uns alle von erheblicher Bedeutung, weil die Technologie so große Auswirkungen für die Gesellschaft hat. Die ISOC sollte der Kanal sein, der der Gesellschaft vermittelt, wie dieses Ding funktioniert und warum wir es wollen und welche Vorteile es bringt, warum wir Community Netze brauchen und wie wir es schaffen, dass das Netz allein eine Macht für das Gute wird.

heise online: Klingt hehr, aber ist die ISOC nicht auch ein Stück alte Meritokratie - und gar nicht so sehr bottom-up, wie ist das Verhältnis von nationalen ISOC-Chaptern und der zentralen Organisation?

Andrew Sullivan: Die Chapter an den verschiedenen Orten arbeiten mehr oder weniger intensiv an bestimmten Themen. Weil die Chapter geographisch organisiert sind, bestimmen die jeweiligen regionalen und nationalen Gegebenheiten die Agenda.

In der entwickelten Welt ist das Thema Internet für alle nicht mehr das drängendste Thema, auch wenn, wie etwa hier in Kanada, große Probleme mit der Konnektivität außerhalb der großen Ballungszentren bestehen. Es gibt aber Länder, da ist der Zugang zum Netz das zentrale Thema. Die ISOC als Organisation bringt diese verschiedenen Interessen zusammen in einer gemeinsamen Vision. Man könnte sagen, es ist wie ein Bachchoral, in dem unterschiedliche Gruppen unterschiedliche Parts singen. Der Sopran und der Tenor können sehr unterschiedlich klingen. Aber letztlich sind sie Teile einer Musik, eines gemeinsamen Werks. So kann man die Arbeit der ISOC beschreiben: ein konzertiertes Stück Arbeit, aber wir müssen nicht alles gleich machen.

heise online: Die Frage ist, ob von oben orchestriert wird? Können die Chapter da selbst eine eigene Note einbringen?

Andrew Sullivan: Das wirkt manchmal vielleicht etwas schwach. Es gibt da durchaus Kritik und auch Warnungen vor einer Kluft. Meine bisherige Erfahrung - und ich würde mal sagen, es ist vielleicht noch etwas früh dafür - immerhin meine Erfahrungen als Chapter-Mitglied sind, dass die regionalen Büros der Organisation [wie etwa das Büro in Brüssel, Anm.d.Red.] teilweise recht eng zusammenarbeiten mit den nationalen Chaptern. Das bedeutet nicht automatisch, dass jede nationale Priorität auf der regionalen oder internationalen Ebene aufgegriffen wird, genauso wie umgekehrt. Wir versuchen, über unsere jeweiligen Kampagnen gemeinsame Ziele zu definieren und ich finde, man kann erkennen, dass wir bei aller Diversität international in eine Richtung marschieren. Denn eigentlich gibt das Netz selbst die Werte vor, die wir gemeinsam verfolgen.

heise online: Sie sprechen selbst von Schwächen bei der Zusammenarbeit, was wollen Sie verbessern?

Andrew Sullivan: Ich glaube, wir müssen den Chaptern und Special-Interest-Gruppen (die zu bestimmten Themen arbeiten) stets klar vermitteln: Die Internet Society ist ohne sie wenig "Society". Ohne sie können wir unsere Arbeit nicht tun. Wenn sich die Leute das ISOC-Budget anschauen ...

heise online: Rund 42 Millionen US Dollar und einhundert Mitarbeiter ...

Andrew Sullivan: Ja, rund einhundert und ein relativ großes Budget. Aber bedenken Sie, welche Interessen auf der anderen Seite sind. Unser Budget ist öffentlich, jeder kann sehen, wie viel wir ausgeben. Die Zahlen entsprechen so ungefähr den Bonuszahlungen einiger Firmen ... Regierungen haben unbeschränkt mehr Ressourcen. Also, das sieht wie ein Haufen Geld aus. Aber wenn man international arbeitet und Gegner hat, deren Ziel es ist, das Internet in eine Richtung zu verändern, die den Interessen der Nutzer und des Netzes selbst zuwiderlaufen, hat man eine Menge zu tun - und dann ist das gar nicht mehr so viel Geld.

Letztlich müssen wir uns auf eine andere Form der Macht verlassen, die, die uns die Mitglieder, die nationalen Chapter und die Mitstreiter in den Kampagnen verleihen. Das ist eine andere Art von Macht als die, die man mit Millionen kaufen kann.

heise online: Sie haben von Gegnern gesprochen, die sie bekämpfen. Wer ist der Feind?

Andrew Sullivan: Lassen Sie uns nicht von Feinden sprechen, sondern von Akteuren, die fundamental missverstanden haben, wofür das Internet gut ist. Historisch waren die Vorteile der Vernetzung offensichtlich. Klar gibt es immer jemand, der neue Technologien für eine dumme Idee hält, Angst hat oder eigene Interessen bedroht sieht. Aber die Vorteile standen im Vordergrund. Heute stehen wir Kräften gegenüber, die schon immer gegen ein offenes Netz waren. Eine bestimmte Art von Regierungen, manche Unternehmen, die gerne totale Kontrolle über ihr geistiges Eigentum, über ihre Botschaften und die Erfahrungen ihrer Nutzer haben wollen.

Man sollte diese Interessen nicht von vornherein rundweg als negativ abtun. Aber wenn wir keine Debatte darüber zulassen, wie wir den Ausgleich von Interessen regeln wollen, wenn wir stattdessen die Durchsetzung der jeweiligen Partikularinteressen einfach nur zulassen, verlieren wir den Wert, den uns ein offenes, vertrauenswürdiges und globales Netz bringt. Wir geben die Attribute auf, die den Optimismus der frühen Jahre (des Internet) gerechtfertigt haben. Da war vielleicht manches geschönt, zu naiv bezüglich der Konsequenzen. Im Kern aber bleibt unbestreitbar, dass ein Netz, das Sender und Empfänger ohne Boss in der Mitte verbindet, ein wunderbares System ist. Das müssen wir erhalten.

heise online: Wo liegen die größten Gefahren, was steht auf der Agenda?

Andrew Sullivan: Ich nenne mal Internet-Shutdowns als Beispiel, gegen die wir zusammen mit AccessNow eine Kampagne machen. Internet-Shutdowns sind einfach nicht gut. Lassen wir mal kurz die betroffenen Nutzer außer Acht. Es ist einfach so, dass ein Netz, das zu gemacht wird, über kurz oder lang seinen Wert verliert.

Das schlichte Erfolgsrezept des Internet besteht darin, dass sich Netze freiwillig zusammenschalten. Wenn ich mich mit deinem Netz verbinde, aber du immer wieder vom Radar verschwindest, höre ich auf, dich als verlässliche Verbindung zu betrachten. Und irgendwann kannst du dich nicht mehr mit mir verbinden, oder ich lasse dich dann dafür bezahlen. Wer dieses Grundprinzip nicht verstanden hat, neigt zu allzu simplen Schlüssen und unterminiert den Betrieb seines Netzes.

heise online: Welche aktuelle gesetzliche Regelung sehen sie als besondere Bedrohung, könnten Sie ein Beispiel nennen?

Andrew Sullivan: Ein Beispiel? (Lacht). Da ist die Auswahl so reichhaltig. Anstatt ein einzelnes Gesetz herauszugreifen, lassen Sie uns lieber über die grassierende Idee reden, dass verschlüsselte Netze knackbar sein müssen, um eine legitime Strafverfolgung zu erlauben. Die Strafverfolger haben hier ein echtes Problem. Ich bin selbst sehr dafür, dass Gesetze auch durchgesetzt werden können. Die meisten Gesetze sind sinnvoll und übrigens wollen die allermeisten Leute nicht, dass Dinge in die Luft gesprengt werden oder ähnliche schlimme Dinge passieren.

Das Problem dabei ist, es geht nicht, und wir weisen immer wieder auf die technischen Gründe dafür hin. Wenn man die Möglichkeit sabotiert, sich im Netz über einen verschlüsselten Kanal zu verbinden, sodass ich sicher bin, dass ich auch mit der gewünschten Person kommuniziere, untergräbt man den Grundsatz eines sicheren, vertrauenswürdigen Netzes. Ohne diese Vertrauenswürdigkeit können wir die Vorteile, die das Netz zu bieten hat, nicht nutzen. Natürlich kann man sagen, ich nutze diese Vorteile immer dann, wenn ich sie nutzen will. Genau das funktioniert aber eben nicht. Weil man nicht weiß, ob man dann diese Vorteile dann noch kriegen kann. Das ist etwas, was wir sehr klar machen müssen.

heise online: Wenn die IETF im aktuellen Streit darüber, ob es Mechanismen zur Aufschlüsselung durch die Strafverfolger geben sollte, nachgeben würde, sollte die ISOC ihr dann den Geldhahn zudrehen?

Andrew Sullivan: Nein. Neutralität und Funktionalität der Technologie sind erklärte Ziele der Standardisierung der IETF. Das ist übrigens auch der Grund für den Konsens, dass die permanente massenhafte Überwachung ein Angriff auf das Netz darstellt. Dieser Beschluss war keine politische Entscheidung nach dem Motto Verschlüsselung ist gut oder schlecht. Es ist eine völlig Netzwerk-orientierte Position, die schlicht sagt, wir wollen, dass dieses Netz nach den ihm eigenen Grundsätzen funktioniert.

Massenhafte Überwachung unterminiert diese netz-eigenen Grundsätze. Ich nenne das die Ethik des Netzes. Vielleicht kommt jemand irgendwann mit einer Alternative zur Verschlüsselung, um das Netz vertrauenswürdig zu machen, Keine Ahnung. Vorerst, glaube ich, muss die Internet Society weiter dafür streiten, dass das Netz die Fähigkeit behält, vertrauenswürdige Kommunikation zu ermöglichen, und die Technologien, die es dazu braucht. (Monika Ermert) / (jk)

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