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Missing Link: Der Kampf um die Glasfaser, oder: Der verpasste Breitbandausbau in Deutschland

Unter Bundeskanzler Helmut Schmidt sollte die Bundesrepublik ab 1985 verkabelt werden. 30 Jahre wurden damals für den Glasfaserausbau veranschlagt. Hätte die Kohl-Regierung dies nicht gestoppt, sähe die Netz-Infrastruktur Deutschlands heute anders aus.

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Die SPD-geführte Regierung unter Kanzler Helmut Schmidt wollte Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre frühzeitig den Glasfaserausbau vorantreiben. Wie die Wirtschaftswoche nach Sichtung des Bundesarchivs berichtete, wurde in einer Kabinettssitzung vom April 1981 beschlossen, dass man langfristig den "zügigen Aufbau eines integrierten Breitbandglasfasernetzes" vorantreiben werde.

"Missing Link"

Was fehlt: In der rapiden Technikwelt häufig die Zeit, die vielen News und Hintergründe neu zu sortieren. Am Wochenende wollen wir sie uns nehmen, die Seitenwege abseits des Aktuellen verfolgen, andere Blickwinkel probieren und Zwischentöne hörbar machen.

Die Verkabelung von Westdeutschland mit Glasfaser sollte über 30 Jahre hinweg erfolgen. Die CDU-geführte Regierung Kohl stoppte die Pläne. Rechnet man den zusätzlichen Glasfaser-Bedarf nach der Wiedervereinigunghinzu, hätte Deutschland bis 2020 das modernste Glasfasernetz haben können.

"Sobald die technischen Voraussetzungen vorliegen, wird die Deutsche Bundespost aufgrund eines langfristigen Investitions- und Finanzierungsplanes den zügigen Aufbau eines integrierten Breitbandglasfasernetzes vornehmen", heißt es im Protokoll der Kabinettssitzung vom 8. April 1981 (Aktenzeichen B 136/51074). Der Plan sah vor, dass jedes Jahr ein Dreißigstel der alten Bundesrepublik verkabelt werden sollte. Insgesamt rechnete man mit Kosten von drei Milliarden DM.

Das ehrgeizigste Infrastrukturprojekt der BRD wurde nicht verwirklicht. Mitunter wurden nur Leerrohre verlegt. Die nachfolgende CDU-Regierung beschloss, in ausgewählten Regionen TV-Kabelnetze zu installieren, für die Kommunikation setzte man auf die gerade entwickelte ISDN-Technik in Verbund mit dem herkömmlichen Kupferdraht. Wo liegen die Gründe für die verpasste Chance?

Schaut man auf die Rahmenbedingungen, so findet man eine Grundsatzdiskussion über die "Neuen Medien", die seit Mitte der 70er Jahre in Westdeutschland geführt wurde. Dutzende von Büchern wurden geschrieben, mehrere Expertenkommissionen tagten und verfassten dicke Forschungsbände, Industrieverbände betrieben emsig Lobbyarbeit für Bildschirmtext, Video/Kabeltext und Kabelfernsehen. Verlegerverbände warben für das – natürlich von ihnen zu betreibende – Lokalfernsehen und für Pay-TV, Lehrerverbände warnten vor der Verblödung und Gewerkschaften vor dem Verlust von Arbeitsplätzen. Die "Neuen Medien" wurden in den höchsten Tönen gelobt, aber es gab auch Bücher wie "Schöne elektronische Welt: Technik der totalen Kontrolle".

Als Startpunkt kann man die Regierungserklärung vom Januar 1973 nehmen, in der Bundeskanzler Brandt eine "Kommission für den Ausbau des technischen Kommunikationssystems" (KtK) ankündigte. Ein Jahr später nahm die Kommission ihre Arbeit auf, "Vorschläge für ein wirtschaftlich vernünftiges und gesellschaftlich wünschenswertes technisches Kommunikationssystem" zu entwickeln.

Relativ schnell lagen erste Ergebnisse vor: Schon 1974 verkündete die Kommission unter dem SPD-Politiker Horst Ehmke, dass "ein Telefon in jedem Haus möglicherweise die Voraussetzung für die Einführung neuer Medien ist". Im ersten Bericht von 1975 sind die "Neuen Medien" aufgeführt: Faksimilezeitung per Fernkopierer, Videotext, Bildschirmtext, Bürofernschreiben (Teletex), lokaler Hörfunk und Fernsehen, Pay-TV, bespielte Datenträger und ein "Verleger-Rückkanal" finden sich in der Liste.

Dann heißt es: "Für die verschiedenen Formen des technisch Realisierbaren ist die Installation von Kabelverteilanlagen erforderlich." Das sollte in Pilotprojekten getestet werden. Die wichtigsten Feldtests für Bildschirmtext fanden zwischen 1977 und 1988 in Westberlin und in Düsseldorf/Neuss mit 6000 Teilnehmern statt und kosteten rund 100 Millionen DM.

Im Jahr 1977 veröffentlichten Abschlussbericht geht die KtK von einem "Planungshorizont" für ein bundesweites Kabel-Kommunikationssystem von "1985 bis zum Jahr 2000" aus. Mehrheitlich sprachen sich die Mitglieder der KtK dafür aus, "dass neben der deutschen Bundespost auch private Unternehmen nach den Richtlinien der Post als Netzträger auch in den Pilotprojekten zugelassen werden sollen, damit der Innovationsprozess durch die Konkurrenz verschiedener Netzträger gefördert wird" und so die "wirtschaftlichste Ausgestaltung der Netzträger" herausgefunden werden kann.

Mit dieser Empfehlung biss die KtK bei der Bundesregierung auf Granit. Unter Verweis auf die notwendige gebotene "Netzneutralität" und die "infrastrukturellen Vorausstzungen der deutschen Bundespost" sollte allein die Bundespost die Verkabelung Deutschlands betreiben.

Der avisierte staatliche Netzausbau rief prompt den Bundesverband der deutschen Industrie (BDI) auf den Plan: "Grundsätzlich wird es für wünschenswert gehalten, dass die Frage geprüft wird, ob in den zukünftigen Kabelsystemen noch ein Mangel bewirtschaftet wird, oder ob die Anzahl der zur Verfügung stehenden Kanäle auch Privatträgerschaften erlaubt. Unter diesen Umständen würde sie [die deutsche Industrie, Anm d. A.] ihren Anspruch anmelden, auch zu den Trägern zu gehören."

Parallel zu diesen Überlegungen, was mit der neuen Verkabelung erreicht werden kann, setzte Ende der 70er Jahre ein Nachdenken darüber ein, wie Informationen verarbeitet werden. Bei der SPD sprach man vom "mündigen Bürger", die CDU hielt 1978 einen medienpolitischen Parteitag ab und propagierte durch ihren Mediensprecher Christian Schwarz-Schilling die "Bürgerfreiheit".

Gemeint war ein Bürger, der sich Pay-TV und Lokalfernsehen kaufen kann. Die Vorstellung der besonderen Mündigkeit war weltweit eingebettet in die Vorstellung des freien Informationsflusses. Dieses Ideal des "free flow of information" wurde 1977 durch eine UNESCO-Kommission erarbeitet, die später den sogenannten MacBride-Report veröffentlicht. Mündige Bürger holen sich weltweit frei fließende Informationen aus den Quellen, denen sie vertrauen und sie tun dies mit Geräten, die sie souverän einsetzen. Ganz gleich ob Bildschirmtext, Teletex, Telefon- oder Computereinsatz: Die Geräte waren in den damligen Beschreibungen immer spielend einfach zu bedienen.

Im Jahre 1976 veröffentlichte die Siemens AG die Schrift "Büro 1990: Studie über die Entwicklung von Organisation und Technik", in der die Vorzüge der Telearbeit in Telehäusern mit schicken Großraumbüros geschildert wird. Dem mündigen Bürger wird die zu ihm passende Arbeitsweise im Telehaus mit einer Art Home Office mit kurzem Anfahrtsweg schmackhaft gemacht.

Kritik an diesen Zukunftsvorstellungen über die "Neuen Medien" kam zuallererst von den Gewerkschaften – und den Grünen , die sich gerade zu einer Partei zusammenrauften. Während die Gewerkschaften vehement gegen die "Bildschirmarbeit" polemisierten und die dahinter liegenden Effekte der IT-Rationalisierung meinten, sahen die Grünen das große Ganze. Schließlich stand das Symboljahr 1984 vor der Tür und so wurde der geplante Ausbau des Breitbandnetzes mit der Ankunft eines Überwachungsstaates verbunden.

In einem Gutachten für die Grünen unter dem Titel "Zwangsanschluss ans Informationsnetz der Zukunft mit Neuen Medien" warnte der Informatiker Wilhelm Steinmüller 1983 eindringlich vor dem Glasfaserausbau. Steinmüller, der 1971 den Begriff der "informationellen Selbstbestimmung" geprägt hatte, befürchtete den Wegfall von Millionen Büroarbeitsplätzen analog zur Automatisierung in den Fabriken. Bestenfalls blieben ein paar Heimbüroplätze mit Bildschirmtextaufgaben übrig, wenn die "Datenverarbeitung" dank Universalkabel kommt. Er rief die Grünen auf, gegen die Vernetzung als "Sozialverschmutzung durch Verdatung aller Lebensbereiche" zu kämpfen.

Seit 1982 war die CDU/CSU in der Regierung und änderte die Rahmenbedingungen. Der Ausbau des Glasfasernetzes unter Kanzler Kohl hatte nicht mehr die Priorität wie unter Kanzler Schmidt, doch Steinmüller analysierte beide Parteien und schrieb:

"Man geht auf *beiden* Seiten davon aus, dass in den 90er Jahren die Glasfaser sich durchgesetzt haben wird. Ab diesem Jahr beginnen ja schon die ersten Glasfaserverkabelungen, auch bei Schwarz-Schilling (und für militärische Zwecke gibt es jetzt schon bundesrepublik-übergreifende Glasfaserlinien). Kontrovers ist lediglich, ob das zu erwartende Arbeitslosenheer allein mit arbeitspolitischen Maßnahmen (35-Stunden-Woche – so die SPD) oder nur mit zusätzlicher Technologiepolitik ('Nicht diese Technik, oder später, oder anders!') in den Griff zu bekommen sei. Angesichts der Tragweite dieser Auseinandersetzung reduziert sich der Streit zwischen SPD und CDU um die Kupferverkabelung – hierher gehört dann das Niedersächsische Rundfunkgesetz – als Teilstrategie. 5 Jahre Unterschied: Glasfaserverkabelt wird auf jeden Fall. Es geht im Moment nur darum, ob mit oder ohne zwischengeschobene Kupferverkabelung. Alle Techniker stimmen darin überein, dass die Kupferverkabelung technisch überholt und ökonomisch unsinnig ist. Technisch überholt, weil bereits jetzt die Glasfaser serienproduktionsreif ist: Es fehlen nur noch leistungsfähige Fabriken und vielleicht ein paar Robustheitsgrade bei den Bausteien, die sind übernächstes Jahr erreicht. Die Kupferverkabelung hat einzig und allein den Sinn (nicht Arbeitsplätze zu sparen oder zu bringen!, – sondern) den Privatfunk schneller als nach SPD-Planungen durchzusetzen. Wenn dann die Glasfaserverkabelung eingeführt ist, werden wir sowieso im größten Ausmaß und nach jeder politischen Richtung das Privatfernsehen haben. Der Unterschied beträgt also nur 5 Jahre: die SPD hofft medienpolitisch bis in die 90er Jahre die nötigen Weichen in ihrem Sinne gestellt zu haben. (Hier lediglich möge ihre Hoffnung in Erfüllung gehen!) Dagegen werden durch die Kupferverkabelung voraussichtlich nur wenige Arbeitsplätze geschaffen: Die Kupferkabelindustrie hat derzeit nur 65% Kapazitätsauslastung, sie kann den Produktionsschub gut gebrauchen. Die Glasfaserproduktion, die bereits anläuft, ist sehr viel gefährlicher, was die Arbeitsmarktsituation betrifft, da sie fast vollautomatisiert abläuft, um die nötigen Reinheitsgrade zu erreichen. Die wenigen dabei entstehenden Arbeitsplätze hätten eine makabre Funktion: es sind Arbeitsplätze, deren Produktivität im wesentlichen darin besteht, mehr andere Arbeitsplätze wegzurationalisieren. Glasfaserarbeitsplätze – ihr Produkt ist Arbeitslosigkeit."

Bekanntlich wurden in der Regierungszeit von Helmut Kohl die ehrgeizigen Verkabelungspläne auf die TV-Verkabelung reduziert. Unter dem Eindruck der zweiten Ölkrise von 1980 als Finanzkrise änderte sich die Einstellung zur Zukunft der Informationstechnologien. Die Breitbandpläne wurden auf den Ausbau des integrierten Sprache- und Daten-Netzes (ISDN) zurückgeschraubt.

Von den der Debatte um die "Neuen Medien" blieb im wesentlichen das Privatfernsehen, das Lokalfernsehen und Videotext übrig, während das 1977 angekündigte Bildschirmtext erst 1nach mehreren Anläufen 1983 startete. Etliche Informationsöffnungen wie der Bürgerrundfunk mit seinen offenen Kanälen scheiterten zumeist am erbitterten Widerstand der Verlegerverbände.

Gleichzeitig änderte sich aber die Szenerie mit dem dem Aufkommen der Homecomputer, dann der Personalcomputer und schließlich der Mailboxvernetzung. Die Wechselwirkung, eine kritische Zeitung für Technik und Naturwissenschaft, brachte 1982 eine Besprechung des Schockwellenreiters von John Brunner und diskutierte die kommende Vernetzung. Das linke Ingenieurkolletiv Wuseltronick gab im Blatt einen Einblick, wie Computer bei der Konstruktion von Windkraft- und Solaranlagen zum Einsatz kommen. Und der Chaos Computer Club wurde an einem Tisch in den Räumen der tageszeitung gegründet. (jk)

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