Menü

Missing Link: Die schwarzen Tage - vor 90 Jahren stürzt die Welt in die Krise

Ende Oktober 1929 brach die New Yorker Börse zusammen und löste die Weltwirtschaftskrise aus – mit schweren Folgen für die USA, Deutschland und die Welt.

Lesezeit: 5 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 440 Beiträge

Arbeitslose Männer, die in Zeiten der Weltwirtschaftskrise vor einer von Al Capone eröffneten Suppenküche in der Warteschlange standen.

(Bild: Shutterstock/Everett Historical)

Von

Inhaltsverzeichnis

Vor 90 Jahren zerstörten der Schwarze Donnerstag (24. Oktober) und der Schwarze Dienstag (29. Oktober) in den USA die Träume vom unbeschränkten Wirtschaftswachstum und Reichtum durch Aktienspekulationen. Europa rutschte mit dem Schwarzen Freitag (25. Oktober) in die Weltwirtschaftskrise. Insgesamt sackte der Welthandel von 1929 bis 1933 um ein Drittel ab und die Arbeitslosenzahlen schnellten in zuvor nicht gekannte Höhen.

"Missing Link"

Was fehlt: In der rapiden Technikwelt häufig die Zeit, die vielen News und Hintergründe neu zu sortieren. Am Wochenende wollen wir sie uns nehmen, die Seitenwege abseits des Aktuellen verfolgen, andere Blickwinkel probieren und Zwischentöne hörbar machen.

mehr anzeigen

In den "Roaring Twenties" kannte der Wirtschaftsoptimismus in den USA keine Grenzen. Das Land wurde elektrifiziert, neue Firmen produzierten neue Dinge wie das Radio (1895 erfunden), die Waschmaschine und den Staubsauger (beide 1907), den Toaster (1909) und den Kühlschrank (1916). Eigens für diese Geräte wurde der Teilzahlungskredit eingeführt und 1913 die Federal Reserve Bank (Fed) gegründet, die den Überblick über das neue Finanzgeschehen behalten sollte. Junge Firmen wie Westinghouse und RCA waren die Börsenstars der 20er. John Jakob Raskob, Chef von General Motors schrieb seinen berühmten Essay "Everybody ought to be rich", in dem er den Kauf von Aktien empfahl. Vielleicht nicht jedermann, doch sehr viele US-Amerikaner kauften sich Aktien, oft auf Pump im Vertrauen, sie mit künftigen Gewinnen beim Verkauf bezahlen zu können. Banken fuhren ihre Investitionen in Übersee zurück, denn der amerikanische Markt war viel attraktiver.

Zwar gab es Warner vor der Spekulationsblase, doch der Glaube an die "eternal prosperity" war stärker. 1925 erreichte man zweimal den Tagesumsatz von 3 Millionen Aktien, 1926 gleich viermal und 1928 wurden am 1. März erstmals 4 Millionen Aktienanteile gehandelt. Die New Yorker Börse Börse brummte: 1929 handelte man im Durchschnitt täglich mit 4.277.000 Aktien bei einer Gesamtzahl von 1,1 Milliarden Anteilen. Die Makler waren die Superstars der Wall Street und kassierten im Jahr 1928 4,4 Milliarden Dollar. Bis zum 24. Oktober 1929, dem "Schwarzen Donnerstag". An diesem Tag begann der schwerste Börsenkrach der Wirtschaftsgeschichte, der sich bis zum 29. Oktober, dem "Schwarzen Dienstag" hinzog. Mit dem Zusammenbruch der New York Stock Exchange begann in den USA die "Great Depression", mit dem "Schwarzen Freitag" erreichte die Weltwirtschaftskrise Europa, wobei es das Deutsche Reich besonders hart traf, weil es nach dem verlorenen Weltkrieg durch Reparationszahlungen und dem Zollverbot belastet war.

Der Zusammenbruch der Börse und die sich daran anschließende Weltwirtschaftskrise von 1929 bis 1939 hatte epochale Ausmaße. Der britische Historiker Eric Hobsbawn fasste das Geschehen prägnant zusammen, als er schrieb: "Niemals gab es einen Schiffbruch, bei dem Kapitän und Mannschaft die Ursachen für das Unglück weniger begriffen hätten und bei dem sie unfähiger gewesen wären, etwas dagegen zu unternehmen." Der katastrophale Crash kam nicht vom blauen Himmel. Im August 1929 gab es in Deutschland den Bankrott der Frankfurter Allgemeine Versicherungs-AG, als US-Anlieger ihre Gelder abriefen. Am 20. September brach das britische Firmenimperium von Clarence Hatry zusammen. Beide höchst unterschiedliche Unternehmen hatten an der Börse von New York spekuliert.

Den gesamten Oktober über schwächelte der Dow Jones-Index und verlor bis zu 15 Prozent. Es gab Versuche von verschiedenen Banken, über Stützungskäufe die durchaus erkannte Talfahrt zu verhindern. Das Volumen der in New York gehandelten Aktien wuchs indes rasant an, als viele nervöse Anleger versuchten, ihre Papiere zu verkaufen. Doch dann gab es den großen Knall. Am "Schwarzen Dienstag" wurden 16,4 Millionen Aktien verkauft, ein Rekord, der 40 Jahre lang Bestand haben sollte. Viele US-amerikanische Anleger verloren ihr gesamtes Vermögen oder waren am Ende hoch verschuldet. Zwar besaßen nur zwei Prozent aller Amerikaner Aktien, doch abgesehen von der noch sehr überschaubaren Schicht der Millionäre, waren dies die Aufsteiger. In den drastischen Worten des französischen Ökonomen Thomas Piketty wurde mit dem Crash der amerikanische Mittelstand vernichtet.

Dazu kam ein weiterer Faktor. Vom Schwarzen Donnerstag bis zum Schwarzen Dienstag versuchten die Banken noch durch Stützungskäufe von Aktien, die Situation zu retten, doch am Dienstag gaben sie auf. "In der Woche darauf wurde es noch schlimmer. Nun hieß es, dass auch die Banker verkaufen", schrieb der Ökonom Kenneth Galbraith als einflussreichster Chronist der Weltwirtschaftskrise. 9096 kleinere und mittlere US-amerikanische Banken gingen in den folgenden Wochen bankrott. Das lag auch daran, dass die relativ unerfahrene Fed den Banken nicht half, ihr Liquiditätsproblem zu lösen und im Gegenteil eine Politik der Geldverknappung verfolgte. Mit einer flexibleren Geldmarktpolitik und dem zeitweiligen Aussetzen des Börsenhandels hätte man den Crash und die sich daran anschließende Weltwirtschaftskrise abwenden können, so die Lehrmeinung von Galbraith und anderen Ökonomen.

Das Geschehen an der Börse von New York ist ohne Reaktionen auf den Nachbar-Märkten nur schwer zu verstehen. Die Börsen-Panik erzeugte zum Beispiel eine Liquiditäts-Panik bei den Hypotheken. Von Hausbesitzern verlangten etwa die kriselnden Banken die Rückzahlung von Krediten, die sonst nur alle drei Jahre fällig waren. Zigtausende wurden in der "Great Depression" obdachlos, viele zogen als Hobos (Wanderarbeiter) umher. Die Automobil-Produktion kam praktisch zum Erliegen und lief erst 1930 mühsam wieder an, weil viele Tankstellen und Reparaturbetriebe bereits pleite waren. Der Import wichtiger Waren wie Kaffee, Kakao, Gummi und Seide ging drastisch zurück. Gleichzeitig stieß der für die US-Landwirtschaft so wichtige Weizenexport auf Probleme, weil die Sowjetunion ohne Rücksicht auf (menschliche) Verluste anfing, den Weltmarkt mit Weizen zu Dumping-Preisen zu bedienen. Nur Schweineschmalz beziehungsweise die Produktion von fetten Schweinen mit Maisfütterung konnte sich halten, mit Deutschland als wichtigstem Abnehmerland: 1,9 Millionen Arbeitslose mussten hier bereits 1929 ernährt werden, bei einer Gesamtbevölkerung von 64 Millionen. Zum Vergleich: in der Depression gab es in den USA 1,6 Millionen Arbeitslose bei einer Bevölkerung von 122 Millionen Menschen. Die Arbeitslosenquote stieg von 3,2 Prozent bis 1933 auf den Höchststand von 24,9 Prozent.