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Missing Link: E-Mail – geschmäht, für tot erklärt, quicklebendig

Totgesagte leben länger: E-Mail ist immer noch das Kommunikationsmittel der Wahl, trotz Spam und Konkurrenz durch Messenger sowie Kollaborationstools.

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(Bild: Fabio Balbi / Shutterstock,com)

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Die E-Mail ist das berufliche Kommunikationsmittel. Sie hat sich bewährt, ist etabliert und wird weiterhin das zentrale Tool im geschäftlichen Informationsaustausch sein, meint Daniel Michelis, Professor für Online-Kommunikation an der Hochschule Anhalt.

"Missing Link"

Was fehlt: In der rapiden Technikwelt häufig die Zeit, die vielen News und Hintergründe neu zu sortieren. Am Wochenende wollen wir sie uns nehmen, die Seitenwege abseits des Aktuellen verfolgen, andere Blickwinkel probieren und Zwischentöne hörbar machen.

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Herr Michelis, 848 Milliarden E-Mails wurden in Deutschland im vergangenen Jahr verschickt, ohne Spam. Das waren zehn Prozent mehr als im Jahr davor. E-Mails sind ein Wachstumsmarkt. Die Technologie aber ist alt und stammt aus den Achtzigerjahren. Wie passt das in unsere digitale Welt, in der es moderne Alternativen gibt?

Daniel Michelis: Mit der Digitalisierung nimmt die digitale Kommunikation zu. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass immer mehr E-Mails verschickt werden. In Deutschland wird die Technologie zwar schon seit 35 Jahre verwendet, sie hat aber Funktionen, die sie unterscheidet von anderen Kommunikationsformen. Und an den steigenden Nutzerzahlen sieht man, dass die Menschen die Möglichkeiten der E-Mail schätzen.

Prof. Dr. Daniel Michelis beschäftigt sich an der Hochschule Anhalt vor allem damit, wie die Digitalisierung Wirtschaft und Gesellschaft verändert.

(Bild: Daniel Michelis )

Was kann die E-Mail, was andere digitale Kommunikationsformen nicht können, was macht sie so beliebt?

Michelis: Sie ist dezentral. Jeder kann sie auf seinem Server aufsetzen und über die Protokolle mit anderen kommunizieren. Die E-Mail ist mit allen anderen digitalen Medien kompatibel. WhatsApp und andere Tools gehören großen Unternehmen, sie funktionieren nur innerhalb dieses Netzwerkes, was deren Einsatzzweck einengt. Von Facebook kann man keine Nachricht zu Snapchat schicken. Mit der E-Mail ist Kommunikation flexibler. Ein zweiter wichtiger Grund ist die Verknüpfung der E-Mail im beruflichen Alltag mit technischen Tools, von denen vor allem der Kalender eine große Bedeutung hat. Das hilft enorm bei der Arbeitsorganisation und macht die E-Mail effizient.

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Die Namen von E-Mails sind häufig identisch mit seinem Besitzer oder dem Firmennamen. Sind E-Mails so etwas wie eine digitale Kurzversion einer Visitenkarte, womöglich auch emotional, weil wir sie mit ganz persönlichen Namen taufen?

Michelis: Man identifiziert sich mit der Domain, von der die elektronische Nachricht versendet wird. Mit dem Namen der Firma in der Adresse ist für alle erkennbar: Das ist meine berufliche Heimat und für diese kommuniziere ich. Insofern hat der E-Mail-Name etwas identitätsstiftendes. Ob damit auch eine emotionale Ebene einhergeht ist fraglich.

Milliarden Mails

(Bild: Pavel Ignatov/Shutterstock.com)

Im Jahr 2018 wurden in Deutschland 848,1 Milliarden E-Mails verschickt, ohne Spam. Vor zehn Jahren sind es etwa 220 Milliarden Mails gewesen. Der Zuwachs 2018 lag gegenüber dem Vorjahr bei 10 Prozent. Weltweit betrug das Wachstum 4,5 Prozent. Das sind Ergebnisse einer Auswertung von WEB.de und GMX.

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Die meisten E-Mails verschicken Anbieter von Newslettern, dann folgen im Absenderranking Online-Shops und soziale Netzwerke. Erst dann kommt die Korrespondenz zwischen Personen. Ist die E-Mail-Technik daher eher ein Mittel für die Werbung als ein Kommunikationsmedium?

Michelis: Sie ist beides und ganz klar ein zentrales Kommunikationsmittel mit mannigfaltigen Möglichkeiten. Die E-Mail-Technik wird zur Kommunikation in ganz verschiedenen Bereichen weitreichend eingesetzt. Dazu gehören Werbung und genauso E-Mails von sozialen Netzwerken zur Netzwerkpflege sowie Anfragen oder Antworten in einer Mailbox, auf die wir viel schneller reagieren als auf Briefe von der Post.

Weltweit war das Wachstum nur halb so große wie in Deutschland. Ist die E-Mail global weniger wichtig und womöglich kein internationales Kommunikationsmedium?

Michelis: Ganz klar: Die E-Mail ist ein globales Medium für die Kommunikation, allerdings hat sie in manchen Ländern nicht die herausragende Bedeutung wie bei uns. Chinesen zum Beispiel nutzen sehr häufig ihre umfassende "Super-App" WeChat und vernetzen sich damit. Das könnte zu Lasten der E-Mail gehen.

Bei uns gibt es mit den Kommunikations- und Kollaborationstools Slack, Trello und Teams moderne und vielleicht effektivere Alternativen zur E-Mail. Dagegen sind E-Mails umständlich.

Michelis: Ich habe mit den Studierenden in unserem Masterstudiengang Online-Kommunikation vor kurzem einen Jahresrückblick gemacht und gefragt: Was waren eure Kommunikationstools des Jahres in unterschiedlichen Bereichen? Die Antwort war einheitlich: WhatsApp im privaten Kontext, im beruflichen E-Mail. Slack, Trello, Teams haben sich bewährt, sind effizient und werden genutzt, aber meist für spezifische Zwecke. Überwiegend dann, wenn ein Team gemeinsam an einem Projekt arbeitet und die Programme das verbindende Kommunikationstool sind. Die E-Mail ist dagegen eine übergeordnete Plattform für den Informationsaustausch und darin überragend.

Sehen Sie alternative Kommunikationstechniken, die das Potential dazu haben, die E-Mail in seiner großen Bedeutung abzulösen?

Michelis: Wir und viele andere Hochschulen forschen an der Sprachinteraktion, also digitalen Assistenten. Wenn das reibungslos funktioniert, ist diese Technik äußerst anwenderfreundlich. Ich vermute aber, dass die Sprachtechnik eine Alternative für den spezifischen Einsatzzweck wird, ähnlich wie Slack oder andere Anwendungen.

Wagen Sie eine Prognose, wie lange die E-Mail unsere digitale Kommunikation noch dominieren wird?

Michelis: Ich gehe davon aus, dass die meisten Menschen, die dieses Interview lesen, auch in vielen Jahren noch E-Mails schreiben werden.

Welche digitale Kommunikationsform halten Sie für die beste?

Michelis: Das beste Kommunikationstool ist das, das sich für den jeweiligen Zweck am besten eignet. (jk)