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Ein Leben im CO2-Budget

Inhaltsverzeichnis

Wie hoch wäre denn ein individuelles CO2-Verbrauchsbudget, das auf ein Jahr gesehen umweltfreundlich bleibt? Und wie würde so ein Leben im Budget aussehen?

Auf der Homepage des Umweltbundesamts ist von rund einer Tonne an CO2-Äquivalenten pro Kopf und Jahr die Rede. Der momentane Durchschnitt liegt in Deutschland bei ungefähr 12 Tonnen. Die hierzu nötige Reduktionsleistung kann nur im Rahmen einer Postwachstumsökonomie bewerkstelligt werden. Das bedeutet erstens eine Suffizienz-Bewegung, zweitens eine ergänzende Selbstversorgerwirtschaft, begleitet von einer 20-Stunden-Arbeitswoche, drittens eine Stärkung der Regionalökonomie, viertens ein Umbau der nur noch halb so großen Industriekapazitäten. Und fünftens institutionelle sowie – falls sich jemals Mehrheiten dafür gewinnen lassen – politische Maßnahmen, die auf Selbstbegrenzung hinauslaufen.

Glauben Sie, dass viele Leute zu einem solchen Verzicht von sich aus bereit sind? Oder würden eher die Veränderungen durch den Klimawandel einen solchen Lebensstil erzwingen?

Mit jeder weiteren Krise – und Corona ist nur der Anfang einer Kette unterschiedlicher Eskalationsstufen, die alle auf dieselbe Ursache, nämlich ein globalisiertes Wachstumsmodell zurückzuführen sind – steigt die Anzahl der Menschen, die sich dem Steigerungs- und Fortschrittswahn verweigern werden. Übrigens, es geht dabei nicht um Verzicht, sondern um die Rückgabe einer Beute, die niemandem zustehen kann, der nur zwei Hände zum Arbeiten hat. Denn der ruinöse Wohlstand lässt sich nicht als Ergebnis menschlicher Anstrengung darstellen.

Vielmehr handelt es sich um den Einsatz eines globalen Maschinenparks, der menschliche Arbeit durch Ressourcenverzehr ersetzt hat. Außerdem leiden moderne Konsumgesellschaften zusehends unter psychischen Wachstumsgrenzen. Immer mehr Menschen stumpfen inmitten einer Lawine konsumtiver Möglichkeiten ab, weil ihnen die Aufmerksamkeit fehlt, dies alles stressfrei auszuschöpfen. Genügsamkeit kann also auch als Befreiung vom Überfluss aufgefasst werden.

Was würde die Postwachstums-Gesellschaft, wie Sie sie skizzieren, für die IT-Welt bedeuten?

Die Digitalisierung potenziert jede ökologische Plünderung bis ins Unermessliche. Einen effektiveren Sargnagel für die Lebensgrundlagen hätte sich niemand ausdenken können. Nun zu meinen, durch eine zusätzliche oder bessere Digitalisierung ließe sich die Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft steigern, ist so klug wie Feuer mit Benzin löschen zu wollen.

Wir reden doch über eine neutrale Technik. Warum sollte Digitalisierung nicht für die optimale Planung einer schonenderen Ressourcennutzung verwendet werden können?

Nein, die Digitalisierung ist nicht neutral. Allein ihr direkter ökologischer Aufwand ist verheerend. Außerdem findet die optimale Planung, von der Sie sprechen, seit Jahrzehnten statt und bildet die Basis für die kosteneffiziente Spezialisierung und Globalisierung der Produktion. Darauf gründet eine zunehmend unkontrollierbare und auf Wachstum beruhende Maschinerie, die unsere Lebensgrundlagen aufzehrt und Krisengefahren heraufbeschwört. Ressourcenschonung ist eine Frage der suffizienten Kultur, nicht der Technik.

Sollte etwa das Internet abgeschaltet werden?

Das wird nur graduell und temporär möglich sein, wäre aber die Nagelprobe. Das Internet beispielsweise jeden zweiten Tag abzuschalten oder den Zugang zumindest für Kinder und Jugendliche hart zu limitieren, wäre unumgänglich. Schulen, die vom technischen Fortschrittswahn befreit sind, damit Kinder endlich wieder lernen könnten, worauf es in einer überlebensfähigen Gesellschaft ankommt, statt digital zu verblöden, sind ebenfalls sinnvoll.

Warum soll die Nutzung digitaler Technik bei Kindern zu Verblödung führen? Ist das nicht eher eine Frage der Inhalte denn des Mediums?

Zeit ist die knappste Ressource, mit der Menschen konfrontiert sind. Jede zielgerichtete Handlung, jedes Lernen, jede Informationsaufnahme, jeder Genuss, verlangt Zeit. Die nicht vermehrbare Zeit unterliegt somit einer harten Verwendungskonkurrenz. Was ich einer bestimmten Handlung an Aufmerksamkeit und somit Zeit widme, kann für eine andere Handlung nicht verfügbar sein. Ein größerer Zeiträuber als die Digitalisierung hat im modernen Zeitalter nie existiert, speziell bei Kindern und Jugendlichen.

Die Aufmerksamkeit, welche auf Social Media oder auf digitale Services entfällt, kann für andere Verwendungen nicht verfügbar sein, insbesondere für Lernprozesse. Und dort, wo digitale Medien gezielt zu Lernzwecken eingesetzt werden, wird kein Erfahrungswissen, kein praktisches Üben, sondern nur eine auf bequemer, aber realitätsferner Simulation beruhende Informationsaufnahme ermöglicht. An die Stelle sozialer Beziehungen und physischen Alltagshandelns tritt eine Benutzeroberfläche. Das Digitale verdrängt das Analoge – aber Realität ist analog. Hinzu kommt, dass digitale Medien zu einer Reizüberflutung führen, die Oberflächlichkeit und Orientierungslosigkeit fördern.

Was sind denn die in Schulen lehrenswerten Inhalte, auf die es ihrer Meinung nach ankommt?

Allgemeinbildung, klassische Literatur lesen, vertiefter Geschichtsunterricht, Pflichtfach "Lebensstilkunde für das 21. Jahrhundert", Kochen, Handwerk.