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Missing Link: "Es gibt keine Pflegeroboter"

Angesichts der wachsenden Zahl pflegebedürftiger Menschen und des Mangels an Pflegekräften streben viele eine technische Lösung an: Pflegeroboter. Was ist dran?

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Missing Link: "Es gibt keine Pflegeroboter"

(Bild: rawpixel, gemeinfrei )

In Deutschland gibt es knapp drei Millionen pflegebedürftige Menschen. Und es gibt jetzt schon einen eklatanten Mangel an Pflegekräften. Wer also wird in Zukunft die Pflegebedürftigen versorgen, Mensch oder Maschine? Im Interview erklärt Christian Buhtz, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter im FORMAT-Projekt assistive Technologien in der Pflege untersucht und Bildungskonzepte entwickelt, warum Roboter die Pflege nicht ersetzen können und es keine Pflegeroboter gibt.

heise online: Herr Buhtz, der Gründer des Robotikherstellers Boston Dynamics Marc Raibert, sagte letzte Woche auf der Cebit, die Pflege sei eine "extreme Belastung" und er sei froh, dass das bald seine Roboter übernehmen könnten. Was halten Sie davon?

Christian Buhtz: Natürlich ist die Pflege mit physischen und psychischen Belastungen verbunden. Aber Roboter können die Pflege nicht ersetzen. Ich höre sehr häufig die Behauptung, dass in Zukunft die Technologie alle Pflegefachkräfte obsolet macht. Dies wird uns häufig von einigen Medien suggeriert. Doch hier herrscht ein Übersetzungsfehler: Es gibt einfach keine Pflegeroboter. Sondern es gibt lediglich robotische Systeme die in einzelnen Funktionen unterstützen können und so Pflegekräfte entlasten. Das Problem ist nicht die technische Machbarkeit, sondern die Komplexität, Individualität von zwischenmenschlichen Beziehungen zwischen Pfleger und Patient.

Christian Buhtz, wissenschaftlicher Mitarbeiter im FORMAT-Projekt, untersucht assistive Technologien in der Pflege und entwickelt Bildungskonzepte.

heise online: Was meinen Sie damit genau?

Buhtz: Keinesfalls, egal wie klug oder geschickt Roboter einmal sind, werden diese so wie Pflegefachpersonen im hohen Maße komplex und der Situation angepasst handeln können. Der Gedanke, dass Roboter Pflege ersetzen könnte, kommt von einem beinahe diskriminierenden und sehr verkürzten Verständnis pflegerischen Handelns. Ich plädiere für eine nüchterne Darstellung der realen Fähigkeiten und Möglichkeiten von Maschinen und bevorzuge die Begriffe robotische Pflegeassistenzsysteme oder Roboter zum Autonomieerhalt.

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Das Forschungsprojekt FORMAT

FORMAT ist ein Forschungsprojekt am Dorothea-Erxleben-Lernzentrum der Medizinischen Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. In dem Projekt werden multimodale Bildungs- und Weiterbildungsangebote zur Erhaltung der Autonomie im Alter entwickelt. Schwerpunkte der Angebote liegen dabei auf dem Einsatz und der Handhabung von technologiebasierter Pflegeassistenztechnik sowie dem Aufbau eines interdisziplinären Versorgungsnetzwerks. Bis 2022 soll die Zukunft der Pflege erforscht werden.

heise online: Wie lautet denn der derzeitige Stand der Technologien in der Pflegebranche?

Buhtz: Bislang gibt es nur eine sehr bescheidene Anzahl von assistiven Technologien, die den Weg in die Pflegepraxis gefunden haben. Diese Technik unterstützt meine Kolleginnen und Kollegen nur in einem Bruchteil ihrer täglichen Aufgaben. Dabei ist der Markt riesig: Alleine in Sachsen-Anhalt werden etwa 70% aller Pflegebedürftigen zu Hause versorgt und dabei fast Hälfte von ihren Angehörigen gepflegt. Im Vergleich zu anderen Bundesländern, trifft der demographische Wandel dieses Bundesland bereits sehr stark.

heise online: Welche Eigenschaften besitzt assistive Technologie?

Buhtz: Das ist ein Sammelbegriff, der unterstützende und sich anpassende Geräte für Menschen mit Pflegebedürftigkeit oder anderen Einschränkungen umfasst. Die Unabhängigkeit soll gefördert werden, indem den Menschen mit der Technik ermöglicht wird, Aufgaben zu erfüllen, die sie zuvor nicht oder nur mit Schwierigkeiten erfüllen konnten.

Assistive Technologie übernimmt nicht den vollständigen Arbeitsprozess, sondern nur einen kleinen Teil. Das Ziel sollte immer sein, die Autonomie, also die Selbstständigkeit pflegebedürftiger Menschen zu erhalten oder wiederherzustellen. Als assistive Technologie kann aber bereits auch ein einfacher Stuhl mit zwei Rollen und einen Hebel klassifiziert werden, mit dem man leichter Menschen näher an den Tisch zum Essen rückt. Aber auch Betten, die mit einer Fernbedienung die Matratze langsam in eine Sitzposition hochfahren, sodass die Seniorinnen und Senioren einfacher aufstehen können, sind assistive Technologie.

Das Problem liegt hier ganz woanders: Pflegende Angehörigen kennen diese einfachen technologische Unterstützungssystem nicht und sind deswegen im Alltag immer noch Belastungen ausgesetzt, die so eigentlich nicht sein müssten. Unser Forschungsprojekt versucht hier ganz einfach diese Wissenslücke durch sogenannte "Erlebnisräume" und Bildungsangebote für pflegende Angehörige und weitere Zielgruppen im Gesundheitssystem zu schließen.

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