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Missing Link: Fluchtpunkt Afrika - Kontinent technologischer Visionen und Innovationen

Hightech aus Afrika? Das widerspricht dem Bild vom Kontinent mit Armut, politischer Gewalt und Flüchtlingen. Geprägt ist er aber auch von Erfindungsgeist und Innovationen - und einer kulturellen Bewegung, die sich im Afrofuturismus widerspiegelt.

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Missing Link: Fluchtpunkt Afrika - Kontinent technologischer Visionen und Innovationen

(Bild: Wanuri Kahiu, „Pumzi“, 2009, Foto © Mark Wessels)

Die neue Berufskarriere von Richard van As begann an einem Samstagnachmittag im Jahr 2011, als der südafrikanische Tischler sich vier Finger der rechten Hand abschnitt. Jetzt brauchte er eine Prothese, war aber geschockt von den hohen Preisen. So entschloss er sich, selbst eine zu bauen. Was zunächst nur als Ersatz für seine eigenen verlorenen Gliedmaßen gedacht war, wurde dann rasch zu Robohand – einer Firma, die mithilfe von 3D-Druck günstige Prothesen anbietet. Die Open-Source-Designs können auf eigenen Druckern auch überall und von jedermann zum Selbstkostenpreis ausgedruckt werden.

Robohand ist eines der Exponate aus der afrikanischen Maker- und Startup-Szene, die im Zentrum der Ausstellung Afro-Tech and the Future of Re-Invention im Dortmunder U stehen. Rund um ein Zelt aus goldener Metallfolie, das gleichermaßen an ein Wüstencamp wie an einen Weltraumsatelliten erinnern kann, werden hier auf einem Dutzend Monitoren Technologieprojekte vorgestellt, die in und für Afrika entwickelt wurden.

Zu den Projekten zählt etwa CardioPad aus Kamerun, ein durch spezielle Sensoren erweiterter Tablet-PC, der Untersuchungen zu Herzerkrankungen erleichtert. Auch ohne Spezialkenntnisse können Daten erhoben und an Fachärzte gesendet werden, die dann eine Diagnose erstellen und Therapien vorschlagen können. "Für mehr als 20 Millionen Einwohner haben wir in Kamerun nur etwa 50 Herzspezialisten, die sich zudem in den großen Städten konzentrieren", erklärt der Erfinder Arthur Zang in einer kurzen Videopräsentation. "CardioPad soll deren Fachwissen auch in abgelegenere Regionen bringen."

In Ruanda entstand die Idee mobiler Solarkioske (Shiriki Hub), die Aufladedienste für Mobiltelefone und Zugang zum Internet anbieten. Die unsichere Versorgung mit Elektrizität ist auch Hintergrund von BRCK), einem Team von Software-Entwicklern und Ingenieuren aus Kenia, das unter anderem einen Server anbietet, der eine zeitlang ohne Strom auskommen kann. An schwangere Frauen richtet sich die App GiftedMom), die mit gezielten Gesundheitsinformationen helfen will, die Müttersterblichkeit zu senken.

Afro-Tech and the Future of Re-Invention (10 Bilder)

Wenn die Flüchtlingsströme sich umkehren: Szenenbild aus dem Film „Drexciya“ (2012) von Simon Rittmeier
(Bild: Simon Rittmeier, „DREXCIYA“, 2012, Still, Courtesy of the artist © VG Bild-Kunst, Bonn 2017)

Hightech aus Afrika? Das widerspricht dem verbreiteten Bild von dem Kontinent, der eher mit Armut, politischer Gewalt und Flüchtlingen in Verbindung gebracht wird als mit Erfindungsgeist und technologischen Innovationen. Die von Inke Arns und Fabian Saavedra-Lara nach einer Recherchereise im Jahr 2014 konzipierte Ausstellung lässt die Besucher mit solchen Irritationen nicht allein: Um das goldene Zelt herum finden sich zahlreiche künstlerische Objekte und Installationen, die helfen, die Technologieprojekte in einen kulturellen Kontext zu rücken.

Größtenteils handelt es sich dabei um Videoinstallationen. Der 45-minütige experimentelle Dokumentarfilm "The Last Angel of History" von John Akomfrah etwa macht deutlich, dass es gerade afrikanische oder afro-amerikanische Künstler wie die Musiker Sun Ra oder George Clinton waren, die sich schon in den 1960er-Jahren intensiv mit Raumfahrt und Science-Fiction beschäftigten, was später mit dem Schlagwort Afrofuturismus umschrieben und weitergeführt wurde. "Der Weltraum ist für Schwarze nichts Neues", sagt Clinton im Interview. "Wir kommen von dort und wir kehren wieder dorthin zurück." Schriftsteller wie Greg Tate und Samuel Delaney erklären, dass Entführungen durch Aliens und genetische Manipulationen letztlich keine Fantastereien sind, sondern reale Erfahrungen widerspiegeln, die Schwarze im Lauf der Geschichte machen mussten.

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