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Missing Link: Für eine bessere Welt – dezentrale Buchführung mit der Blockchain?

Fairtrade durch Blockchain

Inhaltsverzeichnis

Ein Beispiel, wie die Blockchain für gerechten Handel und Transparenz in Handelsketten sorgen könnte ist "FairChain". In einem Blog-Beitrag beschreibt Daniel Matthews ein Pilotprojekt, das äthiopischen Kaffeebauern helfen soll, faire Preise zu erzielen. Zwischen den Bauern und den Endkunden stehen zahlreiche Zwischenhändler, die alle mitverdienen wollen, so dass letztlich nur zwei Prozent des Ladenverkaufspreises beim Erzeuger ankommen. Um den Anteil der Bauern zu erhöhen und gleichzeitig mehr Transparenz beim globalen Kaffeehandel zu schaffen, hat der holländische Fairtrade-Kaffeehändler Moyee mit der Software-Firma Bext360 aus Denver eine App entwickelt, die auf einer Blockchain basiert. Ein Automat von Bext360 prüft und wiegt die Kaffeebohnen, woraufhin ein fairer Verkaufspreis auf der Grundlage des lokalen Marktpreise vereinbart wird. Die Bauern werden über eine App sofort bezahlt und erhalten einen Aufschlag von 20 Prozent auf den Marktpreis.

Alle Transaktionen in der Lieferkette werden in der Blockchain gespeichert, dabei wird jedes Mal ein Kryptotoken generiert, das den Wert der Ware zum Zeitpunkt der Transaktion anzeigt. Ein Kryptotoken ist wie eine Quittung, die alle für die Transaktion relevanten Informationen erfasst, einschließlich Ort der Transaktion, Marktpreis, Gewicht der Ware und Identität der Beteiligten. Alle Beteiligten und auch der Endkunde kann mit der gleichen App genau nachverfolgen, wo der Kaffee herkommt, wer der Bauer ist, und welchen Preis dieser erhalten hat. Würde dieses Modell Schule machen, so die Hoffnung, würde das nicht nur für bessere Deals für den Erzeuger, sondern auch mehr Transparenz und Fälschungssicherheit garantieren.

Ebenfalls um Lieferketten, allerdings in ganz anderen Dimensionen, geht es bei einem Pilotprojekt, an dem Software-Riese IBM, die weltgrößten Reederei Maersk und die Schweizer Bank UBS beteiligt sind. Neben der Finanzbranche beschäftigt sich derzeit die Logistikbranche intensiv mit der Blockchain, hier werden allerdings andere Ziele verfolgt, als beim zuvor genannten Beispiel.

(Bild: Travel mania / shutterstock.com)

Eine Lieferung per Schiff z.B. aus China nach Europa auf den Weg zu bringen, ist langwierig, aufwändig und kostspielig. Zunächst dauert es zwei bis drei Tage, um für den Transport einer Palette aus Übersee überhaupt ein Angebot zu bekommen, wie einem Artikel des Economist zu entnehmen ist. Eine Lieferung per Schiff aus China dauert dann nochmal zwischen 30 und 90 Tagen. Auch der Verwaltungsaufwand ist gewaltig: Bis ein Container aus Übersee in Europa gelandet ist, sind bis zu 200 Formulare und Schriftstücke generiert worden und durch viele Hände gegangen. Verträge, Lieferscheine, Zoll- und Versicherungsdokumente sowie sonstige Transaktions-Unterlagen gehen dabei durch die Hände von bis zu 30 unterschiedlichen Parteien. Der Papierkram verursacht ein Viertel der globalen Transportkosten, hat die Beratungsfirma BCG ausgerechnet.

Zudem stehen die Unternehmen unter enormem Preisdruck, fallende Frachtraten führten zu Entlassungen und Gewinneinbrüchen. Hier sehen die beteiligten Unternehmen großes Kosteneinsparungspotenzial, und arbeiten an gemeinsamen Daten-Plattformen – Batavia, Marco Polo und We.trade heißen die bekanntesten. Große internationale Konsortien sind jüngst an den Start gegangen, um sich den lukrativen Markt aufzuteilen und Standards zu setzen. We.trade verkündete im Juli 2018 die Abwicklung der ersten Open-Account-Transaktionen, die die Blockchain-Technologie verwenden. Zehn Unternehmen hatten sieben Handelstransaktionen mit Hilfe von vier Banken in fünf Ländern durchgeführt, teilte eine der initiierenden Banken mit.

Mit Hilfe der von IBM entwickelten private Blockchain TradeLens sollen Unternehmen in Echtzeit und in nachvollziehbarer Weise gemeinsame Versanddaten, Genehmigungen und Frachtpapiere einsehen können. Neben 94 internationalen Handelsunternehmen haben sich Hafenbehörden, Schifffahrtslinien und Lagerbetreiber am branchenweiten Krypto-Handelsbündnis beteiligt. "Die Unternehmen erhoffen sich davon eine Teilautomatisierung des weltweiten Handels via Schiff – und damit Einsparungen bei Kosten und Zeit." Weitere Effekte sind Abschottung gegenüber der Konkurrenz, Erschwerung von Schmuggel und Piraterie.

In diesem Beispiel für eine private Blockchain mächtiger globaler Unternehmen ist von Fairness für den Produzenten und Transparenz für den Endkunden nicht die Rede. Vielmehr geht es darum Transaktionen, Beteiligte sowie Geschäftsbedingungen gegenüber der Konkurrenz abzuschirmen, aber auch gegenüber der Öffentlichkeit und möglichen Kontrollinstanzen – Transparenz Fehlanzeige.

Wiederholt sich bei der Blockchain was schon mit anderen Technologien und ihren demokratisierenden Versprechungen geschehen ist? Dass die erhofften intrinsischen Eigenschaften sich letztlich gegen eine Demokratisierung wenden bzw. zu einer Optimierung und Weiterentwicklung von kapitalistischen Verhältnisse führen, und nicht zu mehr Transparenz und Offenheit? Erinnert sei an die Hoffnungen, die einmal mit der Verbreitung freier Software verbunden wurden – diese hat sich zu einem festen Bestandteil der Softwarebranche entwickelt, kommerzielle Geschäftsmodelle haben sich entwickelt, und niemand erwartet mehr eine Revolution.

Auch sind Mittelsmänner durchaus verschwunden – denken wir etwa an die Einstiegsportale ins Web in den 90er Jahren von AOL und der Telekom, abgelöst wurden sie aber nicht von einem allseits demokratischen und Peer-to-Peer-Web, an ihre Stelle sind neue getreten. So haben sich Facebook und Google zu neuen Gatekeepern gemausert.

(Bild: whiteMocca / shutterstock.com)

Auch bei der Blockchain sieht es eher so aus als würden traditionelle Instanzen – Banken, ersetzt durch neue, unerwartete: Mehr als die Hälfte der Rechenoperationen, die zur Erzeugung neuer Blöcke in der Bitcoin-Blockchain weltweit geleistet werden, die sogenannte „Hash rate“, gehen auf das Konto einer chinesischen Firma namens Bitmain, die damit still und leise zu einem der mächtigsten Player rund um die Blockchain geworden ist.

Vielleicht ist es aber auch so, dass das Grundprinzip der Blockchain problematisch ist? Das meint jedenfalls der Aktivist Adam Greenfield. Er hält schon die Grundidee eines "verteilten Kassenbuches" für problematisch, führe doch der Ausschluss jeglicher Kontrollinstanzen eher zu einem kryptolibertären Kapitalismus. Hier komme eine grundsätzliche Aversion gegen alles Staatliche und jegliche Begrenzung des freien Austausches zwischen Marktsubjekten zum Tragen, die in der Tradition des US-amerikanischen Ultra-Liberalismus weit verbreitet sei. Radikale Anti-Staatlichkeit gekoppelt mit anarchistischen gegenkulturellen Elementen bei gleichzeitigem Akzeptieren des freien Marktes als Interaktionsmittel kennzeichnet schon immer die Ideologie des Silicon Valley.

Mit der Propagierung der doppelten Buchführung hatte Luca Pacioli vor fünf Jahrhunderten eine aufgeklärte, transparente und geordnete Welt vor Augen, tatsächlich wurde die Methode zu einem wichtigen Vehikel für den modernen Kapitalismus. Heute erleben wir wieder, dass eine Buchhaltungstechnik die Welt zum Besseren wenden soll. Es sieht stark danach aus, dass auch diesmal eine Optimierung und Effizienzsteigerung, vielleicht sogar eine Radikalisierung kapitalistischer Prinzipien und Machtverhältnissen mit ihr einhergehen. Und dass ein weiteres Mal Hoffnungen auf positive gesellschaftliche Effekte dank Dezentralität, Verschlüsselung, Anonymität und Ausschaltung von traditionellen Vermittlungsinstanzen enttäuscht werden. (bme)