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Missing Link: Hongkong-Proteste – mit Low-Tech gegen digitale Massenüberwachung

Mit AirDrop, Tinder und Laser versuchen Demonstranten in der Ex-Kronkolonie, sich zu organisieren und Kontrolltechnologien wie Gesichtserkennung auszutricksen.

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Tausende Demonstranten marschieren in Hongkong gegen ein umstrittenes Auslieferungsgesetz.

(Bild: John YE/Shutterstock)

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In Hongkong kommt es seit einigen Wochen immer wieder zu Massenprotesten sowie vereinzelt auch bürgerkriegsähnlichen Zuständen in Straßenzügen und wichtigen Verkehrspunkten wie U-Bahn-Stationen oder dem Flughafen. Nachdem die Fußmärsche gegen den wachsenden Einfluss Pekings in der früheren britischen Kronkolonie tagelang friedlich verlaufen waren und Mitte August bis zu zwei Millionen Bürger bei strömenden Regen auf die Straße gegangen waren, knallte es voriges Wochenende erstmals wieder. Am Sonntag etwa soll ein von Aktivisten umringter Polizist mit seiner Waffe in die Luft geschossen haben, verwiesen Agenturen auf die Beobachtungen eines Mitglieds des Bezirksrats.

"Missing Link"

Was fehlt: In der rapiden Technikwelt häufig die Zeit, die vielen News und Hintergründe neu zu sortieren. Am Wochenende wollen wir sie uns nehmen, die Seitenwege abseits des Aktuellen verfolgen, andere Blickwinkel probieren und Zwischentöne hörbar machen.

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"Es herrscht Krieg in der Stadt", meldete ein Augenzeuge auf Twitter aus dem Bezirk Tsuen Wan. "Tränengas, Gummigeschosse, Benzinbomben, Ziegel und mehr" bestimmten die Szene, erläuterte er eine entsprechende kurze Videosequenz, in der außer Rauch wenig zu sehen und jenseits von ständigem Knallen kaum etwas zu hören ist. "Einige radikale Demonstranten haben Geländer entfernt und Barrikaden mit wassergefüllten Barrieren, Bambusstäben, Kegeln und anderen Gegenständen errichtet", hieß es dazu von der Polizei. Berichten zufolge sollen die Beamten auch Wasserwerfer eingesetzt haben. Von der anderen Seite aus seien sie mit Molotow-Cocktails und Steinen beworfen worden. Zudem hätten Protestler mit Reinigungsmittel versucht, die Straßen schlüpfriger zu machen und die Vertreter der Staatsmacht so quasi aufs Glatteis zu führen.

Für diesen Samstag hatte die Polizei eine geplante Großdemonstration wegen "Sicherheitsbedenken" daraufhin untersagt. In einem Brief an die Organisatoren erklärten die Ordnungshüter, dass Teilnehmer wohl wieder "gewalttätige und destruktive Taten" begehen wollten. Im Vorfeld der daraufhin abgesagten Veranstaltung nahm die Polizei zudem mit Joshua Wong, Agnes Chow und Andy Chan Ho-tin drei Aktivisten fest, die sich teils noch als Studentenführer wegen ihrer Rolle in der "Regenschirm-Bewegung" 2014 einen Namen gemacht hatten.

Die Lage beruhigen dürfte dieses harsche Vorgehen nicht. Die staatliche Zeitung China Daily warnte zugleich in einem Leitartikel vor einer weiteren Eskalation. Sollte es dazu kommen, hätten die in der Sonderverwaltungszone stationierten Soldaten vom Festland "keinen Anlass untätig zuzuschauen", hieß es in dem Beitrag. Die Anwesenheit des chinesischen Militärs in dem Finanzzentrum sei "nicht rein symbolisch". Zuvor hatten Aufnahmen gezeigt, dass Peking auch etwa in der nahen Großstadt Shenzhen Truppen zusammenzog.

Ins öffentliche Bewusstsein eingebrannt haben sich zu den seit Juni andauernden Protesten bereits Bilder, die zunächst an ein urbanes Techno-Spektakel erinnern: Demonstranten richten bunte Laserstrahlen auf die in Hongkong im öffentlichen Raum schier omnipräsenten Videokameras, die unter anderem auch in "intelligente" Straßenlaternen eingebaut sind. Die preisgünstigen Pointer sollen die Systeme zur Gesichtserkennung beeinträchtigen, mit denen die Polizei die Videostreams teils analysiert. Um die missliebigen Hightech-Lampenmasten zu Fall zu bringen, greifen Gegner aber auch schon mal zur Kettensäge oder zu Seilen.

Auf die Frage hin, ob es sich bei derlei an Science-Fiction erinnernde Szenen um Cyberpunk handle, entgegnete mit William Gibson einer der Mitbegründer des Genres auf Twitter: "Wenn es das nicht ist, was dann?". Tatsächlich scheinen die Bilder der zuckenden Laserstrahlen mit Hochhäusern im Hintergrund wie aus der Neuromancer-Trilogie des Schriftstellers entsprungen, der auch Begriffe wie "Matrix" oder "Cyberspace" für den globalen Datenraum prägte.

So manch andere aus dem Konflikt beschriebene Episode erinnert an eine Mischung aus Orwells "1984" und Philip Dicks beziehungsweise Steven Spielbergs "Minority Report". Da ist etwa die von der New York Times kolportierte Geschichte zu Colin C., den Zivilpolizisten in ein Fahrzeug geschleppt haben sollen. Mit Gewalt und einem Griff um den Kiefer haben sie dann dem Bericht nach versucht, sein Gesicht auf sein Apple-Mobiltelefon zu richten und dieses so mithilfe der biometrischen Erkennung zu entsperren.

Der junge Programmierer gilt als Mitstreiter bei der Chat-Gruppe "Dadfindboy", deren Ziel es ist, Zivilpolizisten als solche zu identifizieren. Da die Beamten oft nicht mal mehr Dienstmarken tragen, sammeln die rund 95.000 beteiligten Bürger nach dem Motto "Die Überwacher überwachen" Daten über einschlägig Verdächtige. C. soll dafür ein Werkzeug entwickelt haben, mit dem sich bereits archivierte Bilder von Vertretern der Staatsmacht mit neuen Aufnahmen potenzieller verdeckter Ermittler abgleichen lassen.

Kein Wunder also, dass die Fahnder es bei dem Zugriff auf die Interna auf seinem iPhone abgesehen haben und an darauf gespeicherte Kontakte, Fotos oder sonstige Daten herankommen wollen. Mit der erzwungenen Gesichtserkennung als Sesam-öffne-dich haben sie aber kein Glück: Der IT-Spezialist hatte rechtzeitig eine Sicherheitsfunktion aktiviert, über die sich biometrische Identifizierungsverfahren rasch abstellen lassen. "Cop Mode" (Polizeimodus) haben die Hongkonger Protestler diesen Kniff getauft, für den man die Seitentaste entweder fünfmal hintereinander oder einmal zusammen mit einem der Laustärkeregler betätigen muss.

Ein weiteres einschneidendes Ereignis war im Juli eine brutale Attacke einer weißgekleideten Gang mit Holz- und Schlagstöcken auf Demonstranten in Schwarz sowie Passanten in der U-Bahnstation Yuen Long. Rund 45 Minuten dauerte es, bis sich am Ort der Schlacht auch die Polizei blicken ließ. Bei den Rowdys soll es sich um Mitglieder der chinesischen Mafia in Form der sogenannten Triaden gehandelt haben. Die Hongkonger Regierung und die Polizei leugnen, dass es bei den Gangstern Verbindungen nach Peking gibt. Beobachter fühlen sich aber an die ukrainischen "Tituschki" erinnert: kräftige junge Männer in Sportanzügen, die während der Maidan-Aufstände auf Seiten des Ex-Präsidenten Viktor Janukowitsch gegen oppositionelle Demonstranten kämpften. Der einzige Unterschied sei, dass in der südostasiatischen 7,4-Millionen-Stadt bisher nicht scharf auf die protestierende Menge geschossen worden sei.

Die Widerstandsbewegung in Hongkong hat aus dem blutigen Zwischenfall gelernt. Sie versucht seitdem, frei nach dem Motto "Be water, my friend" des Kampfkünstlers Bruce Lee möglichst wie Wasser zu fließen und sich nur halbwegs spontan zu größeren öffentlichen Zusammenkünften zu verbinden. Bei den entsprechenden Treffen des "schwarzen Blocks" kann es sich dann auch mal um den Stadtteil North Point auf Hongkong Island handeln, wo viele Triadenmitglieder wohnen. So geschehen etwa am 5. August, als es prompt zu versuchten Übergriffen der Clans auf die Demonstranten kam. Die waren aber diesmal vorbereitet und in der Überzahl, sodass die Anläufe der Gegner an ihnen abperlten. "Zufällig" war auch die Ausfahrt eines nahen Polizeireviers verrammelt, sodass die Ordnungshüter sich nicht mehr oder weniger offen auf die Seite der organisierten Kriminellen schlagen konnten.

Der Leitspruch des fließenden Wassers gilt generell für die Bemühungen breiter Teile der Protestbewegung, möglichst dezentral, weitgehend ohne bekannte Führerfiguren und anonym zu agieren. Das ist kein Leichtes in einer Metropole, in der die Verwaltung und die Obrigkeit auch jenseits von Videoüberwachung und Gesichtserkennung kaum eine Gelegenheit auslässt, um Daten über die Bevölkerung zu sammeln. Hongkong sieht sich zunehmend als "Smart City", wobei "intelligent" häufig mit Big-Data-Anwendungen gleichzusetzen ist.

Parallel hat Peking spätestens nach dem Tiananmen-Massaker einen Bespitzelungs- und Zensurapparat aufgebaut, der seinesgleichen sucht und immer weiter in die autonome Region im Süden hineinzuragen droht. Dabei geht es vor allem um "präventive Sicherheit" just mit dem Ziel, die Bildung kritischer Netzwerke und Zirkel von vornherein so zeitnah wie möglich zu unterbinden. Bürger sollen damit davon abgeschreckt werden, auch nur mit dem Gedanken zu spielen, an potenziellen Demonstrationen teilzunehmen.

Teil des Überwachungsnetzes in der an sich eigenständigen Metropole sind neben Bewegungsdaten aus dem Mobilfunk, die Demonstranten mit Einmal-SIM-Karten zu vermeiden suchen, auch die mit der staatlichen Octopus Card verknüpften Informationen. Dabei handelt es sich um eine Bezahlkarte für den Öffentlichen Personennahverkehr, die zwar den Kauf einzelner Fahrscheine erübrigt, aber auch den gläsernen Passagier mit sich bringt. Möglichst mit Bargeld statt mit chinesischen Apps wie Alipay oder WeChat bezahlte Tickets sind daher bei Systemkritikern wieder en vogue. Digitale Bezahlanwendungen made in China sind diesen eh ein Dorn im Auge, da sie ein besonders datenhungriges soziales Kreditbewertungssystem ("Social Credit") auf Basis von Scoring-Verfahren anfüttern.

Um möglichst unauffällig und unbemerkt zu kommunizieren und sich zu koordinieren nutzen die Hongkonger Protestler so zumindest verschlüsselte Chat-Apps wie Telegram, auch wenn dieser Dienst nicht ganz wasserdicht ist. Schon im Juni meldete Telegram auch eine massive DDoS-Attacke gegen seine Server, die laut dem Chef des Anbieters, Pavel Durow, ihren Ursprung auf dem chinesischen Festland hatte und staatlich unterstützt gewesen sei. Seit diesem Cyberangriff setzen viele Demonstranten gleich auf den Peer-to-Peer-Instant-Messenger Briar. Der ist zwar schwieriger zu installieren und zu bedienen als WhatsApp & Co., kommt dafür aber ohne leicht auszuschaltende zentrale Server aus und ist kaum auf externe Infrastruktur angewiesen. Verbindungen werden per Bluetooth, WLAN oder über das Internet mit dem Anonymisierungsdienst Tor hergestellt, was beim Vermeiden digitaler Spuren zusätzlich hilft.

Seit die Behörden schon bei der Protestwelle in der zweiten Jahreshälfte 2014 mehrfach das Handynetz abschalteten, um die mobile Kommunikation zwischen Anhängern des Regenschirm-Aufstands zu stoppen, ist auch Firechat in der Bewegung beliebt. Dabei handelt es sich um eine Mesh-App, die zeitweise ohne Internet- oder Telefonverbindung auskommt. Geräte, auf denen das Programm installiert ist, stellen dafür via Bluetooth, WLAN oder Multipeer Connectivity von Apple ein dezentrales Netzwerk her, über das Nachrichten übermittelt werden.

Sonst bauen vor allem jüngere Systemkritiker auf den kreativen Einsatz gängiger Apps und Datendienste, um sich auszutauschen, Treffen zu organisieren oder Mitstreiter anzuwerben. Apples Filesharing-Angebot AirDrop dient ihnen etwa dazu, um die moderne Form von Flugblättern hinter die "feindlichen Linien" zu bringen, also Touristen vom Festland in einfachem Chinesisch Informationen über die Lage in Hongkong zu vermitteln und die Zensur zu umgehen. Auch bei diesem Dienst macht sich bewährt, dass er ohne zentralen Server auskommt und bei der Kommunikationsanbahnung via Bluetooth gerade an stark frequentierten Verkehrspunkten viele potenzielle empfangsbereite Gegenüber findet.

"Die Freiheit ist nicht gottgegeben, sie wird von den Menschen erkämpft", stand so auf einem per AirDrop etwa auf U-Bahnhöfen verbreiteten digitalen Sticker. Die Autoren eines anderen Dokuments wandten sich gegen die Behauptung Pekings, dass "ausländische Kräfte" hinter den Protesten stünden. Zugleich erläuterten sie, wie Chinas autoritäres System zum Tiananmen-Blutvergießen führte.

Gerne nutzen die Demonstranten auch die Videospiel-Plattformen Twitch oder Pokemon Go, um sich etwa trotz Verboten unverfänglich im öffentlichen Raum zu versammeln. Einige haben mittlerweile sogar die Dating-App Tinder zweckentfremdet, um über dortige Suchprofile zur Teilnahme an Kundgebungen aufzurufen oder Sicherheitstipps auszutauschen. Der hiesige Boulevard hat daher bereits die südostasiatische "Tinder-Revolution" ausgerufen, dank der die Staatsgewalt ausgetrickst wird.

Parallel tobt ein Propagandakrieg, der sich unter anderem auf jahrtausendealte Erfahrungen mit der chinesischen, bis auf Sun Tsu zurückgeführten Variante der informationellen Kriegsführung stützt. Hauptbestreben ist es, die außerparlamentarische Opposition in der Sonderverwaltungszone als "von außen" gesteuert zu diskreditieren und indirekt etwa auf die CIA oder andere westliche Geheimdienste zu zeigen. Die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua vergleicht die Demonstranten sogar offen mit Kakerlaken oder Terroristen. Sie beschreibt nicht die friedlich verlaufenden Massenkundgebungen, sondern konzentriert sich auf gewalttätige Scharmützel mit der Polizei oder zerstörte Schaufenster.

Jüngst wandelte der staatliche TV-Sender CCTV selbst ein Gedicht des Theologen und KZ-Häftlings Martin Niemöller über das zu lange Schweigen der Kirche zu den Gräueln im Dritten Reich um und setzte die Proteste damit indirekt mit den Verbrechen der Nazis gleich. "Als sie die Straßen blockierten und Fahrer festnahmen und folterten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Fahrer", hieß es da etwa. Am Ende der Neuinterpretation steht: "Als sie mich angriffen, gab es keinen mehr, der für mich sprechen und protestieren konnte." Denn zuvor hätten die angeblichen Freiheitskämpfer schon die Pressefreiheit mit Füßen getreten. CCTV spielt damit auf einen von der Menge bei den Flughafenprotesten festgehaltenen Mann an, den sein Chef von der staatlichen Zeitung Global Times als Reporter ausgab. Protestlern war er aber als verdeckter Ermittler vorgekommen.

Die von Peking kontrollierten Medien feiern dagegen die Polizisten Hongkongs als aufrechte Patrioten, die nur für Recht und Ordnung sorgen. Vergleichbare heroische Bilder der Beamten und Solidaritätsbekundungen mit ihnen teilen auch die Nutzer sozialer Netzwerke auf dem Festland millionenfach. Der Hashtag "Hongkong beschützen" hat allein auf der chinesischen Twitter-Alternative Weibo Aufrufe in Milliardenhöhe. Einer solchen Charakterisierung stehen Schilderungen des UN-Menschenrechtsbüros entgegen. Dieses prangerte Mitte August an, dass die Polizei teils mit unverhältnismäßiger Gewalt agiere und damit auch das Leben der Demonstranten gefährde. Peking wies dies umgehend zurück.

Große US-Internetkonzerne haben auf die Schwarz-Weiß-Malerei inzwischen reagiert. Twitter etwa sperrte Mitte August 936 Konten, die versucht haben sollen, politische Zwietracht in Hongkong zu säen und den Protestierenden die Legitimation zu stehlen. Der Betreiber des sozialen Netzwerks akzeptiert zudem keine Werbung mehr von staatlichen Nachrichtenagenturen.

Schier zeitgleich entfernte Facebook sieben Seiten, drei Gruppen und fünf Konten, auf denen es zu Hongkong rund ging. Es habe sich um "Individuen mit Verbindungen zur chinesischen Regierung" gehandelt, betonte der Netzwerkbetreiber. Twitter wiederum will "zuverlässige Beweise" gefunden haben, dass die blockierten Mitglieder Teil "einer koordinierten, staatlich unterstützten Operation" gewesen seien.

YouTube zog jüngst nach und löschte ein Netzwerk aus 210 Kanälen von der eigenen Plattform. Auch über sie sollen koordiniert die Demonstrationen in den Dreck gezogen worden sein. Die Google-Tochter verwies indirekt auf China als Urheber und begründete dies mit dem Einsatz von virtuellen privaten Netzwerken (VPNs) und anderen Methoden, um die Herkunft der Konten zu verschleiern. Dazugekommen seien "weitere Aktivitäten, die regelmäßig mit koordinierten Beeinflussungsoperationen verknüpft werden".

Auch westliche Regierungen bedienen sich gern diverser Propagandamittel und der Informationskrieg ist für sie ebenfalls kein Fremdwort. Peking verfährt hier teils aber noch einen Zacken unverfrorener. "Es gibt einen Riesen-Propaganda-Apparat in China, der hauptsächlich innerchinesisch tätig ist", erklärte Mareike Ohlberg von der Berliner Denkfabrik Mercator Institute for China Studies (Merics) dem Spiegel. Dieser werde aber seit einigen Jahren auch verstärkt im Ausland eingesetzt. Die Hauptsprachen seien dabei Chinesisch und Englisch, einschlägige Mitarbeiter oder angeheuerte Trolle seien aber auch in anderen Sprachen wie etwa Deutsch unterwegs und versuchten international Online-Debatten zu bestimmen.

Die Regierung im Reich der Mitte protestierte daher scharf gegen die Blockade der Konten bei Facebook, Twitter und YouTube, auch wenn die Konzerne damit nur die Spitze des Eisbergs abgebrochen haben dürften. Im Ausland lebende chinesische Bürger und Studenten hätten das Recht, ihre Sicht der Dinge in sozialen Medien darzustellen, unterstrich Geng Shuan, Sprecher des Außenministeriums in Peking. Die Leute urteilen letztlich natürlich selber darüber, "was in Hongkong passiert und was die Wahrheit ist".

Der Lokalverband der Internetwirtschaft HKISPA hat die Regierung vor Ort derweil angesichts von Meldungen über einen drohenden Ausruf des Ausnahmezustands ermahnt, die Finger von Zensurversuchen zu lassen. Angesichts der mit VPN- und Verschlüsselungsdiensten zunehmenden Komplexität des Internets sei es kaum mehr möglich, spezifische Online-Angebote effektiv zu blockieren, schreiben die Provider in einem Brandbrief.

So bleibe allenfalls eine groß angelegte Firewall wie auf dem Festland übrig, was dem Ende des offenen Netzes gleichkomme, konstatieren die Telcos. Ein derart drastischer Ansatz würde ihnen zufolge internationale Firmen aber davon abhalten, in Hongkong weiter zu investieren, Die Rolle der Insel als Telekommunikationsdrehscheibe, die auch eine tragende Säule des internationalen Finanzzentrums darstelle, sei damit passé.

Auslöser der bereits fast drei Monate andauernden aktuellen Protestwelle war ein Gesetzentwurf der Regierung der Sonderverwaltungszone, mit dem mutmaßliche Kriminelle leichter an China ausgeliefert werden könnten. Viele Bürger befürchteten, dass darunter auch unliebsame oder aufmüpfige Zeitgenossen fallen würden. Die Initiative liegt zwar inzwischen auf Eis, die umstrittene Regierungschefin Carrie Lam hat sich aber nicht komplett davon distanziert.

Die einstige Kronkolonie wird seit der Rückgabe an China im Juli 1997 als eigenes Territorium unter dem Motto "Ein Land, zwei Systeme" autonom verwaltet, das an sich schon viel Konflikt bietet. Anders als die Menschen in der kommunistischen Volksrepublik genießen die Hongkonger etwa das Recht auf freie Meinungsäußerung sowie Presse- und Versammlungsfreiheit. Diese Privilegien, die eigentlich laut der chinesisch-britischen Erklärung von 1984 zumindest noch 28 Jahre fortbestehen sollen, sehen viele vor Ort zunehmend in Gefahr. Sie sprechen von einer "letzten Chance" um zu verhindern, dass die Kommunistische Partei die Kontrolle vollständig übernimmt.

Um die Gemüter zu beruhigen, müsste die Hongkonger Regierung beziehungsweise Peking substanziell auf die Forderungen der Protestierenden eingehen, meint Kristin Shi-Kupfer, Leiterin des Forschungsbereichs Politik, Gesellschaft und Medien am Merics. Wichtig dafür sei es, das umkämpfte Gesetzesvorhaben endgültig aufzugeben, die Kritiker nicht mehr als Krawallmacher zu desavouieren und verhaftete Mitglieder der Demokratiebefürworter frei zu lassen. Das andere Szenario sei aber, dass die Autoritäten ähnlich wie 2014 versuchten, "Anführer zu identifizieren, die Bewegung zu infiltrieren, Gewalt zu provozieren, um dann ein Vorgehen mit harter Hand zu rechtfertigen".

Möglicherweise könnte eine gezielte Politik für sozialen Wohnungsbau und bessere soziale Sicherungssysteme einigen Demonstranten "die Frustration über soziale Ungleichheit nehmen", bringt Shi-Kupfer mit prekären Lebensverhältnissen einen weiteren Grund für die Unruhen ins Spiel. Allerdings müsste die als Marionette Pekings wahrgenommene Lam dann "die Interessen der großen Investoren und Reichen antasten, die wiederum eng mit der Volksrepublik verbandelt sind".

Droht angesichts der aufgeheizten Stimmung bald der große Knall und ein zweiter Fall Tiananmen? Wenn die chinesische Führung um Xi Jinping im In- sowie im Ausland ein klares Signal ihres Herrschaftsanspruchs setzen wolle, "muss sie ihre Einflussnahme auf Hongkong eher noch erhöhen", prognostiziert Shi-Kupfer. Eine weitere Erosion der Autonomie der Region sei so fast schon vorgezeichnet, erklärt die Expertin. Peking wolle und müsse "reputationsschädigende Bilder wie eine gewalttätige Niederschlagung einer Protestbewegung" zwar möglichst vermeiden. Aber im Zweifelsfall werde die chinesische Führung "auch dazu bereit sein".

Anders interpretiert die Wirtschaftswoche die Losung der zwei Systeme. "Hongkong ist unverzichtbar als Finanz- und Umschlagplatz für ausländisches Kapital", schreibt das Blatt. Dass die autonome Zone also gerade nicht wie China sei, helfe auch dem Festland ungemein: "Ohne diese Sonderfunktion würden viele Verträge zwischen ausländischen und chinesischen Firmen nicht zustande kommen." Die Übernahme des Roboterbauers Kuka durch Midea wäre so ein Fall gewesen. Der chinesische Historiker Zhang Lifan formuliert die Bedeutung der Finanzmetropole so: "Wenn China in Hongkong einmarschiert, wäre es so, als wenn ein Bauer ein Huhn schlachtet, das goldene Eier legt." (bme)