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Missing Link: Im Takt der Maschine, oder: Wenn Roboter regieren

Die Mechanisierung des Lebens

Hatten bis dahin die Bewegungen von Sonne, Mond und Sternen die Abläufe des Lebens bestimmt, bot die mechanische Uhr erstmals eine davon unabhängige Orientierung. Zugleich versprach die Kanone, die als erste Wärmekraftmaschine die Energie des Feuers in Bewegung verwandelte, die Befreiung von den Naturkräften Wind und Wasser.

Zwar scheiterten Versuche (wie sie etwa Christiaan Huygens vornahm), mithilfe von Schießpulver aus der einmaligen Bewegung eine regelmäßige zu machen, und es dauerte noch eine Weile, bis die Dampfmaschine die Lösung dieses Problems brachte. Doch die Umwandlung von Verbrennungsenergie in kinetische Energie war grundsätzlich gelungen. Zudem setzte mit den Feuerwaffen ein bis heute anhaltender Rüstungswettlauf ein, in dessen Folge immer raffiniertere Methoden der Optimierung entwickelt und damit die Grundlagen der modernen Ingenieurwissenschaft gelegt wurden. Das Ziel war, schneller, präziser und größere Massen zu verschießen als der Gegner. Messbare Effizienz wurde mehr und mehr zum zentralen Wert, der nach und nach auch das zivile Leben prägte.

Was anfangs als Befreiung von den Beschränkungen der Naturkräfte wahrgenommen und lange Zeit als Fortschritt gefeiert wurde, bewirkte zugleich eine zunehmende Entfremdung der Menschen von den biologischen und astronomischen Rhythmen des Lebens. Immer größere Bereiche des gesellschaftlichen Lebens wurden einem lebensfremden, durch mechanische Gesetzmäßigkeiten und wirtschaftliche Erwägungen diktierten Takt unterworfen.

Dies ist die eigentliche Herrschaft der Maschinen, unter der die Menschen leiden und deren weitere Zunahme sie fürchten. Verklärt durch den kollektiven Rausch der Entgrenzung, den die neuen Möglichkeiten des Feuers ausgelöst hatten, wurde sie lange Zeit kaum wahrgenommen. Doch hundert Jahre nach dem Ersten Weltkrieg hat die Maschinenlogik mittlerweile eine unübersehbare und kaum noch erträgliche Dominanz erlangt.

Wir akzeptieren fraglos, dass Maschinen in unseren Städten mehr Bewegungsfreiheit haben als Menschen, denen per Lichtzeichen signalisiert wird, wann sie die Wege der Maschinen überqueren dürfen und wann nicht. Unser täglich Brot wird überwiegend aus Teig gebacken, dessen Zusammensetzung sich nicht daran orientiert, was dem menschlichen Körper gut tut, sondern der für die Verarbeitung in Rührmaschinen optimiert ist. Wir freuen uns mehr über die "guten Werte" einer medizinischen Laboruntersuchung als über ein gutes Körpergefühl. Wir stellen im Frühling die Uhr eine Stunde vor und im Herbst wieder eine Stunde zurück, als hätten sich Sonne, Mond und Sterne nach unseren Uhren zu richten statt umgekehrt.

"Der Denker" von Auguste Rodin, der die Moderne in die Bildhauerei einziehen und seinen Denker über die Verfasstheit der Menschen grübeln ließ

Kann es vor diesem Hintergrund noch jemanden überraschen, wenn die Aussicht, dass Maschinen immer intelligenter gemacht und untereinander vernetzt werden, viele Menschen beunruhigt? Klar ist auch, dass die bislang von Politik und Wirtschaft angebotenen Beruhigungspillen, dass Robotik und Automatisierung die Wettbewerbsfähigkeit erhöhen, das Wachstum fördern und Arbeitsplätze schaffen könnten, wirkungslos bleiben müssen. Denn diese Ideen bewegen sich weiterhin innerhalb der Logik der Maschinen, treiben deren Dominanz weiter voran und dem in zahlreichen Science-Fiction-Geschichten ausgemalten logischen Endpunkt entgegen.

Wer der Robotik ein positives Image verschaffen und die Ängste vor Robotern und Künstlicher Intelligenz zerstreuen will, muss eine überzeugende Vision entwickeln, wie Menschen und Maschinen auf Dauer friedlich und fair miteinander auskommen können. Es geht darum, aus der Maschinenlogik der permanenten Optimierung und des grenzenlosen Wachstums auszubrechen, das Reich der Effizienz den Maschinen allein zu überlassen und den Menschen wieder ein Leben im Takt des Planeten zu ermöglichen: Aufstehen, wenn man ausgeschlafen hat, einer Tätigkeit nachgehen, an der man Freude hat, und Pausen einlegen, wenn und so lange man es für nötig hält.

Das ist möglich – vielleicht zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit sind wir an einem Punkt angelangt, wo der vollständige Verzicht auf entfremdete Arbeit machbar erscheint. Und Technologie kann dabei ein mächtiges Werkzeug sein. Aber es braucht auch den entsprechenden Willen. Der wird sich nur artikulieren, wenn genügend Menschen rechtzeitig aus dem pyromanischen Rausch der Beschleunigung erwachen und das Führungspersonal in Politik, Industrie und Militär, das sich in dieser Frage als sehr träge erweist, mitreißen. (Hans-Arthur Marsiske) / (jk)

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