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Missing Link: Künstliche Intelligenz – der weite Weg zur Kunst aus der Maschine

Der KI-Hype ist ungebrochen. Auch in der Kunst finden lernende Algorithmen zunehmend Anwendung. Kulturschaffende müssen aber noch nicht um ihre Jobs bangen.

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(Bild: Lerner Vadim/Shutterstock.com)

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In der Kurzgeschichte "Trurls Elektrobarde" erzählt Stanisław Lem vom Abenteuer des Konstrukteurs Trurl, der eine Maschine bauen möchte, "die in der Lage sein solle, makellose Lyrik zu schreiben". Das Vorhaben erweist sich als äußerst knifflig, denn "das Programm, das ein durchschnittlicher Dichter im Kopf hat, wurde durch die Zivilisation geschaffen, in der er auf die Welt kam."

Daraus ergibt sich letztlich die Notwendigkeit, diese Entwicklung zurückzuverfolgen "bis zum Vorabend der Schöpfung, als die Bits ... noch völlig ungeordnet im primordialen Chaos ... herumschwirrten". Trurls Maschine muss, um dichten zu können, einen Gutteil der Geschichte des Universums simulieren.

"Missing Link"

Was fehlt: In der rapiden Technikwelt häufig die Zeit, die vielen News und Hintergründe neu zu sortieren. Am Wochenende wollen wir sie uns nehmen, die Seitenwege abseits des Aktuellen verfolgen, andere Blickwinkel probieren und Zwischentöne hörbar machen.

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Nach erheblichen Anstrengungen setzt Trurl die zischende und fauchende Maschine ins Werk, die mit ihren Röhren, Drosselventilen und genieteten Blechen schon 1965 retrofuturistisch anmutet. Der Elektrobarde kann auf Zuruf Gedichte zu jedem beliebigen Thema verfassen und jeden Stil bis zu "dreihundertsiebenundvierzig mal besser" imitieren. Das sorgt für Unmut bei Poeten aus Fleisch und Blut, überdies entwickelt der Elektrobarde einen freien Willen, wird aufmüpfig und beschert seinem Konstrukteur horrende Stromrechnungen.

Schließlich verbannt Trurl sein Geschöpf auf einen entfernten Asteroiden. Fortan sendet die Maschine, angetrieben von einem Atommeiler, ihre Meisterwerke "auf allen Wellenlängen über den Äther" und versetzt Raumschiffbesatzungen in "lyrische Zustände völliger Apathie" oder gar "ästhetische Ekstasen".

Wird ein Computer jemals imstande sein, Texte zu verfassen, die derart witzig, anspielungsreich und sprachlich brillant sind wie Lems Geschichte vom Elektrobarden? Werden die Werke von Computern irgendwann für uns Menschen so unabschließbar bedeutsam sein wie jene von Franz Kafka, Kurt Schwitters oder Bela Bartók? Könnten Maschinen eines Tages Illustratoren, Komponistinnen und andere schöpferische Menschen ersetzen?

Populäre Darstellungen aktueller Fortschritte im Bereich des maschinellen Lernens werden nicht müde, diese Fragen aufzuwerfen. Im Folgenden möchten wir zeigen, dass sie – in dieser naiven Form gestellt – Faszination und Möglichkeiten maschinell generierter Kunst weit verfehlen. Ähnliche Befürchtungen um den künftigen Broterwerb von Kunstmalern gab es schon mit dem Aufkommen der Fotografie. Die Rückschau macht deutlich, wie wenig solche Überlegungen dem tatsächlichen Medienumbruch gerecht wurden, den die Erfindung der Fotografie ausgelöst hat.

Die "Landschaft der menschlichen Kompetenz" nach Hans Moravec aus dem Buch Life 3.0 von Max Tegmark. Unter dem steigenden Wasserspiegel liegen jene Aufgaben, die Maschinen bereits gut erledigen können.

(Bild: Max Tegmark)

Es ist kein Zufall, dass das altgriechische Wort téchne zugleich für Handwerk, Kunst und Technik steht. Denn schon immer waren technischer Fortschritt und ästhetische Produktion untrennbar miteinander verwoben. Schon die Anfertigung eines Ölgemäldes auf Leinwand ist technologisch kaum überschaubar voraussetzungsreich: Unter anderem ist der landwirtschaftliche Anbau von Flachs, sind Webstühle und Ölpressen erforderlich. Noch offensichtlicher ist der enge Zusammenhang zwischen Kunst und Technik in der Film- und der Computerspiele-Industrie.

Kunst ist mehr als bloße Anwendung von Technik, das Verhältnis ist vielmehr zirkulärer Natur. Die Geschichte ist reich an Beispielen für die Rückwirkungen künstlerischen Schaffens auf Wissenschaft und Technik. Um es in einem Satz zu sagen: Raketeningenieure haben Science-Fiction gelesen.

Die Verwendung technischer Mittel jenseits des ursprünglich intendierten Zweckes ist eine reiche Quelle künstlerischer und technischer Innovation. Besonders augenfällig ist das im Bereich der Musik. So wurde die E-Gitarre eigentlich erfunden, um höhere Lautstärken zu erzielen. Die Verzerrung war anfänglich nur das unbeabsichtigte Resultat vermeintlich fehlerhafter Bedienung von Röhrentechnik – und hat letztendlich die Rockmusik hervorgebracht.

Die ersten kommerziellen Sampler und Synthesizer wurden vielfach als variables Werkzeug zur Imitation von Orgeln, Schlagzeugen oder Klavieren beworben. Wozu aber etwas imitieren, was es schon gibt? Künstlerische Eigenständigkeit erlangten Sampler und Synthesizer durch die Entwicklung ganz eigener Klangwelten und Musikrichtungen. Auch die legendären Drumcomputer und Basssynthesizer der Firma Roland sollten eigentlich Schlagzeuger und Bassisten ersetzen. Das unkalkulierte Ergebnis waren Musikrichtungen wie Acid-House, Techno und Hip Hop.

Ähnliches ist auch vom maschinellen Lernen und anderen algorithmischen Techniken zu erwarten. Wer KI lediglich als Werkzeug zur Simulation menschlicher Leistungen versteht, der verkennt das eigentliche Potential solcher Techniken in der künstlerischen Produktion.