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Missing Link: Künstliche Intelligenz – der weite Weg zur Kunst aus der Maschine

Künstler oder Ingenieur?

Inhaltsverzeichnis

Angesichts der zuletzt geschilderten Innovationen fällt es schwer, klar zu unterscheiden zwischen Ingenieuren, die Algorithmen entwickeln, und Künstlern, die diese einsetzen. Beide verbindet die in hohem Maße experimentelle Suche nach einem befriedigenden Ergebnis, was immer das sein mag. Die Entwicklung von Algorithmen wie dem BigGAN dürfen als künstlerische Leistung angesehen werden.

Andererseits zeigen Künstler wie Mario Klingemann in ihren Arbeiten erst das volle Potential dieser Technik auf und geben Impulse an die technische Entwicklung zurück. Daten und Algorithmen sind für Klingemann gleichermaßen Werkzeug und Material: Wie in einem Labor fügt er BigGAN-, Style Transfer- oder Pix2Pix-Netze und Datenvorkommen ganz unterschiedlicher Herkunft in immer neuen Kombinationen zusammen.

Gelungenen künstlerischen Arbeiten wie jenen von Mario Klingemann, Johanna Reich, Theresa Reimann-Dubbers oder Jake Elwes geht es überhaupt nicht darum, Leistungen menschlicher Akteure zu ersetzen. Solch ein Vorhaben wäre nach heutigem Stand der Technik ohnehin vergeblich.

Aktuell verfügbare KI ist auf klar definierte und quantifizierbare Ziele angewiesen, etwa die Klassifikation von Daten, die Berechnung von Wahrscheinlichkeiten oder das Spielen von Schach, Breakout oder Go. Künstlerische Produktion ist jedoch von einer sehr viel komplexeren Gemengelage von Zielen geleitet. Die fortwährende Setzung, Variation und Ausdifferenzierung von Zielen ist Teil des künstlerischen Prozesses und lässt sich bis auf weiteres nicht simulieren. Übergeordnete Algorithmen zur Findung und Modifikation solcher Ziele (wie etwa Googles AutoML) reichen dieses Problem lediglich auf eine höhere Ebene weiter.

Die Begrenztheit aktueller KI-Systeme brachte Gary Marcus unlängst in Lex Friedmans AI Podcast im Hinblick auf das AlphaGo-Programm auf den Punkt: "Wir haben ein System, das Go spielen kann und in fünf Millionen Partien trainiert wurde. Wenn ich nun frage: 'Kann das System auch auf einem rechteckigen statt einem quadratischen Brett spielen?' lautet die Antwort: 'Nun, wenn wir es von Grund auf, mit weiteren fünf Millionen Partien darauf trainieren, dann ja.' – Das ist wirklich ein schmaler Bereich, und dort befinden wir uns gerade."

Wo eine weniger eng geführte "artificial general intelligence" (AGI) herkommen soll, ist unklar – zwar verfolgen Forscher wie Demis Hassabis oder David Ferruci vielversprechende Ansätze und liefern faszinierende Zwischenergebnisse. Ob sie auf diesem Wege das Ziel einer AGI erreichen oder nicht, kann nur vermutet werden. Um es mit dem Bild von Max Tegmark zu sagen: Wir wissen nicht, ob der Wasserspiegel eines Tages die Landschaft der menschlichen Kompetenzen vollständig überdecken wird. Wo es konkret hakt, hat Pina Merkert in der c't zusammengefasst.

Wir können von Kunst ganz unterschiedliche Dinge erwarten, etwa Überraschung, Unterhaltung und Anregung zur Reflexion über unsere Existenz. Unsere Erwartungen an Maschinen sind ähnlich vielgestaltig und veränderlich. Kunst und Technik bedingen, formen und überschneiden einander. Und algorithmische Kunst vermag das Existieren von Maschinen und Menschen in einer medientechnisch verfassten Welt zu reflektieren. Damit das für Menschen gelingt, bedarf die technische Seite oft umständlicher Erklärung – das ist letztlich ein ungelöstes kuratorisches Problem.

Weiterführende Links und Lektüren

Der Philosoph und Technikhistoriker Arthur I. Miller hat kürzlich mit dem Buch "The Artist in the Machine" eine profunde Bestandsaufnahme aktueller KI-Anwendungen in Bildender Kunst, Literatur und Musik vorgelegt. Die Webseite zum Buch stellt viele Beispiele in Text, Bild und Ton vor.

Die Stiftung Niedersachsen befasst sich in dem auf drei Jahre angelegten Förderprogramm LINK mit den Schnittmengen zwischen Kultur und KI. Die zum Auftakt dieses Programms veranstaltete Tagung hat den Anstoß zu diesem Artikel gegeben. Ein deutschsprachiger Blog beleuchtet das Thema aus vielen Perspektiven.

Ebenfalls kürzlich erschienen ist der Interviewband "Die Intelligenz der Maschinen" von Martin Ford. Der Wissenschaftsjournalist hat mit 23 "Koryphäen der KI" gesprochen. Ein Schwerpunkt der Interviews ist die offen Frage nach einer "artificial general intelligence".

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(mho)