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Missing Link: Migration in die Industrie 4.0 – Flüchtlinge als Software-Entwickler gegen Fachkräftemangel

“Es ist, als würde ich einen Diamanten in der Hand halten.” Wie Flüchtlinge in Europa die Wende zur Industrie 4.0 gestalten.

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Code, Programmieren, Wissenschaft

Anne Kjaer Riechert, eine Mittdreißigerin, steht im Gedränge und hat ihr Unternehmensteam verloren. Gerade wollte man Burritos essen gehen, aber eine Sekunde zu lang hat sie auf die E-Mails auf ihrem Smartphone geschaut. Ein Fußballverein hat gerade angekündigt, sie gerne treffen zu wollen, um eine Kooperation mit ihrer IT-Schule auszuloten. Hinter ihr liegt eine anstrengende Podiumsdiskussion, viele Fragen von JournalistInnen, in zwanzig Minuten ist der nächste Termin. Riechert ist in diesen Tagen viel gefragt, denn ihre Person verkörpert die Lösung für die zwei wichtigsten Fragen Deutschlands. Ach was, die zwei wichtigsten Fragen Europas: Wie soll man mit der Migration umgehen? Und wie meistert man die digitale Transformation?

Anne Kjaer Riechert

Riechert hat im Jahr 2015 in Berlin die erste Programmierschule nur für Flüchtlinge gegründet. AsylbewerberInnen erhalten schnell und unkompliziert ein dreimonatiges Training in den wichtigsten Programmiersprachen. Die Kompetenzen die für die Entwicklung der Industrie 4.0. relevant sind. Von Java zu Python, von Internet of Things (IoT) zu Netzwerksicherheit, von Seminaren zur Datenschutzgrundordnung bis zu Roboteranwendungen – alle Kurse sind strikt auf die Bedürfnisse des aktuellen Arbeitsmarkts ausgerichtet, um möglichst schnell den wachsenden Bedarf an Software-Entwicklern für deutsche Unternehmen zu stillen.

Über 900 geflüchtete AbsolventInnen haben in den letzten zwei Jahren ihren Abschluss gemacht. Der Erfolg ihrer Schule, der "Digital School of Integration", kurz: ReDi, war so überwältigend, dass Riechert und ihr Team, das fast ausschließlich aus Frauen besteht, soeben eine zweite Schule in München eröffnet haben.

Eine Stunde vorher sitzt Riechert zum Interviewtermin auf einem Ledersessel des "Mindspace", eines neuen CoWorking-Space in München. Silberne Luftröhren hängen von den Decke, hinter ihrem Sessel befindet sich eine Glasfront an der Fußgänger vorbei hasten. Frau Riechert, sind Flüchtlinge die besseren Programmierer? "Es ist offensichtlich, dass Flüchtlinge traumatische Kriegserfahrungen mit sich tragen, den Verlust von Familienangehörigen erlitten haben. Wer das einmal durchgemacht hat, und immer noch in der Lage ist einen Alltag zu haben, hat zwangsläufig eine gewisse Resilienz erworben. Das Schlimmste was im Leben passieren kann, ist bereits passiert."

Um sieben Uhr früh stand das erste Meeting des Tages auf dem Programm. Es galt den Start der neuen Spendenkampagne für einen speziellen Programmierkurs für geflüchtete Frauen vorzubereiten, gerade hat sie über das Thema eine Podiumsdiskussion hinter sich. "Diese Resilienz von MigrantInnen, die sie nach Deutschland mitbringen, kann man auch 'agile Kompetenz' nennen", fährt sie fort, "also die Bereitschaft sich neuen Verhältnissen anzupassen. Veränderung ist für MigrantInnen keine Katastrophe mehr, sie sind flexibel. Insofern ist es für geflüchtete Menschen manchmal einfach, sich an die Anforderungen von Unternehmen anzupassen, die an der Schwelle zur vollständigen Digitalisierung ihrer Betriebsabläufe stehen."

Riechert spricht nicht mit der Stimme einer wütenden Aktivistin auf einer Pro-Flüchtlings-Demonstration. Sie hat einfach ein Problem gesehen und bietet eine Lösung an. Und in der Tat: Agilität ist eines der Schlagworte, mit dem Unternehmen sich momentan landauf und landab auseinandersetzen. Wer agile Mitarbeiter hat, ist agiler auf dem Markt, kann neue Trends frühzeitig erkennen und sich dem Wettbewerb anpassen. Agil bedeutet: MitarbeiterInnen müssen schneller umdenken, ChefInnen auch. Doch die Anforderung an Agilität kann in vielen mittelständischen Unternehmen in Deutschland, mit eher konservativer Belegschaft und starren Hierarchien, auch Ängste auslösen.

Sind veränderungsbereite Migranten als Mitarbeiter das Tor zu Umsatzwachstum? Namhafte Firmen, wie beispielsweise das deutsche IT-Mittelstandsunternehmen Klöckner, stellen der Redi-Schule bereits Räumlichkeiten und Dozenten bereit. Alleine in Deutschland gaben im Jahr 2016 laut dem Mittelstandsbarometer knapp 50 Prozent der befragten Unternehmen an, dass der Mangel an geeigneten Fachkräften zu Umsatzeinbußen führe. "Europa steht dabei vor einem gravierenden Problem. Denn wegen der anhaltend niedrigen Kinderzahlen schrumpfen vielerorts die Bevölkerungen. Praktisch flächendeckend gehen immer mehr Menschen in Rente, während immer weniger von unten in den Arbeitsmarkt nachrücken", heißt es in der 2017 veröffentlichten Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. Jedes Land in Europa hat dasselbe Problem: Die Politik kann keine Garantie für die zukünftigen Renten übernehmen. Durch den Geburtenrückgang wird es keine Beitragszahler mehr geben. Gleichzeitig jedoch sucht fast jedes Unternehmen in Europa händeringend Software-Entwickler. Mit einer steigenden Zahl von Migranten mit Programmierkenntnissen hätte man zwei arbeitsmarktpolitische Fliegen mit eine Klappe geschlagen: Rentengarantie und der Fachkräfteüberfluss.

Die digitale Transformation ist nicht nur für die deutsche Industrie relevant. Auch Firmen im Dienstleistungssektor müssen ihre Arbeitsspeicher in die Cloud verlagern, aus Datenschutzgründen Experten für Datensicherheit anstellen, ihre Websites warten oder Datenströme in ihrer Buchhaltung bündeln. Die wenigen auf dem deutschen Markt vorhandenen EntwicklerInnen können aufgrund des Fachkräftemangels sich mittlerweile Gehälter im höheren fünfstelligen Bereich aussuchen. Das wiederum führt zu sinkenden Gewinnen von Unternehmen.

"Wer sein Unternehmen nicht vollständig mit Programmierern digitalisiert, den wird der Markt fressen, so wie ein Hai einen Menschen in einem Happs verschlingt", warnte Keynote-Speaker Stefan Engeseth mit markigen Worten auf der letzten CeBit: "Digitize or die." In einer radikal darwinistisch-ökonomischen Lesart verdeutlichte Engeseth, dass ein Hai auf unvorhergesehene Art und Weise sein Opfer tödlich angreife und nur aufgrund dieser Strategie überlebe. Analog zur Geschäftswelt bedeutet dies: Dem KMU-Unternehmen, das die digitale Revolution verschläft, werden bald beißfreudige Start-Ups, die Haie, mit schnelleren digitalen Mitteln das Fürchten lehren.

Was steht also der Umsetzung einer breiten Bildungsoffensive für Geflüchtete in Europa im Weg? Es sind: konservative Regierungen. Wer das verstehen will, muss nach Österreich fahren. Ein paar hundert Kilometer Bahnfahrt von München entfernt, in Wien, führt Stefan Steinberger durch seinen Unterrichtsraum in einer ehemaligen Industriehalle. Der junge Mann führt durch einen mit Neonröhren beleuchteten Raum und spricht mit leiser Stimme. Etwa dreißig SchülerInnen sitzen in mehreren Reihen vor einem Beamer, die Jalousien sind heruntergelassen um den Raum zu verdunkeln.

Der Gründer der Wiener Programmierschule "New Austrian Coding School", Stefan Steinberger, hat vor zwei Jahren begonnen, den Zustand "österreichische IT-Fachkräfte" mit dem Problem "Migration" in einem Unternehmen miteinander zu verknüpfen. Doch die rechtskonservative Regierung unter Sebastian Kurz machte Steinberger beinahe einen Strich durch die Rechnung. "Als die rechtspopulistische FPÖ 2017 neu von Kurz in die Regierungskoalition aufgenommen wurde, mussten wir jedes Mal das Wort "Flüchtling" aus unseren Anträgen für staatliche Fördergelder für die Programmierschule streichen, heikles Unterfangen." Flüchtlinge, die erfolgreich den österreichischen Arbeitsmarkt unterstützen? "Undenkbar für die FPÖ, die einen Großteil ihrer Stimmen auf der Angst vor Flüchtlingen einsammelt", erklärt Steinberger. Auch sonst seien Steuergelder für Ausländer ohne nationale Staatsbürgerschaft vielen Einheimischen in Österreich nicht vermittelbar.

Stefan Steinberger

Im Wiener Unterrichtsraum ist es lauter geworden. Der heutige Dozent Fabian Wurm, ein Informatikstudent, gestikuliert ausladend und erklärt den technischen Aufbau von Datenbankstrukturen. Auf der Beamerprojektion sieht man Listen mit Musikstücken, von Beethovens "Ode an die Freude" bis zum Beatles-Song "Imagine". Die SchülerInnen sind angehalten die Lieder zu klassifizieren und einer Datenbank richtig zuordnen. Die ZuhörerInnen bilden eine bunte Mischung: Es gibt ältere TeilnehmerInnen mit tiefen Sorgenfalten, die neben jungen Männern im Hoodie sitzen, eine Frau trägt ein Kopftuch mit Zebrastreifenmuster, manche Männer tragen Stehkragen und Anzugjacket.

In der Klasse herrscht rege Beteiligung. Kaum ein Satz von Wurm vorne vergeht, ohne dass jemand von den SchülerInnen die Hand hebt und eine Frage stellt. Wurms Antwort ist beinahe jedesmal dieselbe "Deine Frage führt in eine fortgeschrittene Richtung, das werde ich später erklären." Man merkt: Die TeilnehmerInnen wollen wirklich verstehen und sind gedanklich oft schon weiter.

Anne Kjaer Riechert und Stefan Steinberger kennen sich nicht. Zwischen ihren Heimatorten liegen knapp 500 Kilometer und zwei Landesgrenzen. Beide hatten wundersamerweise dieselbe Idee zur selben Zeit. Wie Riechert gehört Steinberger zu der Kohorte der "Social Entrepreneurs". "Der Profit unseres Unternehmens ist für uns zweitrangig, wir wollen einen Unterschied machen", sagt Steinberger. "To make a difference" – dieselbe Formulierung nutzt auch Riechert während der Podiumsdiskussion bei der Spendenveranstaltung für das Frauenprogramm in München.

Nach was genau charakterisiert sich Social Entrepreneurship? Das "soziale Unternehmertum" bezeichnet das unternehmerische Wirken einer aufstrebenden Elite, für die Einkommensgenerierung mit dem gesellschaftlichen Sinn ihres Unternehmens Hand in Hand gehen. Der Unternehmensbegriff wurde in den achtziger Jahren geprägt und kennzeichnet vor allen Dingen flache Hierarchien und nur das nötige existenzsichernde Einkommen ihrer Mitarbeiter, ohne Bonuszahlungen und Prämien. Gleichzeitig werden die Waren und Dienstleistungen auf den freien Markt angeboten. Oft werden soziale Unternehmen zusätzlich anteilig auch aus öffentlichen Geldern unterstützt. Alle erwirtschafteten Gewinne werden reinvestiert und gelangen nicht in die eigene Tasche der Geschäftsführer, ein kooperativer Führungsstil steht im Mittelpunkt.

Einer der bekanntesten Social Entrepreneurs ist Mohammad Yunus, der die genossenschaftliche Grameen Bank gründete, die Frauen in Entwicklungsländern für ihre wirtschaftliche Selbstständigkeit mit Mikrokrediten unterstützt. Yunus erhielt dafür den Friedensnobelpreis. "Die Struktur des Kapitalismus muss durch soziale Unternehmen vervollständigt werden" begründete Yunus die Idee der Social Entrepreneurship. Viele Social Entrepreneurs, wie der Österreicher Steinberger, gründen mit ihrer Vision erst einen Verein, wandeln diese um zu gemeinnützigen GmbHs und haben schlussendlich nach ein paar Jahren eine rentable Firma aufgebaut.

Doch profitabel ist Steinbergers Schule noch nicht. Dafür geben die TeilnehmerInnen umso begeisterteres Feedback. "Programmieren ist für mich wie Musik", erzählt die 17-jährige Leen Raslan nach der Unterrichtstunde. Die junge Syrerin vergleicht ihren Unterricht mit ihrem Klavierspiel. "Jede Note ist wie eine Programmierzeile und wenn du sie kombinierst ergibt sich ein Lied daraus", sagt die junge Frau. "Es ist wirklich spannend: Seitdem ich den logischen Aufbau einer Programmiersprache erlerne, merke ich, wie sich meine Gedankengänge irgendwie verändern. Auf einmal kann ich in meinem Suchen nach Lösungen im Alltag mehr Perspektiven als vorher integrieren. Irgendwie macht mich das Programmieren weiser", sagt sie und lacht. Während ihres arabischen Abiturs hat sie einen schulischen Roboterkurs besucht. In der österreichischen Programmierschule, kann sie

nun ihre Kenntnisse erweitern. Ihr Vater, ein Landwirtschaftsingenieur mit jahrzehntelanger Berufserfahrung in Industrieprojekten, sitzt mir ihr zusammen im Unterricht. "Als ich von diesem Programmierkurs gehört habe, war es für mich, als würde ich einen Diamanten in der Hand halten. Ich wusste, ich würde ihn nie wieder loslassen wollen", sagt Badi Raslan. Alle seine Einnahmen aus seiner Ingenieurstätigkeit hatte er in sein Heimathaus in Syrien gesteckt. Das Haus ist nun von IS-Kriegern okkupiert. Aus diesem Grund beantragte er zusammen mit seiner Tochter einen Asylstatus in Österreich. Badi und und Leen Raslan bewarben sich unabhängig voneinander bei der Schule und durchliefen unterschiedliche Assessment-Center. Erst als sie die Zusage erhielten, wurde ihnen klar, dass sie die nächsten neun Monate gemeinsam die Schulbank drücken würden. "Was für ein Wunder", lacht Raslan.

Räumlichkeiten der New Austrian Coding School

Wer sich mit den TeilnehmerInnen unterhält bekommt schnell den Eindruck, dass viele die Kursinhalte mit den verschiedenen logischen Operatoren als schwierig empfinden. "Sehr anstrengend", und "sehr kompliziert" lautet der gemeinsame Kanon. Im gleichen Atemzug werden aber auch "große Hilfsbereitschaft" der Lehrenden und "das unglaubliche Gemeinschaftsgefühl" unter SchülerInnen und DozentInnen benannt. Das gemeinsame Schicksal der Lernenden schweißt zusammen. Die neun Monate sind wahrhaft kein Spaziergang: Jeden Tag wird von 9 bis 17 Uhr unterrichtet, danach müssen Hausaufgaben gemacht werden und jeden Freitag wird das Gelernte in einer Klausur abgeprüft.

Eine Kirgisin erzählt, dass sie dennoch ihrer Zukunft als Entwicklerin ein wenig mit Sorgen entgegen schaue, da sie nach ihrem Abschluss auf dem Arbeitsmarkt mit einheimischen Österreichern konkurriere. "Ich glaube, da bin ich im Nachteil." Gründer Steinberger bestätigt später im Einzelgespräch, dass auf den SchülerInnen ein großer Druck laste: Sie müssen sich in kurzer Zeit alle relevanten Informatikkompentenzen aneignen, Prüfungen bestehen und danach sofort sich um einen Arbeitsplatz bemühen. Und es bleibt nicht nur bei einer Sprache: der Kurs wird auf Englisch unterrichtet, wer arbeiten möchte, muss Deutsch können.

Die einheimische Sprache kennen jedoch viele SchülerInnen durch ihren offiziellen Asylstatus, dem erfolgten Sprachkurs und der Aufnahme in das österreichische Sozialsystem bereits. Sind sie nicht offiziell anerkannt, können sie von dem Staat in ihrer neunmonatigen Ausbildungszeit an der New Austrian Coding School nicht finanziell unterstützt werden.

Auch die dreizehn Kurse an der Münchener ReDi-Schule werden in englischer Sprache unterrichtet, die weltweite Sprache der Programmierer. Die Chefin der neuen Münchener Filiale, Sophie Jonke, führt durch die Seminarräume in der dritten Etage in einem Münchener Industriequartier. Nebenan sind die Räumlichkeiten des Social Impact Lab, das gezielt soziales Unternehmertum in Deutschland fördert.

Wer Englisch und eine Programmiersprache beherrscht, finde überall auf der Welt einen Arbeitsplatz. Durch eine Glastür sieht man wie drei TeilnehmerInnen von einer Dozentin, eine pensionierte Software-Entwicklerin von Siemens, in Java unterrichtet werden. Im Gegensatz zum wienerischen Bootcamp-Vollzeitkurs, werden die in der ReDi-Schule die Kurse nur zweimal in der Woche am Abend unterrichtet. Wer den offiziellen Asylstatus in Deutschland genießt, muss wöchentlich verpflichtend ebenfalls fünfzehn Stunden einen deutschen Sprachkurs besuchen, sodass nur am Abend Zeit für die digitale Kompetenzen bleibt.

Die ReDi-Schule selektiert BewerberInnen nicht nach ihrem Aufenthaltsstatus. "Bei uns kann jeder lernen, unabhängig ob man gesetzlich als Flüchtling anerkannt ist oder nicht", sagt Jonke. Die Bürowände sind mit bunten Zetteln beklebt, die die Namen aller Mitarbeiter tragen und mit ihren Aufgaben beschriftet sind. Jonkes Kollegen kommen aus Spanien, Brasilien und Mexiko, ihr Team ist ebenso multikulturell wie ihre SchülerInnen, deren Unterricht sie koordinieren. In einem kleinen Eckraum stapeln sich Tassen und Geschirr. "Hier kocht Hasan immer für alle, er ist einer unserer vielen Freiwilligen", erzählt Jonke.

Sophie Jonke im ReDi-Büro

Der unschlagbare Vorteil der ReDi-Schule in München: Sophie Jonke kann sich auf ein breites Netz von deutschen Freiwilligen und Unterstützern verlassen. Ausländische wie auch deutsche Ehrenamtliche putzen, kochen und organisieren Ausflüge. Das hat auch die Verwaltung bemerkt. "Das Erfolgsrezept von ReDi liegt definitiv auch in dem Engagement von 150 freiwilligen Fachleuten begründet" sagt Petra Schütt, Leiterin des Fachgebiets Strukturwandel der Stadt München. Das stetig wachsende Netzwerk ist eine der großen Stärken von ReDI, so Schütt. Auch Jonke hat zuerst als Freiwillige für ReDi in Berlin angefangen, als die Stadt München finanzielle Unterstützung für eine zweite ReDi-Schule anbot, wurde Jonke gefragt ob sie in ihre Heimatstadt zurückkehren wolle.

Das ReDi in München eine zweite Filiale eröffnet hat, ist einem Zufall zu verdanken: die Leiterin des Münchner Beschäftigungs- und Qualifizierungsprogramms, hatte einen Zeitungsartikel über Anne Kjaer Riechert gelesen. "Da haben wir uns gedacht: Was für ein tolles Projekt. Und gerade München hat einen unheimlichen Bedarf an Software-Entwicklern", erzählt die zuständige Mitarbeiterin Petra Schütt.

Nach einem ersten Treffen in München mit Anne Kjaer Riechert beantragte die Verwaltung im Stadtrat die Förderung für eine ReDi-Schule in München. "Das war eine sehr unkonventionelle Maßnahme. Aber die Schule hat uns einfach überzeugt", sagt Schütt. Schließlich machte der Münchner Stadtrat unter einer Regierungskoalition aus CSU und SPD 300.000 Euro als Förderung für zwei Jahre locker. In der Redi-Schule wird Schütts Team unter vorgehaltender Hand "unsere bürokratischen Helden" genannt. "Ich bin noch nie auf so viel tolle und kreative Menschen wie in der Münchener Verwaltung gestoßen", sagt Anne Kjaer Riechert. "Andere Städte sind viel zurückhaltender. Die sehen Flüchtlinge eher als Belastung, während München Neuankömmlinge als Chance sieht."

Ein paradiesischer Zustand, von dem die New Austrian Coding School weit entfernt war. "Wir mussten lange Gespräche führen mit dem österreichischen Arbeitsmarktservice. Es hat ungefähr ein Jahr und sehr, sehr viele Termine gedauert bis wir das Okay erhalten haben. Im Grunde war es unsere Beharrlichkeit und wohl auch ein wenig Glück, bis wir jedes Mal in den Gesprächen die verschiedenen Personen, Abteilungen und Ebenen von der Fördermöglichkeit der Ausbildung an der New Austrian Coding School überzeugen könnten." Einfach sieht anders aus.

Petra Schütt von der Stadt München gerät richtiggehend ins Schwärmen, wenn sie von der Programmierschule erzählt. "Das Tolle ist bei ReDi einfach: Da ist so viel Elan drin. Die vermitteln so viel Hoffnung. Und sie erreichen sehr viele TeilnehmerInnen, das ist nicht selbstverständlich." Hat sie einen Tipp für die Stadtverwaltungen anderer Städte? "Ich denke das Wichtigste ist, dass die Spitze, die Leitung der Verwaltung, für innovative neue Ansätze ist. Dann ist vieles möglich."

Der Vorteil von ReDi sei, dass bei der Schule jede und jeder mitmachen kann, Deutsche wie Ausländer, mit oder ohne Arbeit. Die Schule sei nicht nur auf ausschließlich staatlich anerkannte Asylbewerber und Jobcenter-Kunden beschränkt. "Für uns war klar: Die TeilnehmerInnen müssen eine Aussicht auf einen Job in München haben und dann hier arbeiten," sagt Schütt. "Von den 68 TeilnehmerInnen des ersten ReDi Kurses konnten 38 eine qualifizierte Ausbildung oder einen Job beginnen und das ist schon ein beachtlicher Erfolg", sagt Schütt und erwähnt noch einmal die große Anzahl von Unternehmen, die ReDi mit allen möglichen Ressourcen unterstützen.

"Wir werden gerade quasi von TeilnehmerInnen überrannt", erzählt Jonke. In Österreich war es nicht anders. "Im ersten Durchgang mussten wir 21 TeilnehmerInnen aus aus 140 Bewerbern auswählen. Mittlerweile haben wir rund 50 Absolventen", sagt Steinberger. Eines ist Jonke und Kjaer Riechert aber schon damals aufgefallen. "Als wir aber gemerkt haben, dass nur 10 Prozent unserer Absolventen in den letzten Jahren weiblich waren, war uns klar, wir müssen etwas tun. Deswegen haben wir das spezielle Frauenprogramm "Digital Women" auf die Beine gestellt."

Auch hier: ein exponentielles Teilnehmerinnenwachstum. "Zwanzig Plätze hatten wir, 50 Frauen sind bei der ersten Veranstaltung gekommen." Jonke stellt ihre freiwllige Assistentin Alejandra Ramirez vor. Ramirez ist für die Betreuung des Digital Women Programms zuständig. "Viele unserer TeilnehmerInnen haben zuhause noch nicht einmal einen Laptop", erklärt sie, "deswegen können sie nur hier im Seminarraum lernen. Ich denke aber auch, es ist für viele Frauen wichtig, erst einmal in einer geschützten weiblichen Gruppe sich an neue technische Kompetenzen heranzuwagen." "Es ist wirklich ein Selbstbewusstsseinschub für unsere TeilnehmerInnen, wenn sie auf einmal merken, hoppla, sie können mit Technik umgehen. Manchmal habe ich das Gefühl, unsere weiblichen TeilnehmerInnen sind sogar noch eine Extraportion motivierter als unsere männlichen Schüler."

In Deutschland würden meisten geflüchteten Frauen nur Pflegeberufe oder Kinderbetreuungstätigkeiten angeboten, ergänzt Jonke, "mit Computeranwendungen haben diese Frauen nicht gerechnet. Sie sind oft sehr dankbar, eine Möglichkeit von uns zu erhalten, sich von der traditionellen Heim- und Hausarbeit weg zu entwickeln." Die ReDi-Schule bietet eine Betreuung für Kinder während der Kurse an.

"Das ist ein großer Erfolg. Manche Frauen bringen sogar ihre Töchter und alle ihre Freundinnen mit in die Kurse." Jonke seufzt. "Es ist toll, dass wir nur innerhalb eines Jahres so stark angewachsen sind. Aber wir merken auch: Unsere finanziellen Ressourcen sind deswegen schon lange aufgebraucht. Wir brauchen so ganz dringend Laptops und deutlich mehr bezahlte personelle Unterstützung."

Ein Unternehmen, das bereits kräftig in ReDi investiert, ist Microsoft. Magdalena Rogl ist Head of Digital Channels bei Microsoft in München. Die ehemalige Kinderkrankenschwester ist zur Podiumsdiskussion mit Anne Kjaer Riechert im Mindspace gekommen. Während sie der Debatte zuschaut und in einer Wortmeldung sagt, dass sie die das "Einfach-machen-Potential" von ReDi sehr inspirierend finde. Sie finde es einfach wichtig, dass sich die digitale Welt öffnet und mehr Diversität zulasse, sagte sie nach der Veranstaltung.

Viele ihrer Kollegen arbeiten jetzt als Dozenten in der ReDi-Schule. Spezielle Seminare für die Entwicklung von "Internet of Things" finden direkt in den Veranstaltungsräumen der Münchener Microsoft-Zentrale statt. Der Konzern stellt seine Mitarbeiter drei Tage im Jahr bei voller Bezahlung frei, in denen sie sich ehrenamtlich für ReDi engagieren können. Experten von Microsoft haben den TeilnehmerInnen in Workshops gezeigt, wie sie IoT-Lösungen mit der hauseigenen Plattform Azure entwickeln können und wie man eine holographische Brille im industriellen Kontext anwenden kann.

Über die "HoloLens" können Probleme, die beispielsweise bei der Wartung von Maschinen auftreten, per Video erläutert werden. Die Anwendung der Brillen steht kennzeichnend für die Wende zur Industrie 4.0. Die Kooperation mit ReDi ist für Microsoft eine Win-Win-Situation: "Natürlich picken wir uns schon die Goldperlen während der Kurse raus, fördern Talente und ermutigen sie, sich bei uns zu bewerben. Wir sind ständig auf der Suche nach neuen Fachkräften", sagt Rogl munter und beißt ein Stück Brezel ab.

Ein weiterer ReDi-Kurs in München zu Netzwerksicherheit wird seit zwei Jahren von Cisco unterstützt. "Das Unternehmen hat sich selbstständig an uns gewandt, weil sie, wie alle anderen auch, verzweifelt nach neuen Fachkräften suchen", erzählt Sophie Jonke. "Also bieten sie jetzt mit unseren TeilnehmerInnen Kurse zu Cybersecurity an." Und auch hier ist der Erfolg durchschlagend: "Mittlerweile wurden siebzehn von unseren SchülerInnen von Cisco als Praktikanten beschäftigt, und drei als Vollzeitkräfte eingestellt" sagt Jonke.

Google stellt ReDI ebenfalls seine MitarbeiterInnen als Dozenten ehrenamtlich zur Verfügung. Cisco, Microsoft und Google – sind das nicht Konkurrenten? "Vielleicht ist das unsere neue Art von kooperativen Kapitalismus", sagt Anne Kjaer Riechert und klingt dabei wie Grameen Bank Gründer Yunus. "Es gibt wegen der Digitalisierung so unfassbar viel zu tun, dass sich IT-Unternehmen gar nicht mehr leisten können, in Konkurrenz miteinander zu treten. Bei uns packen Sie alle ehrenamtlich miteinander mit an."

Anne Kjaer Riechert (Zweite von Links) und Ihr Team

Ein weiteres Merkmal der digitalen Wirtschaft im 21. Jahrhundert fällt auf: Ob ein Bewerber Autodidakt ist, oder ein Hochschuldiplom in der Tasche hat, ist für viele IT- Unternehmen nicht mehr wichtig. Hauptsache die BewerberIn kann programmieren und schafft das Assessment-Center. Ob mit oder ohne Zertifikat ist in Zeiten des Fachkräftemangels zweitrangig.

Die Wiener Programmierschule "New Austrian Coding School" hieß am Anfang "Refugee Codes", doch dann habe man sich entschlossen, keine Österreicher auszuschließen, erzählt Steinberger. Jetzt biete man auch für Einheimische die Programmierkurse an und habe die Schule umbenannt, das sei sowieso besser für die Integration der TeilnehmerInnen. Bislang befindet sich jedoch erst ein Österreicher unter den 30 SchülerInnen. Anne Kjaer Riechert hat nach einem Jahr dieselbe Neuausrichtung ihrer Schule vorgenommen wie Steinberger, wieder eine parallele Entwicklung wie von Zauberhand, ohne, dass sich die beiden abgesprochen hätten. "Von Kritikern wurde uns vorgeworfen, dass Ausländer so viel erhalten würden und Deutsche nichts. Irgendwann haben wir uns tatsächlich gefragt, warum wir eigentlich nicht auch Deutsche in unsere Kurse Schule einladen. Und genau das haben wir jetzt gemacht", erzählt Riechert.

Eine Schule, in der jeder kostenlos programmieren lernen kann, unterstützt gleichermaßen von Steuergeldern und einer Investition von Unternehmen: Machen die gemeinwohlorientierten Private Public Partnerships Schule, wird ein neues Kapitel in der Geschichte der Wirtschaft aufgeschlagen. Weg von der sozialen Marktwirtschaft hin zum kooperativen Kapitalismus.

Beide Schulen kämpfen aber noch um ihre Existenzsicherung, denn aus privaten Einnahmen können sie sich noch nicht vollständig finanzieren. "Aber wir arbeiten dran" sagt Steinberger nachdrücklich. Das Einnahmenmodell von ReDi und der New Austrian Coding School ist denkbar einfach: Unternehmen mit dringendem Bedarf an Software-Entwicklern gehen Partnerschaften mit der Schule ein und übernehmen einen Teil der Ausbildungskosten der SchülerInnen. 10.000 Euro kostet das für eine Firma in Wien. Dennoch können sich Steinbergers SchülerInnen ihr IT-Wunsch-Unternehmen selbst aussuchen. 90 Prozent seiner Absolventen haben bislang einen Arbeitsplatz als EntwicklerInnen gefunden, erzählt Steinberger stolz.

Bei der ReDi-Schule in München beträgt die Gebühr für ein Unternehmen dagegen um ein Vielfaches mehr. Doch wer das als deutsches Unternehmen zahlt, erhält in München eine garantierte Zusage der Weitervermittlung der Absolventen an ihre Personalabteilung. "Wir schicken dann unsere besten Talente zu unseren Investoren", sagt Riechert.

Die ReDi-Schule konnte von Beginn auf viele unternehmerische Unterstützung zählen, Facebook, Coca-Cola und Deloitte beteiligten sich mit Spenden oder Partnerschaften. In Österreich ist es andersherum: Mit den Unternehmenspatenschaften hapert es bislang noch ein bisschen, deswegen der übernimmt der österreichische Staat noch von den meisten TeilnehmerInnen die Ausbildungskosten "Ich denke aber, das wird nicht lange so bleiben. Unsere Schule ist noch wenig bekannt, ich glaube, viele Unternehmen die Fachkräfte suchen, wissen gar nicht, dass es uns gibt" sagt Steinberger. "Dennoch wäre es für uns die schlimmste Krise", sagt Steinberger, "wenn diese finanzielle Förderung vom Arbeitsmarktservice wegfallen würde".

Dabei sei es eine Win-Win-Rechnung für eine politische Gemeinschaft, "denn Österreich besitzt durch uns weniger Arbeitslose, wir leisten Integrationsarbeit, da wir die Geflüchteten in den Arbeitsmarkt einbinden," sagt Steinberger, "tatsächlich ist der Staat ist eigentlich unser bester Kunde."

Herr Steinberger, können Sie eigentlich programmieren? Steinberger lacht. "Niemand von uns Schulorganisatoren kann programmieren. Das ist auch gar nicht nötig. Wir stellen nur die Infrastruktur und Ressourcen bereit." Programmierkompetenzen hat auch Gründerin Riechert nicht. Es fällt auf, dass keine Programmierer als gründungswillige Social Entrepreneurs auftreten. Steinberger ist Absolvent der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Riechert studierte Friedens-und Konfliktforschung in Tokio und leitete dann das "Stanford Peace Lab" in Berlin.

Vielleicht braucht man als Social Entrepreneur mehr eine Vision und ein Leitbild als Detailkenntnisse des Fachbereichs, in dem man ein Unternehmen gründet. Ein Aspekt, der GeisteswissenschaftlerInnen von InformatikerInnen unterscheidet. Während Entwickler stets bemüht sind, möglichst genau den Programmcode einzugeben und dabei keine Tippfehler zu machen, sind SozialwissenschaftlerInnen trainiert das "große Ganze" zu erkennen, die systemischen Zusammenhänge in der Welt zu überblicken. Die fruchtbare Kombination von akribischen InformatikerInnen und visionären Geisteswissenschaftlern, so scheint es, birgt in sich revolutionäres Potential.

Wieso hat sich der 29-Jährige entschieden, die New Austrian Coding School zu gründen? Was macht ihn so risikofreudig? Steinberger denkt nach. "Ich war der Erste in meiner Familie, der studiert hat, und ich glaube, ich hatte schon immer einen starken Gerechtigkeitssinn", sagt er langsam. "Gleichzeitig hatte ich auch irgendwie immer den Drang Verantwortung zu übernehmen. Und ich bin sehr stur. Wenn ich etwas will, dann arbeite ich Tag und Nacht dafür".

Ein Schüler, ein junger arabischer Mann kommt lachend näher, schwingt sich auf das Sofa neben ihn und packt Steinberger bei den Schultern. Beide grinsen sich an. "Das ist auch etwas", sagt Steinberger, "dass mich glücklich macht. Zu sehen, wie die TeilnehmerInnen in den Kursen aufblühen. Wir bieten ihnen eine feste Tagesstruktur, eine Gemeinschaft, einen sinnvollen Bildungszweck. Es ist krass wie manche TeilnehmerInnen hier mit gebückten Rücken verschüchtert anfangen und jeden Tag immer aufrechter gehen und froher wirken", sagt er.

Dasselbe sagt auch die pensionierte Siemens-Entwicklerin und Dozentin von ReDi-Schule in München, es sei so schön, zu sehen, wie nach einer Duchbeißphase ihre SchülerInnen neues Selbstvertrauen durch den Erwerb neuer Fähigkeiten erhielten.

Aller Anfang war schwer, zum ersten Pilotkurs der New Austrian Coding School im Jahr 2016, kam exakt nur ein TeilnehmerInnen. "Wir mussten da noch etwas an unserem Marketing feilen" lacht Steinberger. Um die Ecke in der Küche steht ein Marmeladenglas auf dem "Feedback" in handgeschriebener Schrift steht. Flache Hierarchien, kurze Wege: Das Zeichen eines agilen Unternehmens im 21. Jahrhunderts.

"Ja, konstruktive Kritik ist uns sehr wichtig", bestätigt Steinberger. "Und ganz besonders wichtig ist unserer Community Manager. Denn wenn unsere SchülerInnen Schwierigkeiten mit dem Arbeitsmarktservice haben, auf einmal ihre Miete nicht bezahlen können oder ähnliches, dann wirkt sich das auf ihr Lernverhalten aus. Deswegen beschäftigen wir einen Quasi-Sozialarbeiter, der als Ansprechpartner für alle da ist, und hilft, Probleme zu lösen."

Es klingt logisch: Nur wer nicht ständig an sein Überleben denken muss, hat die Ruhe sich auf Bildung zu konzentrieren. Vielleicht ist dies der Grund, warum die vielbeschworenen MOOC – die Massive Open Online Kurse – nur bedingt genutzt werden, obwohl die Informatikvorlesungen von renommierten Universitäten wie Harvard oder dem Massachusetts Institute of Technology angeboten werden. Ihre Abbrecherquote liegt bei über 90 Prozent, ein klassischer Frontalunterricht im Videoformat, ohne die Möglichkeit der Interaktion zwischen DozentInnen und SchülerInnen.

Theoretisch könnten Flüchtlinge schon vor ihrer Migration, während der Flucht oder im einem Asylunterbringungszentrum Onlinekurse auf ihrem Smartphone belegen. Doch kaum einer tut es. Vielleicht, weil man auf der Flucht nur an sein Überleben im Hier und Jetzt und nicht an das Leben und die Zeit danach denkt. Vielleicht weil der Anreiz einer Gemeinschaft mit realen Personen fehlt, in der man sich über die Fächer austauschen und gegenseitig helfen kann. Wer einmal den Kurs mit der regen Beteiligung um Fabian Wurm gesehen hat und die kollegiale Atmosphäre in der Mittagspause erlebt hat, weiß warum.

Doch warum muss man überhaupt erstmal eine Flucht durchmachen, um eine Ausbildung zur EntwicklerIn im vom Fachkräftemangel gebeuteltem Europa finden? Die Antwort auf die Frage findet sich in der Schweiz. Direkt neben dem Rheinufer, in einer schmalen Straße, befindet sich das Philosophicum. Ein Künstlerhaus das noch direkt aus dem Mittelalter stammt: krumme Treppen, schiefe Wänden und Holzbalken an der Decke. Im höchsten Stock, im Festsaal steht Christian Hirsig vor einem Beamer und hält sein Smartphone in die Höhe. Der orangene Lichtschimmer des Displays erhellt den Raum. Hirsig steht vor circa zwanzig Anwesenden.

"Auf der Flucht habt ihr sicher viele Traumata erlebt", sagt Hirsig. "Deswegen habe ich für euch mehrere kostenlose Lizenzen für einen App-Mediationskurs mit organisiert." Hirsig ist Gründer der NGO "Powercoders". Auch er ist kein Programmierer. Hirsig ist der dritte im Bunde der Social Entrepreneurs für IT-Akadamien für Migranten. Hirsig, Steinberger, Riechert, alle drei hatten unabhängig zum selben Zeitpunkt in drei verschiedenen Ländern dieselbe Idee. Alle drei haben ihr Unternehmen allein, ohne sich miteinander zu vernetzen, erfolgreich in Gang gesetzt. Bis dahin hatte der ehemalige BWL-Student schon erfolgreich ein Beratungsunternehmen und ein Start-Up-Inkubator gegründet.

Christian Hirsig

"Ihr gehört zu den 1 Prozent der Talentiertesten hier", doziert Hirsig vorn. Der neue Kurs läuft erst seit ein paar Tagen, deswegen werden von ihm die Grundlagen erklärt. "80 Prozent unserer vergangenen TeilnehmerInnen haben einen Arbeitsplatz in der IT-Branche, 100 Prozent haben einen Praktikumsplatz gefunden. Wer es als Programmierer in der Schweiz schafft, verdient bis zu 60.000 Franken."

Hirsig spricht klar und mit ruhiger Stimme. "Das wichtigste ist: vertraut uns. Wir helfen euch so gut es geht." Es scheint, dass er es schafft etwas zu vermitteln, was vielen Flüchtlingen verloren gegangen ist: Hoffnung. Hirsigs Worte erinnern an dasselbe Phänomen, das die SchülerInnenstruktur aller drei Schulen prägt: Die TeilnehmerInnen sind hoch motiviert und gleichzeitig sehr gestresst. Sie wissen wie ihre Zukunft davon abhängt. Sie wissen, dass sie dieses Examen bestehen müssen um im deutschsprachigen Arbeitsmarkt integriert zu werden. Um endlich finanziell unabhängig zu werden.

In Basel wird deswegen heute nicht programmiert, sondern Persönlichkeitstests absolviert und ein Bewerbungsmappentraining veranstaltet. "Denn was Flüchtlinge nicht haben, wenn sie neu in ein Land kommen, ist ein Netzwerk. Und die kulturellen Gepflogenheiten, die länderspezifischen Unterschiede müssen eingeübt und verinnerlicht werden", sagte Steinberger einige Tage zuvor in Wien und die Worte könnten jetzt exakt aus Hirsigs Mund kommen.

Anders als in Österreich und in Deutschland, kommen auf TeilnehmerInnen im Alpenstaat eine weitere Schwierigkeit hinzu: Das Schweizerdeutsch. Die SchülerInnenInnen müssen Programmiersprachen einüben, Englisch können, den Deutschkurs absolvieren und gleichzeitig den starken Schweizer Dialekt beherrschen. Vier Sprachen auf einmal. Ein unmögliches Unterfangen? Die 18-Jährige Afghanin Sodaba erzählt nach der Unterrichtsstunde, dass das Jonglieren mit vier Sprachen eine tägliche Herausforderungen sei. Aber die Zukunftsaussichten als Programmiererin würden sie jeden Tag motivieren und das schwierige Unterfangen wieder wett machen. Sie ist eine von vier Frauen in dem Kurs, hat einen eigenen Youtube-Kanal auf dem sie zusammen mit ihrer Mutter afghanische Gerichte kocht.

Sodaba hat wie viele andere TeilnehmerInnen über Facebook von dem Angebot erfahren. So wie Bismillah, ein Afghane, für den das Informatikstudium ein unerreichbares Ziel darstellte, da er keine schweizerische Hochschulzulassung besaß. "Als ich dann das Angebot von Powercoders mit nur drei Monaten Programmierkurs plus ein Praktikum sah, dachte ich: Ein Traum." Bismillah spricht bereits fließend deutsch mit schweizerdeutscher Einfärbung. Seine Worte ähneln denen des syrischen Vaters Badi Raslan, der in der Wiener New Austrian Coding School sagte, er fühle sich so, als würde er mit dem Programmierkurs einen Diamanten in der Hand halten, den er nie mehr loslassen wolle.

Hat er eine Erklärung, warum sich mehr Männer für die PowerCoders interessieren? "Ich habe das Gefühl, dass sich viele Schweizerinnen für Technik interessieren, aber wenn es um das konkrete Machen geht, dann ist da so etwas wie eine Wand aufgrund ihrer Erziehung in den Köpfen, von den Stereotypen der Gesellschaft. Bei geflüchteten Frauen ist das anders. Sie haben schon einmal diese Fluchterfahrung gemeistert, sich auf etwas vollständig Neues eingestellt und sind deswegen offener gegenüber neuen Erfahrungen. Deswegen haben sie weniger Angst vor dem Erlernen technischer Kompetenzen." Bissmillah spricht über die Agilität, die Anne Kjaer Riechert genannt hat. Offen sein, schnell reagieren – der wichtigste Soft Skill im 21. Jahrhundert. Für Offenheit brauche es Diversität hatte die leitende Angestellte von Microsoft, Magdalena Rogl, in München gesagt.

Mitglied Shadi aus Syrien kann nur von den positiven Reaktionen auf den Kurs aus seinem Umfeld in Basel berichten. Die Schweizer, die er kenne, würden ihn regelrecht während seiner Ausbildungszeit als Programmierer anfeuern, und ihn in seiner Kurswahl bestärken sagt er. Das motiviere ihn zusätzlich.

Während zwei Unterrichtsstunden ist Zeit für ein kurzes Interview mit Christian Hirsig. Herr Hirsig, wie läuft das eigentlich mit der innerschweizerischen Expansion ihrer Schulen? Hirsig stöhnt. "Das ist von Kanton zu Kanton unterschiedlich." Manchmal verzweifle er an dem starken Schweizer Förderalismus. "Aber immerhin ist unsere Schule schon an drei Standorten vertreten, in Bern, Lausanne und Basel."

Theoretisch müsste er bei 26 verschiedenen Kantonsbehörden die Schulstrukturen von Grund auf neu erklären und in jeder der Behörden eine neue Förderung beantragen. Ein zeitaufwendiger Prozess. Seine Schule wird aus der Steuerkasse und Spenden gefördert, sie haben nicht die Rechtsform eines Unternehmens, sondern einer NGO gewählt. "Von der bisherigen Kantonspolitik werden wir hier in der Schweiz gut unterstützt. Wir haben nämlich für jede politische Coleur etwas anzubieten: Linke Parteien weisen wir auf die erfolgreiche Integration unserer SchülerInnen hin, wirtschaftsliberalen Parteien sagen wir, dass die Schule erfolgreich den Fachkräftemangel bekämpft und rechten Parteien erzählen wir, dass unsere TeilnehmerInnen nicht mehr von Sozialhilfe abhängig sind. Das macht den Aufbau unserer Schule eigentlich unangreifbar", sagt Hirsig.

Ab wann wird es dann Codingakademien auf anderen Kontinenten geben? Hirsig grinst. "Wir sind bereits weit fortgeschritten in den Abklärungen zu einer Durchführung in Istanbul, am Hot Spot der Flüchtlingsroute an der türkisch-griechischen Grenze. Die Türkei hat mit der Aufnahme von Flüchtlingen eine große Aufgabe gemeistert. Jetzt wollen wir bei der Integration helfen."

Unzweifelhaft hat Hirsigs Schulmodell die Pole Position in der interkontinentalen akademischen Expansion vor ReDi und der New Austrian Coding School übernommen. "In Istanbul möchten wir ebenfalls für die türkische Bevölkerung die Kurse anbieten. Und übrigens ist der Aufbau der Schule im Ausland viel günstiger, da die Lebenshaltungskosten viel niedriger sind als in der Schweiz", sagt Hirsig. Innerhalb von zwei Jahren hat Powercoders bereits eine globale Version der Schule entworfen und begonnen sie umzusetzen.

Und was ist mit Europa? Innerhalb der Europäischen Union fokussiere man sich jetzt auf Mailand, Stockholm und Madrid, erzählt Hirsig, "denn das sind fortschrittliche Zentren der Techie-Szene" erzählt er. "Denn für unser Programm müssen jeweils drei Voraussetzungen unbedingt gegeben sein: Erstens genügend Flüchtlinge in der Stadt, zweitens eine bestehender IT-Arbeitsmarkt für Entwickler und drittens keine vergleichbare Schule. Das ist in Mailand, Stockholm und Madrid der Fall. In Nordafrika hat es mit diesen drei Voraussetzungen nur Kairo in die engere Auswahl geschafft." "Wir könnten uns aber vorstellen, in den nächsten Jahren eine Programm für den Aufbau von Offshoring-Softwarefirmen anzubieten. Dies würde manche Tür in Afrika aufstossen." "Dann können Menschen programmieren lernen und in ihrem Heimatland erfolgreich eine Softwarefirma aufbauen, weil sie über lukrative Verträge in Industrieländern verfügen. Das ist unsere Vision von moderner Entwicklungshilfe”, schließt Hirsig ab.

[Update 20.02.2019 13:41]:

Aussage über die Gehäter "im sechsstelligen Bereich" korrigiert, es geht um einen höheren fünfstelligen Bereich. (bme)