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Missing Link: Musik ohne Musiker? KI schwingt den Taktstock

Es geht voran: Künstliche Intelligenz komponiert Alben, Hologramme füllen Konzertsäle, Roboter lösen DJs ab und Algorithmen entdecken den Super-Hit von morgen.

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Missing Link: Musik ohne Musiker? KI schwingt den Taktstock

(Bild: pixabay.com)

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Die Sorge, dass neue Techniken Komponisten, Songschreiber, Sänger oder Musiker insgesamt arbeitslos sowie die Kunst noch brotloser macht, geht seit Langem um. Spätestens seit Synthesizer auf dem Markt sind, Auto-Tune-Effekte um sich greifen, Samples und Loops automatisiert hergestellt und Musik mit Programmen wie Live von Ableton oder Final Scratch und Traktor von Native Instruments gemixt wird, ist vom Aus für den kreativen Musiker beziehungsweise der Übernahme eines Großteils seiner Arbeit die Rede. Nun aber schickt sich der Computer mithilfe Künstlicher Intelligenz endgültig an, den Taktstock zu schwingen und die individuelle Sound-Berieselung für den Alltag zu kreieren.

"Missing Link"

Was fehlt: In der rapiden Technikwelt häufig die Zeit, die vielen News und Hintergründe neu zu sortieren. Am Wochenende wollen wir sie uns nehmen, die Seitenwege abseits des Aktuellen verfolgen, andere Blickwinkel probieren und Zwischentöne hörbar machen.

Ganz neu ist der Trend nicht. Schon zur Hochzeit der musikalischen Klassik Ende des 18. Jahrhunderts entwickelte sich ein System zum beliebten Zeitvertreib und Gesellschaftsspiel, mit dem sich Kompositionen mithilfe eines Zufallsgenerators zusammenstellen ließen. Wolfgang Amadeus Mozart soll ein Meister dieses "musikalischen Würfelspiels" gewesen sein, bei dem auf Basis einer Grundkomposition zunächst mehrere Variationen eines Themas als Versatzstücke generiert wurden. Eine mit dem Würfel erzeugte Zufallszahl legte dann fest, welcher Takt aus welcher Modifikation folgen sollte. Das Verfahren eignete sich vor allem für das Zusammensetzen gleichförmig und periodisch ablaufender Musikstücke wie Walzer, Polonaisen oder Menuette mit schematischem harmonischem Aufbau.

Inzwischen gebe es ausgefeilte Würfel in Form künstlicher neuronaler Netze, griff Sebastian Stober vom AILab der Universität Magdeburg den historischen Faden jüngst auf der Konferenz Most Wanted Music in Berlin auf und verknüpfte ihn mit neuen Computertechniken. Diese können Vorhersagen machen und auf Basis existierender Datensets lernen, wie sie mit hoher Wahrscheinlichkeit zueinander passende Akkorde und Melodien einsetzen. Am erfolgreichsten sind dabei sogenannte rekurrente beziehungsweise rückgekoppelte neuronale Netze (RNN), mit denen sich Sequenzen gut verarbeiten ließen.

Ein Panel auf der Konferenz Most Wanted Music in Berlin.

(Bild: Stefan Krempl / heise online)

Ein solches "Recurrent Neural Network" sei darauf trainiert, ähnlich wie Shakespeare zu schreiben, brachte der Professor für Künstliche Intelligenz (KI) ein Beispiel. Es liest dabei Buchstabe für Buchstabe und versucht so vorherzusagen, wie der nächste ausfallen sollte ohne jegliches explizite Verständnis von Rechtschreibung oder Grammatik. Aufsehen erregt im musikalischen Bereich hat in Expertenkreisen das ähnlich agierende FolkRNN, das nach dem gleichen Prinzip Note für Note aneinanderreiht und so irische Folksongs zusammenbastelt. Die Programmierer habe damit auch schon eine ganze CD veröffentlicht, wobei echte Musikanten die Lieder einspielten.

Das Album hat gute Kritiken bekommen. Viele Zuhörer zeigten sich in Online-Foren überrascht, dass der Computer die Titel komponiert hat. Die Songs werden sogar im Radio gespielt. Stober spricht daher von einer Art Turing Test für Musik, da die "Schöpfungen" des neuronalen Netzwerks in der Regel als täuschend echt akzeptiert werden.

Inzwischen gibt es eine Webseite für das System, über die jeder Interessierte mithilfe des neuronalen Netzwerks selbst Songs kreieren kann. Man wählt dazu ein vorgefertigtes KI-Model, die gewünschte Klangtemperatur, die Geschwindigkeit, den Takt und die Tonart aus und kann zusätzlich eine anfängliche Notenabfolge eingeben. Den Rest erledigt die Maschine dank des ursprünglich in Großbritannien mit öffentlichen Mitteln geförderten Projekts. Diverse Demos und Beispiele helfen auch Einsteigern ins Kompositionsgeschäft weiter. Um das Resultat genießen zu können, war ursprünglich ein Midi-Player erforderlich, inzwischen lassen sich die Tonfolgen über fast jeden aktuellen Browser abspielen.

Die Automatisierbarkeit geht noch weiter: Der geneigte Maschinennutzer kann sich die generierte Melodie auch von einem Roboter-Musiker vorspielen lassen wie etwa "Shimon" vom Georgia Tech Center for Music Technology. Bei den aufgeführten Werken vermissen aber selbst ungeschulte Ohren noch die "lebendige" Ausdruckskraft.

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