Missing Link: Neuer 'Protokollkrieg' – Streit um New IP und erneuertes Internet

Zwei Standardisierungsorganisationen meinen, das alte Internet bringt's nicht mehr. Die Ideen fürs "Netzwerk der Zukunft" provozieren Streit um Transparenz.

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(Bild: Gorodenkoff / shutterstock.com)

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Der Vorschlag für ein neues Internet, eingebracht bei der Internationalen Fernmeldeunion (ITU), sorgt inmitten von Corona-Krise und Sorgen vor wirtschaftlichen Einbrüche für einige Aufregung. Dass ausgerechnet das durch die 5G-Überwachungsdiskussion gebeutelte Huawei mit Vorschlägen für ein neues IP-Netz auftrumpfen will, lässt in Expertenkreise Debatten über den möglichen Import eines Netzes chinesischer Prägung hochkochen. Geht es hier nur um eine neue Runde im bereits beschrieenen digitalen Kalten Krieg, um einen Tech Cold War? Ist es eine Wiederauflage der Zankereien zwischen den Standardisierungsorganisationen, quasi der alten Protocol Wars? Oder ist etwas dran an den Sorgen, dass hinter verschlossenen Türen vielleicht gerade ein überwachungsfreundlicheres Netz kreiert werden könnte, oder doch zumindest ein weiter fragmentiertes und weniger netzneutrales?

"Missing Link"

Was fehlt: In der rapiden Technikwelt häufig die Zeit, die vielen News und Hintergründe neu zu sortieren. Am Wochenende wollen wir sie uns nehmen, die Seitenwege abseits des Aktuellen verfolgen, andere Blickwinkel probieren und Zwischentöne hörbar machen.

Im kommenden November soll eigentlich die World Telecom Standardization Assembly stattfinden. Bei dieser im Abstand von vier bis fünf Jahren stattfindenden Konferenz legen die Mitgliedsländer der ITU den Fahrplan dafür fest, woran ihre Study Groups (SGs) arbeiten sollen. Aus den Study Groups heraus kommen auch die Standards der ITU-T, des für Standardisierung zuständigen Bereichs der ITU. In einem Vorschlag für die WTSA empfehlen Vertreter von Huawei, China Mobile, China Unicom und der Chinesischen Akademie für ICT, dass die Fernmeldeunion die Verantwortung für ein "Top-Down Design für das Netzwerk der Zukunft" übernehmen solle.

Die Arbeitsgruppen SG13 (future networks and clouds), SG17 (security), SG11 (protocols and test specifications) und SG20 (IoT, smart cities & communities) sollten aufgefordert werden, entsprechend neue Arbeitsmandate zu übernehmen und die Ideen einer vor zwei Jahren ins Leben gerufenen ITU Fokus-Gruppe zum Thema Network 2030 weiter zu verfolgen.

Eine zentrale Idee der Fokus-Arbeitsgruppe lautet: Das heutige Internet stößt wegen neuer Anwendungen an seine Grenzen. Es ist weder den Anforderungen des Industrial Internet – mit neuen Anwendungen, Geräten und stärkerer vertikaler Integration gewachsen, noch kann es die Latenzanforderungen von Flugtaxis und autonomem Fahren ganz allgemein oder von Low-Orbit-Satellitennetzen erfüllen oder die Kapazitätsanforderungen von Live-Übertragung von Hologrammen bewältigen. Eigentlich, so steht es tatsächlich in dem Vorlagepapier für die WTSA, sei das heutige Internet für "Computer und Telefone" gemacht.

"New IP" lautet der von Huawei und Huaweis Forschungstochter Futurewei vorgestellte Vorschlag, der auch in der ITU-Fokusgruppe propagiert und an andere Standardisierungsorganisationen herangetragen wurde.

Die Grundideen für New IP sind gar nicht so neu. Flexible Adresslängen gehören dazu, darüber beharkten sich Ingenieure auch schon bei der Standardisierung von IPv6. Verlustfreier Transport ist eins der hehren Ziele, natürlich steht das auf der Agenda vieler Entwicklungen.

Viele Versprechen in den Folien und Berichten von Huawei und Futurewei-Vertretern (PPTX-Datei) hören sich erst einmal gut an. Da ist von "Hochpräzisions-Kommunikation mit garantierten Latenzzeiten und verlustfreien Verbindungen" die Rede. Doch Futurewei-CEO Richard Li, der Vorsitzender der Fokusgruppe ITU Network 2030 ist, antwortet auf Nachfrage von heise online: "New IP ist noch nicht voll ausgereift."

Eine relativ klare Ansage gibt es immerhin in Bezug auf das Verhältnis zu IP: "Geplant ist, dass New IP auf dem MAC Layer (OSI Layer 2) läuft, also über Data Links wie Ethernet", wobei Neuentwicklungen der IEEE besser ausgeschöpft werden sollen, schreibt Li. Man wolle auch bestehende Transportprotokolle wie TCP oder QUIC – beides IETF-Protokolle – unterstützen, setze aber darauf, dass neue Transportprotokolle speziell für New IP dazu kommen.

David Tang, CTO der Huawei Network Product Line in Shenzhen, bestätigt: "New IP wird neben IPv4 und IPv6 sitzen." Der Vorschlag, jedenfalls in der bisherigen Form, sei kein Clean-Slate-Ansatz (Neuanfang). So wie zwischen den beiden IP-Versionen Übersetzung notwendig sei, könne dies auch zwischen IPv6 und New IP realisiert werden. Rückwärtskompatibel will man also bleiben. Wer sich außerhalb von New IP bewege, werde eben nicht in den Genuss der besonderen Verbindungsqualitäten und Features kommen.