Menü

Missing Link: Post-normal - Wissenschaft in Zeiten unsicherer Fakten und alternativloser Technik

Wissenschaft ist kein Schokoriegel

Inhaltsverzeichnis

Um die Kommunikation mit Politik und Öffentlichkeit zu verbessern, mussten die Psychologin und der Physiker aber zunächst lernen, sich untereinander über die Grenzen ihrer jeweiligen Disziplinen hinweg zu verständigen. Als entscheidend für den Erfolg ihrer mittlerweile über 15 Jahre andauernden Zusammenarbeit erscheint ihnen die Verständigung auf gemeinsame Ziele und Methoden sowie die gerechte Aufteilung von Anstrengungen und Nutzen. Wichtig seien zudem gute persönliche Beziehungen, exzellente Studenten, angemessene Finanzierung und unterstützende Institutionen.

Auch das ist Wissenschaftskommunikation: Die Verständigung über Fachgrenzen hinweg kann mindestens ebenso schwierig sein wie zwischen Experten und Laien, ist aber angesichts komplexer Herausforderungen wie Klimawandel oder Digitalisierung dringend geboten.

Sehr oft geht es aber auch einfach nur um Marketing. Julika Griem, Vizepräsidentin der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), merkte das kritisch an in ihrem Eröffnungsvortrag zum Forum Wissenschaftskommunikation im vergangenen November in Bonn, der jetzt im DFG-Magazin forschung nachzulesen ist. Es könne "nicht nur darum gehen, Personen, Drittmittelrekorde oder ganze Hochschulen zu verkaufen wie Schokoriegel oder Kleinwagen", mahnte sie und forderte: "Wir Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler – und auch der Wissenschaftsjournalismus – sollten uns gut überlegen, wo wir uns verbessern müssen, um diesem Trend kompetent gegenübertreten zu können."

Kommunikation? Kommunikation!

(Bild: Lightspring / shutterstock.com)

Das Programm der anschließenden Tagung vermittelt allerdings nicht den Eindruck, als hätte Griems Forderung viel Gehör gefunden: Da wurde darüber diskutiert, wie sich bestimmte Zielgruppen erreichen lassen, welche Rolle der Humor in der Öffentlichkeitsarbeit spielt oder wie sich die Wirkung von Kommunikationskampagnen messen lässt.

Die Frage, warum Wissenschaftskommunikation überhaupt mit einem solchen Aufwand erforscht und betrieben werden muss, trat dagegen in den Hintergrund. Geht es nur darum, der Öffentlichkeit zu zeigen, dass mit ihren Steuergeldern vernünftig umgegangen wird? Wollen Forscher sich vorteilhaft präsentieren, um besser Drittmittel einwerben zu können? Sollen uns Forschungen und die daraus hervorgehenden Techniken frühzeitig schmackhaft gemacht werden, um uns als zukünftige Käufer und Nutzer zu gewinnen?

Auch beim Sackler Colloquium gab es Beiträge, bei denen Zweifel aufkommen können, ob es um die Lösung gesellschaftlicher Probleme oder um die Entwicklung einer Verkaufsstrategie ging. So bemerken Peter A. Hancock (University of Central Florida), Illah Nourbakhsh und Jack Stewart in ihrem Beitrag über gesellschaftliche, technische und ethische Aspekte autonomer Fahrzeuge zurecht, dass mit dieser neuen Art und Weise der Fortbewegung sich auch die Natur der Gesellschaft selbst verändere und geben zu bedenken: "Ob wir für einen solchen radikalen, evolutionären Schritt vorbereitet sind, muss sich erst noch zeigen."

Auch ein radikaler Schritt: "Die Freiheit führt das Volk"

(Bild: Eugène Delacroix - Le 28 Juillet. La Liberté guidant le peuple, Musée du Luxembourg, Paris)

Dass dieser Schritt vollzogen werden wird und wohl auch vollzogen werden soll, scheint für sie gleichwohl außer Frage zu stehen. Autonome Fahrzeuge scheinen schicksalhaft und unvermeidlich auf uns zu zu kommen. Technik, obwohl von Menschen gemacht, erscheint wie eine Naturkraft, auf die wir uns einstellen müssen. Und Wissenschaftskommunikation ist das Mittel der Wahl, die Menschen darauf vorzubereiten und gesellschaftliche Akzeptanz herzustellen.

An einer Stelle schreiben die Autoren, dass viele in der Öffentlichkeit kursierende Vorstellungen von autonomen Fahrzeugen "fehl am Platze" (misplaced) seien. Ihre Begründung: Mit dem, was diese Technik derzeit tatsächlich leisten kann, hätten diese Ideen wenig bis nichts zu tun. Das könne gefährliche Folgen haben, warnen sie. Tatsächlich hat die Überschätzung vermeintlich intelligenter Fahrzeuge durch ihre Nutzer bereits zu tödlichen Unfällen geführt.

Aber diese Gefahr besteht doch wohl nur, wenn die Hersteller weiter darauf drängen, die Technik trotz ihrer Beschränkungen jetzt schon von der Leine zu lassen. Warum sollten die potenziellen Nutzer ihre Vorstellungen dem heutigen Entwicklungsstand anpassen, statt dass umgekehrt die Ingenieure sich bemühen, die Technik den Kundenwünschen anzupassen? Warum diese Eile?

Bei Menschen lassen wir uns schließlich auch Zeit, warten bis zum 18. Lebensjahr und stellen ihnen erst nach erfolgreicher Prüfung der Fahrtauglichkeit einen Führerschein aus. Wir könnten die Künstliche Intelligenz, der wir das Steuer anvertrauen wollen, doch ebenso vorsichtig und zurückhaltend entwickeln. Könnten uns in Ruhe überlegen, wie sich dieses Geschöpf in unsere Gesellschaft einfügen soll, nicht nur auf der Straße.