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Missing Link: Post-normal - Wissenschaft in Zeiten unsicherer Fakten und alternativloser Technik

Alternativlosigkeit und post-normale Wissenschaft

Inhaltsverzeichnis

Das geht nicht, weil wir dann im wirtschaftlichen Wettbewerb zurückfallen würden? Weil andere uns sonst zuvorkommen? Weil die Technik so oder so kommt und jetzt keine Zeit ist, sich mit abwegigen Utopien zu beschäftigen? Aber wenn es stimmt, dass die Natur der Gesellschaft selbst sich durch diese Technologien grundlegend verändern wird, dann zählen dazu natürlich das Wirtschaftssystem ebenso wie auch die Rolle der Wissenschaft selbst. Wissenschaftskommunikation sollte dazu beitragen, einen gesellschaftlichen Dialog darüber zu ermöglichen, ergebnisoffen und ohne jemanden davon auszuschließen.

Dominique Brossard (University of Wisconsin-Madison) und seine Ko-Autoren, die sich in ihrem Beitrag zum Sackler Colloquium mit Gene-Drive-Techniken beschäftigen, argumentieren deutlicher in diese Richtung. Solche Verfahren ermöglichen eine sehr schnelle Verbreitung von Genveränderungen in Populationen und könnten genutzt werden, um ganze Tiergattungen wie etwa die Malaria übertragenden Anopheles-Mücken auszurotten. Wenn es um die Entscheidung gehe, schreiben die Autoren, Gene Drives "in der freien Natur zu nutzen (oder auch nicht), können Schlussfolgerungen, die aus öffentlichen Debatten hervorgegangen sind, ebenso wichtig sein wie die Ergebnisse wissenschaftlicher Studien".

Brossard und sein Forschungsteam beziehen sich dabei ausdrücklich auf die Idee der Post-Normal Science. Hervorgegangen aus Überlegungen zu ökologischer Wirtschaftslehre, fordert diese einen neuen Umgang mit wissenschaftlichen Fragen, die dringend Entscheidungen erfordern, dabei aber mit unsicheren Fakten, umstrittenen Werten und hohen Einsätzen umgehen müssen.

Wo das alles hinführt? Unsicherheit ist eine Möglichkeit, die man aushalten muss.

(Bild: Svetlana Lukienko / shutterstock.com)

Das Konzept wurde bereits in den frühen 1990er-Jahren von den Wissenschaftsphilosophen Silvio Funtowicz und Jerome R. Ravetz als Alternative zu den damals vorherrschenden Risikoabwägungen und Kosten-Nutzen-Analysen entwickelt und beinhaltet einige fundamentale Veränderungen des Wissenschaftsverständnisses, etwa eine Abkehr vom Wahrheitsanspruch der Wissenschaft hin zum Kriterium der Qualität sowie eine Erweiterung des Kreises derjenigen, die die Forschungen begutachten (peer community), von den Fachkollegen auf alle potenziell davon Betroffenen. Außerdem, so Funtowicz und Ravetz, bewirke das "Prinzip der Vielfalt legitimer Sichtweisen auf jegliches Problem eine Fokussierung auf Dialog, gegenseitigen Respekt und Lernen, wo immer das möglich ist".

Die Situation sei völlig neu, schreiben sie. Einerseits gehörten Fragen der Umwelt und Nachhaltigkeit in den Bereich der Wissenschaft, da es sich um natürlich Phänomene handle. "Doch die Aufgaben unterscheiden sich vollkommen von denen, die ursprünglich für westliche Wissenschaft vorgesehen waren. Wo es einst um die Unterwerfung und Kontrolle der Natur ging, müssen wir nun verwalten, anpassen und ausgleichen. Wir wissen, dass wir nicht mehr die von Descartes einst vorgestellten ‚Meister und Besitzer der Natur‘ sind – und es niemals wirklich waren."

Der Ansatz scheint im deutschsprachigen Raum bislang eher wenig Aufmerksamkeit zu finden. Beim vierten Post-Normal Science Symposium, das wenige Tage nach dem Bonner Forum Wissenschaftskommunikation in Barcelona stattfand, kamen jedenfalls nur wenige Beiträge von deutschen Forschern.

(Bild: PopTika / shutterstock.com)

Simon Meisch stellte das Potsdamer Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) vor, das sich selbst das Ziel gesetzt hat, "möglichst alle relevanten Formen des Wissens innerhalb und außerhalb der Wissenschaft zusammenzuführen, um gemeinsam das Handlungswissen für geeignete Lösungen zu finden und die notwendige Transformation hin zu einer nachhaltigen Entwicklung zu initiieren, zu unterstützen und wissenschaftlich zu begleiten".

Maximilian Roßmann vom Karlsruher Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) berichtete von einer Studie zu Mikroalgen als zukünftiger Ernährungsgrundlage, bei der mit einer Delphi-Befragung das Prinzip des erweiterten Gutachterkreises realisiert wurde. Der unabhängige Forscher Daniel Schimmelpfennig sprach über das Zusammenwachsen digitaler und biologischer Techniken, das literarische Visionen des "Biopunk" Wirklichkeit werden lasse. Werner Krauß (Universität Bremen) setzte sich mit dem "Terrestrischen Manifest" Bruno Latours auseinander. Und das war es auch schon.

Ein wenig mehr Post-Normalität würde der deutschen Forschungslandschaft gewiss gut tun. Ein Dialog auf Augenhöhe zwischen Wissenschaft und der übrigen Bevölkerung wird nur gelingen, wenn beide Seiten selbstkritisch sich ihrer eigenen Begrenzungen bewusst sind. Die Wissenschaft wird es sich in Zukunft mehr und mehr gefallen lassen müssen, selbst in Frage gestellt zu werden. (jk)

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