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Missing Link: Post-normal - Wissenschaft in Zeiten unsicherer Fakten und alternativloser Technik

Missing Link: Post-normal - Wissenschaft in Zeiten unsicherer Fakten und scheinbar alternativloser Technik

(Bild: khoamartin / shutterstock.com)

Wir müssen reden. Und uns nicht mit alternativen Fakten begnügen. Ein Dialog auf Augenhöhe zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit ist notwendig.

Wir müssen miteinander reden, dringend. Über den Klimawandel zum Beispiel, aber auch über Künstliche Intelligenz, Genmanipulation und andere Dinge, die unser Leben und das unserer Nachkommen massiv verändern werden. Wir sollten uns darüber verständigen, was diese Entwicklungen für uns bedeuten, und uns auf einen gemeinsamen Plan verständigen, wie wir sie steuern wollen. Aber dafür müssen wir natürlich erst einmal verstehen, worum es da eigentlich jeweils geht.

"Missing Link"

Was fehlt: In der rapiden Technikwelt häufig die Zeit, die vielen News und Hintergründe neu zu sortieren. Am Wochenende wollen wir sie uns nehmen, die Seitenwege abseits des Aktuellen verfolgen, andere Blickwinkel probieren und Zwischentöne hörbar machen.

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Das ist keine Kleinigkeit. Schließlich liegen die Prozesse, um die es geht, außerhalb des Erfahrungshorizonts der meisten Menschen. Der Klimawandel etwa ist nichts, was man als einzelne Person erleben könnte, sondern ergibt sich aus umfassenden wissenschaftlichen Beobachtungen und komplexen Modellrechnungen, für deren Würdigung spezielles Fachwissen erforderlich ist. Und ist das alles nicht irgendwie auch umstritten? Erderwärmung, steigender Meeresspiegel – gibt‘s das überhaupt?

Hier ist die Wissenschaftskommunikation gefordert, um die nicht immer leicht verständlichen Erkenntnisse der Forschung so aufzubereiten, dass fachfremde Personen sich ein Urteil darüber erlauben können. Sie ist mittlerweile selbst Gegenstand intensiver Forschungen: Auf zahlreichen Konferenzen und Workshops diskutieren Wissenschaftler darüber, wie sich ihre Arbeit am besten einer breiten Öffentlichkeit vermitteln lässt.

Beim Sackler Colloquium on the Science of Science Communication [2] vor gut einem Jahr in Washington etwa berichteten Wändi Bruine de Bruin (University of Leeds) und M. Granger Morgan (Carnegie Mellon University) von zwei Kommunikationskampagnen [3] zu den Themen CO2-Abscheidung und -Speicherung (CCS) sowie zur Dauer des Verbleibs von Kohlendioxid in der Atmosphäre. In Interviews, mit denen sie vorab den Kenntnisstand dazu ermittelten, zeigte sich, dass über CCS-Techniken gerne im Zusammenhang mit anderen Verfahren zur Kohlenstoffreduzierung wie Wind- oder Solarenergie diskutiert wurde.

CO2, Kraftwerk, Kohlekraftwerk

(Bild: yotily / shutterstock.com)

Die daraus abgeleitete Kommunikationsstrategie [4] bestand darin, vergleichende Informationen zu zehn kohlenstoffarmen Technologien zur Energieerzeugung zusammenzustellen und sie in einem iterativen Prozess zwischen der Sozialwissenschaftlerin (Wändi), dem Naturwissenschaftler (Granger) und Interviewpartnern Schritt für Schritt so verständlich wie möglich zu gestalten, ohne den Inhalt zu verfälschen. Es zeigte sich, dass bei einem solchen Vergleich verschiedener Technologien in Verbindung mit einem angestrebten Ziel die Risiken besser abgewogen werden können als bei der isolierten Betrachtung einer einzelnen Technik.

Bei Fragen nach der Bedeutung von Kohlendioxid stellte sich heraus, dass dessen Entstehung durch Verbrennen fossiler Energieträger und seine Wirkung als Treibhausgas mittlerweile weithin bekannt zu sein scheinen. Dagegen wissen eher wenige Menschen, wie lange es in der Atmosphäre verbleibt. Kohlendioxid wird offenbar oft mit Luftverschmutzung gleichgesetzt, was zu der Annahme führen kann, der Klimawandel ließe sich innerhalb relativ kurzer Zeit rückgängig machen.

Tatsächlich jedoch beträgt die Verweildauer mehrere Jahrhunderte. Die Studie zur Verbreitung des Wissens darüber läuft noch, doch die beiden Forscher vermuten, dass eine bessere Aufklärung in diesem kritischen Punkt auch zur Aufhebung festgefahrener politischer Kontroversen führen könnte. "Das habe ich nicht gewusst", zitieren sie einen älteren Politiker, der Granger Morgan nach einem Vortrag in Washington angesprochen und erklärt hatte: "Das war mit Abstand das Wichtigste, was Sie uns heute gesagt haben."

Um die Kommunikation mit Politik und Öffentlichkeit zu verbessern, mussten die Psychologin und der Physiker aber zunächst lernen, sich untereinander über die Grenzen ihrer jeweiligen Disziplinen hinweg zu verständigen. Als entscheidend für den Erfolg ihrer mittlerweile über 15 Jahre andauernden Zusammenarbeit erscheint ihnen die Verständigung auf gemeinsame Ziele und Methoden sowie die gerechte Aufteilung von Anstrengungen und Nutzen. Wichtig seien zudem gute persönliche Beziehungen, exzellente Studenten, angemessene Finanzierung und unterstützende Institutionen.

Auch das ist Wissenschaftskommunikation: Die Verständigung über Fachgrenzen hinweg kann mindestens ebenso schwierig sein wie zwischen Experten und Laien, ist aber angesichts komplexer Herausforderungen wie Klimawandel oder Digitalisierung dringend geboten.

Sehr oft geht es aber auch einfach nur um Marketing. Julika Griem, Vizepräsidentin der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), merkte das kritisch an in ihrem Eröffnungsvortrag zum Forum Wissenschaftskommunikation [5] im vergangenen November in Bonn, der jetzt im DFG-Magazin forschung [6] nachzulesen ist. Es könne "nicht nur darum gehen, Personen, Drittmittelrekorde oder ganze Hochschulen zu verkaufen wie Schokoriegel oder Kleinwagen", mahnte sie und forderte: "Wir Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler – und auch der Wissenschaftsjournalismus – sollten uns gut überlegen, wo wir uns verbessern müssen, um diesem Trend kompetent gegenübertreten zu können."

Kommunikation, Natur, Vögel, Bäume

Kommunikation? Kommunikation!

(Bild: Lightspring / shutterstock.com)

Das Programm der anschließenden Tagung vermittelt allerdings nicht den Eindruck, als hätte Griems Forderung viel Gehör gefunden: Da wurde darüber diskutiert, wie sich bestimmte Zielgruppen erreichen lassen, welche Rolle der Humor in der Öffentlichkeitsarbeit spielt oder wie sich die Wirkung von Kommunikationskampagnen messen lässt.

Die Frage, warum Wissenschaftskommunikation überhaupt mit einem solchen Aufwand erforscht und betrieben werden muss, trat dagegen in den Hintergrund. Geht es nur darum, der Öffentlichkeit zu zeigen, dass mit ihren Steuergeldern vernünftig umgegangen wird? Wollen Forscher sich vorteilhaft präsentieren, um besser Drittmittel einwerben zu können? Sollen uns Forschungen und die daraus hervorgehenden Techniken frühzeitig schmackhaft gemacht werden, um uns als zukünftige Käufer und Nutzer zu gewinnen?

Auch beim Sackler Colloquium gab es Beiträge, bei denen Zweifel aufkommen können, ob es um die Lösung gesellschaftlicher Probleme oder um die Entwicklung einer Verkaufsstrategie ging. So bemerken Peter A. Hancock (University of Central Florida), Illah Nourbakhsh und Jack Stewart in ihrem Beitrag über gesellschaftliche, technische und ethische Aspekte autonomer Fahrzeuge [7] zurecht, dass mit dieser neuen Art und Weise der Fortbewegung sich auch die Natur der Gesellschaft selbst verändere und geben zu bedenken: "Ob wir für einen solchen radikalen, evolutionären Schritt vorbereitet sind, muss sich erst noch zeigen."

Eugene Delacroix: Die Freiheit führt das Volk

Auch ein radikaler Schritt: "Die Freiheit führt das Volk"

(Bild: Eugène Delacroix - Le 28 Juillet. La Liberté guidant le peuple, Musée du Luxembourg, Paris [8])

Dass dieser Schritt vollzogen werden wird und wohl auch vollzogen werden soll, scheint für sie gleichwohl außer Frage zu stehen. Autonome Fahrzeuge scheinen schicksalhaft und unvermeidlich auf uns zu zu kommen. Technik, obwohl von Menschen gemacht, erscheint wie eine Naturkraft, auf die wir uns einstellen müssen. Und Wissenschaftskommunikation ist das Mittel der Wahl, die Menschen darauf vorzubereiten und gesellschaftliche Akzeptanz herzustellen.

An einer Stelle schreiben die Autoren, dass viele in der Öffentlichkeit kursierende Vorstellungen von autonomen Fahrzeugen "fehl am Platze" (misplaced) seien. Ihre Begründung: Mit dem, was diese Technik derzeit tatsächlich leisten kann, hätten diese Ideen wenig bis nichts zu tun. Das könne gefährliche Folgen haben, warnen sie. Tatsächlich hat die Überschätzung vermeintlich intelligenter Fahrzeuge durch ihre Nutzer bereits zu tödlichen Unfällen geführt.

Aber diese Gefahr besteht doch wohl nur, wenn die Hersteller weiter darauf drängen, die Technik trotz ihrer Beschränkungen jetzt schon von der Leine zu lassen. Warum sollten die potenziellen Nutzer ihre Vorstellungen dem heutigen Entwicklungsstand anpassen, statt dass umgekehrt die Ingenieure sich bemühen, die Technik den Kundenwünschen anzupassen? Warum diese Eile?

Bei Menschen lassen wir uns schließlich auch Zeit, warten bis zum 18. Lebensjahr und stellen ihnen erst nach erfolgreicher Prüfung der Fahrtauglichkeit einen Führerschein aus. Wir könnten die Künstliche Intelligenz, der wir das Steuer anvertrauen wollen, doch ebenso vorsichtig und zurückhaltend entwickeln. Könnten uns in Ruhe überlegen, wie sich dieses Geschöpf in unsere Gesellschaft einfügen soll, nicht nur auf der Straße.

Das geht nicht, weil wir dann im wirtschaftlichen Wettbewerb zurückfallen würden? Weil andere uns sonst zuvorkommen? Weil die Technik so oder so kommt und jetzt keine Zeit ist, sich mit abwegigen Utopien zu beschäftigen? Aber wenn es stimmt, dass die Natur der Gesellschaft selbst sich durch diese Technologien grundlegend verändern wird, dann zählen dazu natürlich das Wirtschaftssystem ebenso wie auch die Rolle der Wissenschaft selbst. Wissenschaftskommunikation sollte dazu beitragen, einen gesellschaftlichen Dialog darüber zu ermöglichen, ergebnisoffen und ohne jemanden davon auszuschließen.

Dominique Brossard (University of Wisconsin-Madison) und seine Ko-Autoren, die sich in ihrem Beitrag zum Sackler Colloquium [9] mit Gene-Drive-Techniken beschäftigen, argumentieren deutlicher in diese Richtung. Solche Verfahren ermöglichen eine sehr schnelle Verbreitung von Genveränderungen in Populationen und könnten genutzt werden, um ganze Tiergattungen wie etwa die Malaria übertragenden Anopheles-Mücken auszurotten. Wenn es um die Entscheidung gehe, schreiben die Autoren, Gene Drives "in der freien Natur zu nutzen (oder auch nicht), können Schlussfolgerungen, die aus öffentlichen Debatten hervorgegangen sind, ebenso wichtig sein wie die Ergebnisse wissenschaftlicher Studien".

Brossard und sein Forschungsteam beziehen sich dabei ausdrücklich auf die Idee der Post-Normal Science [10]. Hervorgegangen aus Überlegungen zu ökologischer Wirtschaftslehre, fordert diese einen neuen Umgang mit wissenschaftlichen Fragen, die dringend Entscheidungen erfordern, dabei aber mit unsicheren Fakten, umstrittenen Werten und hohen Einsätzen umgehen müssen.

Unsicherheit, Brücke, Steg

Wo das alles hinführt? Unsicherheit ist eine Möglichkeit, die man aushalten muss.

(Bild: Svetlana Lukienko / shutterstock.com)

Das Konzept wurde bereits in den frühen 1990er-Jahren von den Wissenschaftsphilosophen Silvio Funtowicz und Jerome R. Ravetz als Alternative zu den damals vorherrschenden Risikoabwägungen und Kosten-Nutzen-Analysen entwickelt und beinhaltet einige fundamentale Veränderungen des Wissenschaftsverständnisses, etwa eine Abkehr vom Wahrheitsanspruch der Wissenschaft hin zum Kriterium der Qualität sowie eine Erweiterung des Kreises derjenigen, die die Forschungen begutachten (peer community), von den Fachkollegen auf alle potenziell davon Betroffenen. Außerdem, so Funtowicz und Ravetz, bewirke das "Prinzip der Vielfalt legitimer Sichtweisen auf jegliches Problem eine Fokussierung auf Dialog, gegenseitigen Respekt und Lernen, wo immer das möglich ist".

Die Situation sei völlig neu, schreiben sie. Einerseits gehörten Fragen der Umwelt und Nachhaltigkeit in den Bereich der Wissenschaft, da es sich um natürlich Phänomene handle. "Doch die Aufgaben unterscheiden sich vollkommen von denen, die ursprünglich für westliche Wissenschaft vorgesehen waren. Wo es einst um die Unterwerfung und Kontrolle der Natur ging, müssen wir nun verwalten, anpassen und ausgleichen. Wir wissen, dass wir nicht mehr die von Descartes einst vorgestellten ‚Meister und Besitzer der Natur‘ sind – und es niemals wirklich waren."

Der Ansatz scheint im deutschsprachigen Raum bislang eher wenig Aufmerksamkeit zu finden. Beim vierten Post-Normal Science Symposium [11], das wenige Tage nach dem Bonner Forum Wissenschaftskommunikation in Barcelona stattfand, kamen jedenfalls nur wenige Beiträge von deutschen Forschern.

PopTika / shutterstock.com

(Bild: PopTika / shutterstock.com)

Simon Meisch stellte das Potsdamer Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung [12] (IASS) vor, das sich selbst das Ziel gesetzt hat, "möglichst alle relevanten Formen des Wissens innerhalb und außerhalb der Wissenschaft zusammenzuführen, um gemeinsam das Handlungswissen für geeignete Lösungen zu finden und die notwendige Transformation hin zu einer nachhaltigen Entwicklung zu initiieren, zu unterstützen und wissenschaftlich zu begleiten".

Maximilian Roßmann vom Karlsruher Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse [13] (ITAS) berichtete von einer Studie zu Mikroalgen als zukünftiger Ernährungsgrundlage, bei der mit einer Delphi-Befragung das Prinzip des erweiterten Gutachterkreises realisiert wurde. Der unabhängige Forscher Daniel Schimmelpfennig [14] sprach über das Zusammenwachsen digitaler und biologischer Techniken, das literarische Visionen des "Biopunk" Wirklichkeit werden lasse. Werner Krauß (Universität Bremen) setzte sich mit dem "Terrestrischen Manifest" Bruno Latours auseinander. Und das war es auch schon.

Ein wenig mehr Post-Normalität würde der deutschen Forschungslandschaft gewiss gut tun. Ein Dialog auf Augenhöhe zwischen Wissenschaft und der übrigen Bevölkerung wird nur gelingen, wenn beide Seiten selbstkritisch sich ihrer eigenen Begrenzungen bewusst sind. Die Wissenschaft wird es sich in Zukunft mehr und mehr gefallen lassen müssen, selbst in Frage gestellt zu werden. (jk [15])


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http://www.heise.de/-4295160

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[1] https://www.heise.de/thema/Missing-Link
[2] http://www.nasonline.org/programs/sackler-colloquia/completed_colloquia/Science_Communication_III.html
[3] https://www.pnas.org/content/early/2019/01/11/1803726115
[4] https://cedmcenter.org/tools-for-cedm/informing-the-%20public-about-low-carbon-technologies/
[5] https://www.wissenschaft-im-dialog.de/forum-wissenschaftskommunikation/
[6] http://www.dfg.de/dfg_magazin/editorial/index.html
[7] https://www.pnas.org/content/early/2019/01/11/1805770115
[8] http://commons.wikimedia.org/wiki/File
[9] https://www.pnas.org/content/early/2019/01/11/1805874115
[10] https://pdfs.semanticscholar.org/ce91/a2cf9b7e05411fb5b1b9276b9aaf565bffb2.pdf
[11] http://symposium.uoc.edu/17275/detail/post-normal-science-symposium-barcelona.html
[12] https://www.iass-potsdam.de/de
[13] https://www.itas.kit.edu
[14] http://www.danielschimmelpfennig.com
[15] mailto:jk@ct.de