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Missing Link: Predictive Policing - Verbrechensvorhersage zwischen Hype und Realität

Zwischen Computer-Forensik und "Minority Report" bewegt sich die Polizei mit den Versuchen, Verbrechen vorherzusagen. Erfahrungen aus Praxis und Wissenschaft.

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(Bild: Ilkin Zeferli / shutterstock.com)

Inhaltsverzeichnis

Weltweit versuchen Sicherheitsbehörden, mit Hilfe von Methoden des so genannten "Predictive Policing" (PrePol), die Wahrscheinlichkeit für Verbrechen an bestimmten Orten und zu bestimmten Zeiten einzuschätzen. Dazu nutzen sie analytische Werkzeuge auf der Grundlage statistischer Evidenzen, Computerprogramme, die Wahrscheinlichkeiten ausrechnen. Haben sie die Einschätzung, reagieren die Behörden, beispielsweise indem mehr Beamte in einem Risikogebiet Streife gehen.

PrePol ist heutzutage weit verbreitet: So etwa setzen die meisten Polizeidienststellen in den USA entsprechende Methoden ein. Ebenso setzen die deutschen Strafverfolger auf Predictive Policing, und natürlich die österreichischen Behörden.

"Missing Link"

Was fehlt: In der rapiden Technikwelt häufig die Zeit, die vielen News und Hintergründe neu zu sortieren. Am Wochenende wollen wir sie uns nehmen, die Seitenwege abseits des Aktuellen verfolgen, andere Blickwinkel probieren und Zwischentöne hörbar machen.

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Es gibt allerdings einige Besonderheiten in Österreich gegenüber Deutschland. Hierzulande ist die Polizei weitgehend Sache der Länder, unser Nachbarland dagegen ist relativ zentralistisch: Also hat das dortige Bundeskriminalamt (BK) das Sagen, anders als in Deutschland, wo denn auch ganz unterschiedliche PrePol-Ansätze und -Systeme verwendet werden. Außerdem gibt es in Österreich eine sehr besondere Polizeidatenbank, den Sicherheitsmonitor (SiMo), worauf jeder Polizist in ganz Österreich Zugriff hat.

PrePol ist auch in Österreich umstritten. So stellt sich die Frage, welche Software man nutzt – es sind eine ganze Reihe Programme auf dem Markt. Außerdem gibt es mehrere Ansätze für Prognosen, je nachdem, welche kriminologischen oder soziologischen Annahmen man zugrunde legt. Schließlich ist die Erfolgskontrolle schwierig. Und letztlich unterstützt PrePol nur das, was die Polizei sowieso macht: Neuerungen sind unwahrscheinlich.

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Polizeibehörden weltweit setzen Predictive Policing bereits zur Voraussage von Verbrechenswahrscheinlichkeiten ein - und viele sind überzeugt von den Tools. Kritiker sehen die Ergebnisse aber nicht nur skeptisch, sondern befürchten auch, dass mit der "vorausschauenden Polizeiarbeit" durch Kollege Computer zunehmend Scoring und automatisierte Entscheidungen in die Strafverfolgung einziehen.

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Jacques Huberty ist Leiter des Büros für räumliche Kriminalanalyse und Geographic Profiling in der Abteilung Kriminalanalyse des Bundeskriminalamtes in Wien. "Wir haben drei große Bereiche, in denen wir Predictive Policing nutzen: seit dem Jahr 2004 die klassische Hot-Spot-Analyse und seit 2015 den Near-Repeat-Ansatz, und in diesem Jahr wollen wir auch mit dem Risk Terrain Modeling anfangen." Die Frage ist: Welche Methoden sind für welche Delikte sinnvoll?

In der Hot-Spot-Analyse identifiziert und untersucht man sogenannte Hot Spots, also Orte, an denen dauerhaft besonders viele oder ähnliche Delikte verübt werden. Pionier der Methode ist der israelisch-amerikanische Soziologe David Weisburd.

Hot Spots könne man leicht erkennen, aber die Frage sei, wann die Polizei davon profitiert, erklärt Jacques Huberty: "Im Grunde kann man diese Hot-Spot-Analysen in Bezug auf jedes Delikt anwenden, aber da muss man auch ein bisschen mit dem Menschenverstand arbeiten und bedenken, dass Taschendiebstähle natürlich vor allem in Tourismusgegenden begangen werden, also etwa in Wien im Ersten Bezirk. Und da braucht man im Grunde keine Hot-Spot-Karte, keine sogenannte 'Heat Map'." Für andere Delikte sei diese Methode dagegen durchaus sinnvoll: "Kfz Entfremdung, teilweise Körperverletzungen und vor allem Sachbeschädigungen, wenn wir im Graffitibereich unterwegs sind, das sind alles Deliktbereiche, für die Hot Spot-Analysen sinnvoll sind."

Der Near-Repeat-Ansatz geht davon aus, dass bei einer Straftat in einem Gebiet die Wahrscheinlichkeit für Folgetaten steigt. Diese Theorie wurde vor allem für Wohnungseinbrüche getestet und setzt voraus, dass Einbrecher rational handeln.

Auch in Österreich liegt der Fokus ihrer Anwender auf Wohnungs- und Wohnhauseinbrüchen, erklärt Huberty: "Dieses Phänomen des Near Repeat tritt meistens in der dunklen Jahreszeit auf, es beginnt ungefähr im November und zieht sich dann bis Februar oder März durch. Dann wird es früher dunkel, die Leute sind aber noch bei der Arbeit: Dann wird vermehrt eingebrochen."

Dies Phänomen trete in Europa ebenso wie in den USA auf, eigentlich weltweit. Und hier könne man die Prognosen dann genauer eingrenzen: "Wir schauen dann, gibt es Delikte, die zeitlich und räumlich beieinanderliegen? Die Algorithmen ergeben solche Prognosen, wir untersuchen das genauer und erstellen daraus Risikogebiete, in denen dieses Phänomen öfters vorkommt." In diesen Gebieten würden dann Polizisten, in Uniform oder in Zivil, Streife gehen, "um hier präventiv tätig zu werden, etwa um Menschen zu kontrollieren, die auffälliges Verhalten an den Tag legen."

Er ist zufrieden: "Wir arbeiten seit 2015 mit dem Near-Repeat-Ansatz und die Zahlen sprechen dafür, dass wir ziemlich großen Erfolg haben."