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Missing Link: Predictive Policing - Verbrechensvorhersage zwischen Hype und Realität

Big Data gegen Verbrechen

Inhaltsverzeichnis

Beim Risk Terrain Modeling (RTM) handelt es sich um eine Methode, um mithilfe von Techniken aus Geoinformationssystemen (GIS) die Beziehung von Verbrechen und Umgebungsfaktoren zu untersuchen. Bei dieser Methode nutzt man also auch Informationen, die nichts mit Verbrechen zu tun haben, sie geht in Richtung Big Data. Solche Umgebungsfaktoren können etwa die Nähe von Bars oder Parks sein oder auch eine Altbaubebauung mit unsicheren und schlecht gesicherten Kassettentüren. Methode – und Software – wurden vom Rutgers Centre on Public Security entwickelt.

Diese Methode ist umstritten, weil eben auch Daten einfließen, die Unbeteiligte betreffen. Und wenn ein Gebiet als "Risikofläche" bewertet wird, könnten dort Immobilienpreise und Mieten sinken, was – zumindest für Eigentümer – einen Nachteil bedeute. Dem hält Huberty entgegen: "Wir nutzen Flächen- und Verkehrsdaten, die zum Großteil sowieso öffentlich verfügbar sind. Außerdem untersuchen wir zwar den Modus Operandi, aber keine Individuen, wir nutzen keine personenbezogenen Daten. Und schließlich sind diese Risikoprofile, die erstellt werden, natürlich nur für den dienstlichen internen Gebrauch bestimmt. Da wird nichts öffentlich."

Es gehe um eine rein statistische Auswertung in Bezug auf die Delikte. Ein gutes Beispiel seien Verkehrsdaten: "Die haben nun einmal Einfluss, etwa auf Körperverletzungen" – so etwas geschehe eher in der Nähe einer Straßenbahn oder U-Bahn. Vor allem käme die Arbeit der Polizei letztlich jedem zugute.

In Österreich wurde in den Jahren 2013 bis 2015 ein Forschungsprojekt zum Thema PrePol durchgeführt. Die Österreichische Forschungsförderungsgesellschaft unterhält das österreichische Sicherheitsforschungsförderprogramm KIRAS (ein Kunstwort, zusammengesetzt aus den griechischen Worten kirkos (Ring) und asphaleia (Sicherheit)). In diesem Rahmen hat das JOANNEUM RESEARCH in Graz zusammen mit Projektpartnern das Projekt "Crime Predictive Analytics" (CriPA) durchgeführt, im Frühjahr 2015 wurde es getestet.

Die Koordination hatte die Mathematikerin und Statistikerin Ulrike Kleb vom JOANNEUM RESEARCH, ein insgesamt vierköpfiges Team führte das Projekt durch: "Wir sind ja eine Forschungsgruppe, die sich mit Datenanalyse und statistischer Modellierung beschäftigt; wir haben die Unterstützung des Bundeskriminalamtes und die passenden Projektpartner gewonnen." Projektpartner waren vom Bundesministerium für Inneres das Bundeskriminalamt Abt. II/BK 4, das Daten zur Verfügung stellte. Dazu kamen die SynerGIS Informationssysteme GmbH, die als österreichischer Vertreter von ESRI das Geoinformationssystem ArcGIS vertreibt, mit dem man räumliche Kriminalitätsdaten analysieren kann. Außerdem waren beteiligt der Interfakultäre Fachbereich Geoinformatik - Z_GIS der Universität Salzburg, und das Institut für Rechts- und Kriminalsoziologie (IRKS) für die Untersuchung der Einstellung der polizeilichen Akteure zu Methoden des PrePol.

"Räumlich haben wir uns in der Untersuchung auf Wien und Graz konzentriert, und hier auf Einbruchsdelikte sowie am Rande auch Raubdelikte", erklärt Ulrike Kleb. "Mithilfe von ArcGIS wurden Einbrüche visualisiert, räumlich und zeitlich, Muster ermittelt und Prognosen erstellt, wie wahrscheinlich es ist, dass in einem bestimmten Umkreis innerhalb der nächsten drei beziehungsweise sieben Tage wieder ein Einbruch verübt wird."

Das Ganze basierte hauptsächlich auf dem Near-Repeat-Ansatz: "Wir haben Risikofaktoren in den Daten überprüft und zum Teil auch Muster gefunden, und auf deren Basis dann eine Prognose erstellt, wie wahrscheinlich ist es, dass es in diesem Bereich wieder zu einem Einbruch kommt." Auf einer Karte wurden begangene Einbrüche eingetragen und Gebiete farblich markiert, in denen das Risiko für Einbrüche im nachfolgenden Monat besonders hoch war.

Philip Glasner hat gleichzeitig für SynerGIS und die Universität Salzburg am Projekt teilgenommen; SynerGIS hat auf Basis der Analysen eine Demonstrations-Software entwickelt. Diese wurde in zwei Testphasen überprüft, sowohl mit zukünftigen Prognosen als auch rückblickend mit nachträglichen Überprüfungen vergangener Prognosen. Dabei zeigte sich, dass die Demonstrationssoftware ungefähr so genaue Prognosen brachte wie man es aus der Fachliteratur von anderen Programmen kennt. Sie wurde von der Polizei zwar nicht übernommen, aber die Ergebnisse des Projektes haben Eingang gefunden in deren Arbeit, "das ist ein Erfolg", sagt Ulrike Kleb.

Mitarbeiter des IRKS führten offene mündliche Interviews mit Leuten aus unterschiedlichen Hierarchieebenen: "Bei einem halben Dutzend Kommissariaten hatten die Leute die Möglichkeit, uns ihre Sicht auszubreiten", sagt Arno Pilgram, Wissenschaftlicher Mitarbeiter beim IRKS. Und wie sah die aus? Grob gesagt, waren Polizisten auf dem Land skeptischer als in der Stadt, waren Ältere skeptischer als Jüngere, und waren Generalisten skeptischer als Spezialisten.

"Wir haben festgestellt, dass die Polizei eine höchst heterogene Organisation ist, und dass es da doch diskrepante Sichtweisen gibt, was die Perspektive betrifft, mit diesen Instrumenten zu arbeiten, es ging von begeisterter Aufnahme bis hin zu Skepsis", sagt Arno Pilgram. Zudem gab es auch Vorbehalte, die teils "auch aus Erfahrungen gespeist waren, dass solche Projekte auch manchen als Karrierevehikel oder als Hilfe bei Auseinandersetzungen im Konkurrenzkampf dienen, dass sie also nicht wirklich sachlich ehrlich gemeint sind."