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Missing Link: Predictive Policing – die Kunst, Verbrechen vorherzusagen

Was geschieht mit unseren Daten?

Inhaltsverzeichnis

Es bleiben eine Reihe offener Fragen. Drei Fragen scheinen in Bezug auf Predictive Policing derzeit besonders drängend zu sein. Erstens: Was geschieht mit unseren Daten? Und welchen Daten?

In den USA und England setzen Polizeieinheiten schon verbreitet personenbezogene Software ein. Das kann die Berechnung für einen Score sein, wie ihn auch Kreditinstitute nutzen. Das Chicago Police Department nutzt eine Strategic Subjects List, auch eine Risikoabwägung auf der Basis eines Score-Systems. "Die als Risikopersonen eingestuften Bürger werden von der Polizei besucht und vorgewarnt, das soll verhindern, dass die Prognose eintritt. Auch soziale Programme sollen die gefährdeten Personen auffangen."

Die Polizeien in Deutschland nutzen laut Bundesregierung nur nichtpersonenbezogene Daten zum jeweiligen Fall und sie fokussieren sich auf den Wohnungseinbruchdiebstahl (WED). Für diese Berechnungen, Prognosen und Alarmierungen nutzen sie phänomenbezogene historische Daten. Nun ja, das kann man auch anders sehen, je nachdem, wie man "personenbezogen" definiert. Das Bundeskriminalamt hat im Jahr 2017 ein Prognosesystem "RADAR-iTE" (Regelbasierte Analyse potenziell destruktiver Täter zur Einschätzung des aktuellen Risikos – islamistischer Terrorismus) vorgestellt. Die BKA-Sachbearbeiter ziehen möglichst viele Informationen zu Ereignissen aus dem Leben der Person heran und ordnen den Menschen nach festgelegten Regeln einer dreistufigen Risikoskala zu. Und das Verbundprojekt X-SONAR untersucht öffentlich zugängliche Internetforen, Chats und Instant-Messaging-Dienste, um Indikatoren zur Früherkennung und dynamischen Risikoeinschätzung herauszufinden. Ganz abgesehen vom Handeln der Behörden: Angesichts der Tatsache, dass es in Deutschland Scoring-Institute wie die Schufa gibt, und dass auch in Deutschland teilweise schon mit sozioökonomischen Daten gearbeitet wird, liegt die Vermutung nahe, dass hier auch Institute entstehen oder schon entstanden sind, die ähnlich arbeiten, aber nicht Kreditwürdigkeit, sondern Sicherheitsrisiken bewerten.

Zweite Frage: Noch gibt es kaum Auswertungen. Aber bislang sieht es so aus, als ob Predictive Policing so, wie es in Deutschland angewendet wird, die Kriminalität kaum senkt. Wird es ausgeweitet, damit man seine Wirkung sieht? Wenn ja: wie?

Die deutschen Studien und die österreichische Studie lassen den Schluss zu, dass Predictive Policing so, wie es jetzt bei uns angewendet wird, zumindest kein Allheilmittel ist. Das wäre natürlich auch nicht fair zu verlangen. Aber es wird verwendet, es wird mancherorts auf weitere Delikte ausgeweitet, und es werden teils auch soziökonomische Daten genutzt. Entsteht so eine effektivere Verbrechensbekämpfung? Macht es die Arbeit der Polizei effizienter? Vielleicht – aber um welchen Preis? Wenn die italienischen Polizisten potenzielle Räuber von einem ungünstigen Tatort zu einem günstigeren Tatort treiben, mag das effektiv sein. Aber ein leises Unbehagen bleibt. Nach welchen ethischen Grundsätzen arbeitet man hier?

Dritte Frage: Predictive Policing ist ein wachsender Markt – wie gestalten Politik und Gesellschaft die Entwicklung und Nutzung?

In seiner Abschiedsrede warnte Präsident Dwight D. Eisenhower 1961 vor einem "militärisch-industriellen Komplex", der mit dem Kalten Krieg herangewachsen sei. Droht jetzt womöglich ein polizeilich-industrieller Komplex heranzuwachsen? Predictive Policing ist auch innerhalb der Polizei ein politisches Thema.

Unmittelbarer droht ein polizeilich-industrieller Komplex sicherlich nicht. Nichtsdestoweniger zeigt sich immer wieder zweierlei: Erstens, dass die hohen Polizeiposten politisch besetzt werden. Zweitens hat die Politik Einfluss nicht nur auf die Besetzung, sondern auch auf die Arbeit der Polizei, und immer wieder wollen Politiker sich über Erfolge bei der Polizei profilieren. Und die Industrie versucht, die Politik zu beeinflussen. Mit Predictive Policing beackert die Industrie ein äußerst schwieriges Zukunftsthema – mit der Verbindung unterschiedlicher und ziemlich heikler Daten. Es sieht nicht so aus, als wären Politik und Gesellschaft auf das Thema besonders gut vorbereitet, was angesichts der zahlreichen neuen Polizeigesetze nicht gerade beruhigend ist.

Der Text dieses Artikels ist die leicht überarbeitete Version eines Vortrags beim Chaos Computer Club Dresden. Ich danke den Zuhörern für ihre Anmerkungen. (bme)