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Missing Link: Rest in Pixels – Der Tod bleibt hart und schmerzhaft

Wer heute stirbt, ist längst noch nicht tot. Chatbots, Hologramme oder Android-Klone versprechen ewiges Leben. Hilft das den Hinterbliebenen?

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Missing Link: Rest in Pixels – Der Tod bleibt hart und schmerzhaft

(Bild: T_ushar)

Inhaltsverzeichnis

Eugenia Kuyda und Roman Mazurenko waren allerbeste Freunde, rein platonisch. Die beiden russischen Seelenverwandten hatten sich im Moskauer Nachtleben kennengelernt, waren später im Startup-Fieber nach San Francisco ausgewandert und hatten Unternehmen gegründet. Als Mazurenko in der alten Heimat noch ein paar Formalitäten abwickeln wollte, passierte das Unglück: Am Ufer der Moskwa unweit des Kreml fuhr ihn ein Auto an, wenig später erlag er seinen schweren Verletzungen.

"Missing Link"

Was fehlt: In der rapiden Technikwelt häufig die Zeit, die vielen News und Hintergründe neu zu sortieren. Am Wochenende wollen wir sie uns nehmen, die Seitenwege abseits des Aktuellen verfolgen, andere Blickwinkel probieren und Zwischentöne hörbar machen.

Kuyda und Mazurenko hatten all die Jahre ihrer Verbundenheit intensiv per Messenger kommuniziert. Da der junge Mann an Dyslexie litt und es ihm schwer fiel, Texte oder Sprache auf Anhieb zu verstehen, ersetzte das Chatten oft sogar das persönliche Gespräch, wenn sie nebeneinander saßen. Der zum Zeitpunkt des Todes des Freunds 29-jährigen Russin blieb so ein riesiges Archiv ausgetauschter Nachrichten. Da sie damals dabei war, mit ihrer aufstrebenden Technikschmiede Luka einen digitalen Reservierungsassistenten für Restaurants zu entwickeln, kam ihr die Idee, mit der gesammelten Kommunikation und weiteren digitalen Erinnerungsstücken einen Chatbot zu füttern und dafür ein neuronales Netzwerk mit tausenden Zeilen Text zu trainieren.

Inspirieren ließ sich die Programmiererin von der Folge "Be right back" der TV-Serie Black Mirror, in der es um die Kreation einer Kommunikationsmaschine eines Verstorbenen mithilfe Künstlicher Intelligenz (KI) geht. So weit hergeholt fand Kuyda die Science-Fiction-Vorlage nicht und schuf mit ihrem Team einen Untoten in Form der "Roman"-App. Der Bot gibt sich ähnlich einfühlsam und interessiert an Mode sowie Architektur wie sein Vorbild, produziert aber teils reinen Unsinn. Mazurenkos Mutter war begeistert, fühlte sich trotz der technischen Schwächen direkt an ihren Sohn erinnert. Dessen Vater empfand es dagegen als schwer erträglich, Romans übliche Redewendungen von einem Programm zu lesen. Zudem antworte und reagiere der Bot manchmal schlicht "falsch", rügte er.

Eine "therapeutische Wirkung" auf sich und andere machte Kuyda trotzdem in dem Werkzeug aus. Es komme weniger darauf an, was das Programm von sich gebe. Wichtiger sei, dass es quasi zuhöre, wenn sich etwa ein Nutzer einsam fühle. Als allgemeiner ausgerichtetes Chatsystem hat die KI-Expertin daher mittlerweile "Replika" an den Start gebracht. Die als "dein KI-Freund" angepriesene App fragt Anwender zunächst nach ihren Vorlieben und Interessen und versucht so, ihre Nachrichtenstile zu imitieren.

Andere Startups wie Eternime tüfteln an Lösungen für Avatare von Lebenden und Verstorbenen. "Who wants to live forever?", lautet die offenbar rhetorisch gemeinte Frage auf der Webseite der Firma, die "virtuelle Unsterblichkeit" auf Erinnerungsbasis verspricht und bereits im Betastadium mit persönlichen Einladungen nach eigenen Angaben auf über 40.000 Nutzer kommt.

Moderatorin Teresa Sickert, Bestatterin Lea Gscheidel, Christopher Eiler (Columba) & Agnieszka Walorska (CreativeConstruction) (v.l.n.r.)

(Bild: heise online/Stefan Krempl)

Ähnlich wie Kuyda verfiel auch James Vlahos 2016 auf den Gedanken, im Angesicht des Todes eines ihm sehr nahestehenden Menschen Teile aus dessen Leben mithilfe eines Chatbots für die Nachwelt zu erhalten. Der US-Journalist erfuhr damals, dass sein 80-jähriger Vater an Lungenkrebs erkrankt war und voraussichtlich nur noch wenige Monate zu leben habe. Er ließ sich daher "die Lebensgeschichte" seines Vaters erzählen und erfuhr dabei neben ihm bereits bekannter Aspekte auch zahlreiche neue biografische Details. Die abgehörten Aufnahmebänder ergaben 91.970 Wörter, die ausgedruckt 203 Seiten füllten.

Schon als Elfjähriger war Vlahos, der das damalige Geschehen für Wired aufschrieb, von Eliza fasziniert, dem 1966 von Joseph Weizenbaum entwickelten Vorläufer heutiger Chatprogramme und Sprachassistenten. Dass der kritische Informatiker irritiert war, wie leicht Menschen der Maschine Mitgefühl unterstellten und so auf seinen "Taschenspielertrick" hereinfielen, wurde dem Medienmacher zwar später bewusst. Trotzdem dient ihm Eliza als Vorbild für den "Dadbot", den er nun selbst erzeugen will mithilfe des gesammelten Rohmaterials.

Einige Bedenken plagen Vlahos zwar noch. Seiner Erzählung nach sorgte er sich vor allem, "dass der Dadbot schlecht programmiert sein könnte". In diesem Fall würde der virtuelle Agent seine Familie "bestenfalls vage an den Mann erinnern, dem er nachempfunden" sei. Andererseits scheint der Vorsatz schon fast gefasst: "Sollte ein digitales Leben nach dem Tod ansatzweise möglich sein, ist die Person, die ich unsterblich machen möchte – mein Vater." Mithilfe der PullString-Software, die schon Barbie & Co. das Sprechen beigebracht hat, macht er sich ans Werk und kreiert Regeln und Metavorgaben für die Wiedergabe der aufgenommenen Sätze und Audiodaten.

Ein Ziel steht dem Hobby-Programmierer dabei insbesondere vor Augen: Er möchte, "dass der Dadbot wenigstens den Anschein erweckt, als besitze er menschliche Wärme und die Fähigkeit zur Empathie". Zudem soll das Programm auch aktiv die Richtung des Gesprächs bestimmen und über ein "rudimentäres Verständnis von Zeit" verfügen können. Wenige Monate später ist ein Prototyp des Bots auf Facebook-Messenger soweit, dass er getestet werden kann. Die Mutter als Versuchskaninchen ist rasch angetan von dem Austausch, nachdem das Chatsystem ihr eine für ihren Gatten so typische Grammatiklektion erteilt.

Der kurze Zeit später sterbende Vater selbst arrangiert sich ebenfalls mit dem Programm und findet, dass sich dieses "authentisch" anfühle. Dad habe es als tröstlich empfunden, dass der Bot anderen Menschen und vor allem den Enkeln Geschichten aus seinem Leben mitteilen könne, notiert der Sohn. Vlahos selbst ist sich nach dem gemachten Erfahrungen sicher: "Zukünftige Bot-Generationen werden wesentlich besser mit dem Material hantieren können, das ihnen eingepflegt wurde. Sie werden lange Unterhaltungen führen können, werden sich an das erinnern können, was gesagt wurde, und werden vorausahnen, wohin das Gespräch sich entwickeln wird."

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