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Missing Link: Technologie-Rekuperation, oder: Wie subversive Technologien absorbiert werden

"Geschichten aus der Rekuperation": Wie der Kapitalismus subversive Technologien schluckt. Beispiel: GitHub ein Jahr nach der Übernahme durch Microsoft

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Die Freiheit führt das Volk, 28. Juli 1830

(Bild: Eugène Delacroix, Musée du Luxembourg, Paris)

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Anfang Juni 2018 gab Microsoft den Ankauf der Code-Plattform GitHub bekannt. Anders ausgedrückt: Das größte Code-Repository der Welt, eine Art Basislager für alle diejenigen, die mit Software etwas anderes vorhaben als schlicht Profit machen, wird ausgerechnet von dem Konzern übernommen, der wie kein anderer für das Milliardengeschäft mit proprietären Software-Lizenzen steht.

"Missing Link"

Was fehlt: In der rapiden Technikwelt häufig die Zeit, die vielen News und Hintergründe neu zu sortieren. Am Wochenende wollen wir sie uns nehmen, die Seitenwege abseits des Aktuellen verfolgen, andere Blickwinkel probieren und Zwischentöne hörbar machen.

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Immer wieder kommt es vor, dass neue Techniken, Erfindungen oder Konzepte Hoffnungen wecken, sie würden wahlweise die Macht von großen Konzernen einschränken, zu mehr Demokratie und Gerechtigkeit führen, kurz: aus der Welt einen besseren Ort machen. Zur Jahrtausendwende bekundete der damalige US-Präsident Bill Clinton solcherart technologische Zuversicht: "Im neuen Jahrhundert wird sich die Freiheit durch Mobiltelefon und Kabelmodem verbreiten." Das Internet, Open-Source-Software, Peer-to-Peer-Anwendungen – Die Liste an technologischen Hoffnungsträgern, von denen ihre Zeitgenossen wundersame Wirkungen erwarteten, ist lang.

Gerne wird auf das Motiv des Ausschlusses von Vermittlern zurückgegriffen, deren Beseitigung wundersame Wirkungen zugeschrieben wird. So behauptete etwa der kanadische Management-Guru Son Tapscott 1996: "Die Mittlerfunktionen zwischen Produzenten und Konsumenten werden durch digitale Netzwerke ausgeschaltet." Tatsächlich haben wie seitdem eher das Gegenteil erlebt: Auf den netzneutralen Protokollen des Internets aufbauend sind neue Gatekeeper entstanden, die mächtigen und zu Monopolen gewordenen Plattformen der Digitalkonzerne.

Ein Beitrag von Timo Daum

(Bild: Timo Daum/Fabian Grimm)

Timo Daum, geboren 1967, studierte Physik an den Universitäten Karlsruhe und Hamburg. Seit 2004 ist er als Dozent in den Bereichen Wirtschaftsinformatik und zu Themen der Digitalen Transformation an Fachhochschulen im In- und Ausland tätig. Er arbeitet zudem u.a. als Multimedia-Designer und Anwedungsentwickler. Nach seinem Buch "Das Kapital sind wir: Zur Kritik der digitalen Ökonomie" ist gerade "Die Künstliche Intelligenz des Kapitals" bei der Hamburger Edition Nautilus erschienen.

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Tapscott zeigt sich von solchen Entwicklungen gänzlich unbeeindruckt und hat schon die nächste Technologie ausgemacht, mit der es diesmal klappen soll mit der Weltverbesserung: "Die Blockchain Revolution. Wie die Technologie hinter Bitcoin nicht nur das Finanzsystem, sondern die ganze Welt verändert", heißt sein neues Buch. Meiner Skepsis, ob es mit dieser Technologie klappen wird, habe ich bereits in einem "Missing Link" Ausdruck gegeben.

Eins wird jedenfalls deutlich: Der Kapitalismus hat es noch jedes Mal geschafft, neue Technologien mitsamt ihrer Potenziale und Dynamiken zu integrieren. Ein besonders schönes Beispiel für eine beeindruckende feindliche Übernahme einer revolutionären, widerständigen Technologie durch einen kapitalistischen Player jährt sich derzeit zum ersten Mal und ist deshalb wert, einmal aus dieser Perspektive gewürdigt zu werden.

Der Software-Riese aus Redmond galt lange Zeit als das Hassobjekt Nummer eins der Software-Szene. Hatte doch Bill Gates als Fünfundzwanzigjähriger IBM mit einem Software-Deal über den Tisch gezogen und damit nicht nur das Software-Imperium Microsoft begründet, sondern auch die Ära lizenzierter Software eingeläutet. Beim berühmten IBM-Deal im Jahr 1980 gelingt dem jungen Bill Gates ein kluger Schachzug, der sich als größte und gewinnbringendste Geschäftsidee der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts erweisen sollte. Er kaufte das Betriebssystem QDOS vom Programmierer Tim Paterson für 50.000 Dollar, inklusive Quellcode und sämtlicher Nutzungsrechte. Ein guter Geschäftsmann oder eine gute Geschäftsfrau hätte daraufhin wahrscheinlich versucht, das leicht veränderte Programm für einen deutlich höheren Preis an IBM weiterzuverkaufen.

Nicht jedoch Bill Gates. Er war im Gegensatz zum IBM-Management davon überzeugt, dem PC stünde eine goldene Zukunft und der Durchbruch im Massenmarkt für die gerade entstehenden Personal Computer bevor. Er bot ihnen ein Lizenzmodell an: Microsoft erteilte IBM einfache Nutzungsrechte und erhielt pro verkauftem IBM-PC eine Lizenzgebühr – und obendrein kostenlose Werbung, war doch der mit dem Microsoft-Logo versehene Bootscreen ab sofort und jeden Tag aufs Neue das erste, was PC-Benutzer zu sehen bekamen. Zusätzlich konnte Gates allen anderen PC-Herstellern, also IBMs Konkurrenten, den gleichen Deal anbieten, dem diese ebenso bereitwillig zustimmten.

Der Rest ist Geschichte: Die PC-Revolution brach aus, IBM verkaufte Millionen der neuen Geräte und die Konkurrenz ebenso. Sie lieferten sich dabei einen Preiskrieg der als clone war in die Geschichte eingegangen ist, einzig Microsoft profitierte von den Erfolgen beider Seiten. Microsoft erlangte eine Monopolstellung im Bereich PC-Betriebssysteme und Büroanwendungssoftware, die bis heute anhält, und Bill Gates wurde zum reichsten Mann der Welt. Die Firma ist wegen dieser Rolle als Erfinder und maximaler Profiteur von Software-Lizenzierung seitdem beliebtestes Hassobjekt der Gegenbewegung.

Die kollektive Entwicklung von Software, deren Quellcode offen für alle zugänglich ist, die lizenzfrei vertrieben, verändert und zweckentfremdet werden kann, ist das Credo der Gegenseite. Der Linux-Begründer Linus Torvalds initiierte im Jahr 2005 ein Projekt, dessen Ziel ein frei verfügbares Tool für Software-Entwicklung war, das Versionierung ermöglichte, also die Möglichkeit, Entwicklungsstufen zu dokumentieren. Das Projekt bekam den Namen Git und sollte die Verwaltung von Code-Versionen erleichtern und die Koordinierung und Synchronisierung vieler parallel am gleichen Quellcode Arbeitenden ermöglichen.

Vorläufer gab es schon lange, bereits 1972 wurde SCCS erfunden, das erstmals die Möglichkeit bot, ein automatisches Protokoll des Entwicklungsprozesses zu erzeugen. Mit SCCS konnten auch bereits mehrere Personen am gleichen Code arbeiten, wenn auch nicht simultan. Parallele Veränderungen ("branches") waren mögliche, deren Zusammenführung ("merge") und das nachfolgende Einspeisen bzw. Konsolidieren ("commit") musste allerdings immer noch einzeln und von Hand geschehen.

Neu bei Git ist zudem die Dezentralität, es ist als distribuierter Service konzipiert, und erinnert darin etwa an das Design der Blockchain. Es gibt also keinen zentralen Server, alle Beteiligten haben lokal die komplette Version eines Projekts zur Verfügung.

Git stellt sicherlich eine der wichtigsten Innovationen im Bereich Software-Entwicklung dar, seit Margaret Hamilton aus dem Programmieren eine Ingenieurswissenschaft machte. Torvalds Projekt setzte sich – wie so oft bei konkurrierenden Technologien, nicht unbedingt nur auf Grund von sachlichen Kriterien, weltweit gegen die Konkurrenz (etwa von SVN) durch. Gutes Marketing und ein berühmter Name trugen wohl ihren Teil zum bei.