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Missing Link: Trons Tod – Eine weitere Spurensuche nach 20 Jahren

Vor 20 Jahren wurde in einem Berliner Park die Leiche eines jungen Hackers gefunden. Um den Tod von "Tron" ranken sich bis heute viele Gerüchte.

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Missing Link: Trons Tod, eine weitere Spurensuche nach 20 Jahren

(Bild: pixabay.com)

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Für die einen war "Tron" eine Lichtgestalt, die ein neues Zeitalter einläutete und seine Jünger in ein Tronland mit einem Tron-Cryptofon und einer Tron-Währung führte. Für die anderen war er ein Student, der seinen Mitstudenten "in Zehnerpotenzen" überlegen war. Für eine andere Gruppe war er die Nemesis schlechthin, drohte er doch, mit seinen Hacks das gesamte Pay-TV-Business in der Orkus zu versenken. Natürlich kann man auch die Wkipedia konsultieren und findet eine weitere, seltsam klingende Lesart: "Trons früher Tod verhinderte die Weiterentwicklung des Cryptophons zum Cryptron, das zum kommerziellen Massenprodukt für die Nutzung im Internet werden sollte." Eine Spurensuche.

"Missing Link"

Was fehlt: In der rapiden Technikwelt häufig die Zeit, die vielen News und Hintergründe neu zu sortieren. Am Wochenende wollen wir sie uns nehmen, die Seitenwege abseits des Aktuellen verfolgen, andere Blickwinkel probieren und Zwischentöne hörbar machen.

Am 22. Oktober 1998, einem Donnerstag, fand ein Spaziergänger mit seinem Hund in einem kleinen Park im Süden Berlins die Leiche eines jungen Mannes, der sich offenbar mit einem Gürtel erhängt hatte. Die alarmierte Polizei sicherte den Fundort, rief ein Bestattungsunternehmen und nahm die Ermittlungen auf. Schnell stellte sich heraus, dass der Tote ein gewisser Boris F. war, der bereits seit Samstag, den 17. Oktober von seiner Mutter als vermisst gemeldet wurde.

Nicht ganz so schnell verlief die weitere Klärung der Umstände. Die auf Weisung der Staatsanwaltschaft durchgeführte Obduktion fand erst am Freitag statt. Die Mediziner legten sich fest, dass Tron am Mittwoch oder in der Nacht zum Donnerstag starb und der Tod durch Erhängen herbeigeführt wurde. Darauf deuteten typische Blutungen durch Zerrung am Kopfbandmuskel hin. Spuren von Gewaltanwendungen durch Dritte finden die Mediziner nicht, auch keine Griffspuren, die darauf hindeuten könnten, dass der 26-jährige Hacker nach seinem Tod an den Fundort der Leiche transportiert wurde. Noch unverdaute Spaghetti und Salatreste deuteten für die Obduzierenden darauf hin, dass er kurz vor seinem Tod noch eine Mahlzeit zu sich nahm.

Tron, wie sich der Hacker nach dem Computerprogramm Tron im gleichnamigen Disney-Spielfilm nannte, war zum Zeitpunkt seines Todes für die Polizei kein Unbekannter. Er war 1995 aufgefallen, als er mit einem Freund eine Telefonzelle demolierte. Bei der Durchsuchung seiner Taschen fand man drei Chipkarten, die sich als gefälschte Telefonkarten entpuppten, mit denen unbegrenzt telefoniert werden konnte. In einem Wagen fanden sich zudem Platinen, die offenbar aus anderen demolierten Telefonzellen stammten.

Ein Polizeikommissar, selbst gelernter Programmierer, vermutete einen systematischen Betrug und holte sich die Genehmigung für eine Hausdurchsuchung bei Tron. Die Polizisten fanden dort Schaltpläne, Platinen, Trons Computer – und Tron selbst, der wie ein Kind litt, als ihm sein Rechner weggenommen wurde. Im anschließenden Verhör schilderte Tron sein Vorgehen und ließ so etwas wie Stolz erkennen. Er bekam Ende 1995 eine sechsmonatige Haftstrafe auf Bewährung und die Medienberichterstattung über den jungen Hacker-Star begann.

Mit Freunden besuchte Tron 1997 das Hacker-Festival Hacking in Progress (HIP) in den Niederlanden und berichtete recht freimütig über seine Arbeit. "Deutschlands erster 'staatlich anerkannter Hacker' hat in seinem schwarzen Köfferchen jedoch nicht nur diverse, selbst entwickelte Geräte dabei, sondern verrät auch die Formel einer chemischen Lösung, mit der Chips unbeschadet aus ihrem Plastikbett geholt werden können. Für Phone Phreaks ein absolutes Highlight. Am folgenden Tag trifft man sich in einer eher privaten Runde im großen Zelt. Code-Nummern werden gehandelt, verschiedene Tricks ausgetauscht," heißt es in dem Telepolis-Bericht vom Festival. Gegen Ende des Films Hacks von Christine Becker ist Tron ca. bei Minute 60 mit leicht verzerrter Stimme vom HIP-Festival zu hören: "Ich bin der erste, der das deutsche Telefonkartensystem geknackt hat. Das deutsche System ist eines der sichersten, das schwerste in Europa."

Nicht nur das deutsche Telefonkartensystem interessierte Tron, auch die Sicherheitstechnik deutscher Decoder für das Pay-TV wollte er umgehen. In der "Datenschleuder", der Hauspostille des Chaos Computer Clubs, veröffentlichte er im September 1997 unter dem Titel Hacking Digital TV (PDF-Datei, S. 16) eine Beschreibung, wie sich die Nokia dBox des damals von Bertelsmann und der Kirch-Gruppe betriebenen Senders Premiere hacken ließ. Das Thema wurde von Tron vertiefend auf dem 14. Chaos Communication Congress (14C3) vorgestellt.

Während dieser aufregenden Zeit beschäftigte sich Tron aber auch mit seiner Diplomarbeit, die er im Wintersemester 97/98 im Fachbereich technische Informatik an der Technischen Fachhochschule Berlin (heute Beuth Hochschule für Technik) einreichte. Die Realisierung einer Verschlüsselungstechnik für Daten im ISDN B‑Kanal, so der Titel der Arbeit, bestand eigentlich aus zwei Teilen. Im ersten Teil einer eigenständigen Diplomarbeit sollte der Signalisierungskanal des damals fortschrittlichem ISDN-System im Detail analysiert werden, im zweiten Teil sollte Tron sein Datenschutzkonzept entwickeln. Tron beschrieb seinen Teil so: "Es ist daher die Aufgabe dieser Diplomarbeit, ein Konzept zu entwerfen, bei dem die Sprachübertragung beim telefonieren gegen Manipulationen jeglicher Art so geschützt wird, daß die beteiligten Telefoniepartner eine Manipulation erkennen können und eine Interpretation der Nutzdaten einem Dritten erschwert wird."

Eine zweite Diplomarbeit sollte den D-Kanal von ISDN untersuchen, über den die Steuerinformationen zum Auf- und Abbau eines Gespräches oder einer Datenfernübertragung liefen. Nur dann, wenn es gelingt, auch in diesem Kanal Manipulationen jeglicher Art auszuschließen, wäre das gesamte System womöglich sicher gewesen. Leider wurde dieser Teil des Bürger-Sicherungsprojekts nie geliefert. In ziemlicher Eile musste Tron zum nahenden Abgabetermin seiner Arbeit etwas realisieren, das sehr unfertig und dem Perfektionisten ein Graus war. Er schrieb: "Das hier programmierte D‑Kanal-Protokoll arbeitet nur provisorisch und sollte nicht ohne weitere Verbesserungen eingesetzt werden." Auf gut Deutsch: Das System war unsicher und entsprach absolut nicht dem von Tron im Deckblatt der Arbeit geäußerten Anspruch, die Privatsphäre aller Kommunikationsteilnehmer mit Verfahren zu sichern, mit denen Sprach-, Fax- und Computerdaten inklusive des Verbindungsauf- und Abbaus verschlüsselt wurden.

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