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Missing Link: Viele Falten - wieso Vielfalt ein eigener Wert ist

Vielfalt? Diversity? Wir sollten öfter erklären, warum sie ein Wert ist. Und warum es manchmal richtig ist, an der individuellen Intelligenz zu zweifeln.

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Missing Link: Viele Falten - wieso Vielfalt ein eigener Wert ist

(Bild: SplitShire, gemeinfrei )

In den letzten Jahren stand überall die Förderung von "Vielfalt" ("Diversity") auf den Programmen der Firmen, Politiker und Gesellschaftsrechtler. Da es den Förderern offenbar als selbstverständlich erschien, erklärten sie nicht, warum Vielfalt ein Wert ist oder was er dem Rezipienten konkret wert sein könnte. Das lernte ich erst bei der Lektüre von "Social Architecture" von Pieter Hintjens, in dem er über Aufbau und Pflege von Communities schreibt.

"Missing Link"

Was fehlt: In der rapiden Technikwelt häufig die Zeit, die vielen News und Hintergründe neu zu sortieren. Am Wochenende wollen wir sie uns nehmen, die Seitenwege abseits des Aktuellen verfolgen, andere Blickwinkel probieren und Zwischentöne hörbar machen.

Schon der alles andere als uneitle Isaac Newton sagte von sich: "Wenn ich weiter schaute, so nur, weil ich auf den Schultern von Riesen stand." Ohne die Arbeit der wissenschaftlichen Gemeinschaft vor ihm hätte er jedes Rad neu erfinden müssen, jedes Zahnrad, jedes metaphorische Bauteil der theoretischen Physik. Selbst damals konnte sich niemand mehr einbilden, von Null an ohne die Riesen der Vergangenheit die Grenzen des menschlichen Wissens zu erweitern. Newton spricht von der Gesamtheit der wissenschaftlichen Gemeinschaft über die Zeit bis zu seinen Beiträgen. Die meisten Vorgänger sind ebenso tot wie Pieter Hintjens, aber ihre Werke sprechen für sie. Das Argument gilt jedoch auch oder gerade für Gemeinschaften der Lebenden, denn Lebende widersprechen aktiv.

Hintjens ging der knackigen Rhetorik halber so weit, zu sagen, er zweifle an der Intelligenz des Einzelnen an sich. Als überdurchschnittlich intelligenter Mensch sah er immer wieder, dass er Fehler machte wie alle Anderen, nur eben überdurchschnittlich verknotet. Wie alle Anderen war er zudem am blindesten für Dinge, die er für allgemein selbstverständlich hielt, obwohl sie das nur lokal waren. In einer gesunden Wissens-Gemeinschaft gleichen sich solche Fehler im Mittel aus. Individuen weichen vom Mittel ab mit ihren jeweils ganz eigenen Stärken und Schwächen. Wie im Chor ergibt sich aus der Masse häufig ein stimmiges Gesamtwerk, und wie im Chor kann das Gesamtwerk stimmig sein, obwohl kein Mitsinger richtig singt. Nur dürfen für diesen Effekt eben nicht alle Individuen gleich sein ("Wir sind alle Individuen!").

(Bild: Gerd Altmann, gemeinfrei )

Eine zu homogene Gruppe trifft schnell auf die Grenzen ihrer Erfahrungswelt, am schnellsten natürlich eine Einzelperson. Als kürzlich die DNS des vor 10.000 Jahren verstorbenen "Cheddar-Mannes" analysiert wurde, des "ersten modernen Briten", wie ihn National Geographic nannte, waren viele Leser verblüfft von den Resultaten: Der Mann hatte damals dunkelbraune Haut und blaue Augen. Das verblüfft heutige Briten, deren Haut meist hell ist und deren Augen braun, denn sie kennen ja nur die aktuelle Normalität. Genetiker dagegen verblüffte es gar nicht, denn die Gene für hellere Haut verbreiteten sich in Europa erst viel später, wahrscheinlich als Anpassung an die geringere UV-Exposition, damit die Haut mehr Vitamin D bildet.

Jetzt schauen wir aber einmal in die Museen, in die Bücher über die vorzivilisatorische Zeit: Meistens tragen Darstellungen von europäischen Steinzeitmenschen helle Haut, die es damals so noch nicht gab. Solche Fehldarstellungen passieren selten aus Bosheit, sondern aus der begrenzten Vorstellung der Gruppen, die sie erstellen. In entsprechenden Büchern in Pakistan schauen die Steinzeitmenschen sicherlich anders aus. Diese Art von Fehlannahmen aus als selbstverständlich genommenen Vorurteilen kann die Forschung nur durch eine möglichst vielfältige Zusammensetzung ihrer Gemeinschaften umgehen. Ein Genetiker unter Archäologen hätte zu den Exponaten einwerfen können: "Diese Haut ist zu hell." Wirtschaftsunternehmen profitieren von denselben Vorteilen.

(Bild: unclelkt, gemeinfrei )

Diese Ansicht sperrt sich dem in Geschichten denkenden Gehirn des Menschen, wie die meisten Wahrheiten, die erst die Statistik aufdeckt. Viel widerstandsärmer lässt es in sich schlüssige Narrativa durch. Eins der beliebtesten: der einzelne Held, der das Rad des Fortschritts weiterdreht, während seine Zeitgenossen ihn nur behindern. Elon Musk hat das moderne Elektroauto erfunden. Steve Jobs hat das Smartphone entwickelt. Mark Zuckerberg war der Begründer sozialer Netzwerke. Und so weiter mit Beispielen, die sich für Laien alltäglich anhören, während sich Experten die Haare raufen müssen.

Ein Beitrag von Clemens Gleich

Clemens Gleich saß vor langer Zeit als c't-Redakteur in einem Büro des Heise-Verlags, bevor ihn einschneidende Erlebnisse dazu brachten, fürderhin in den Sätteln von Motorrädern sein Geld zu verdienen. Doch einmal Nerd, immer Nerd: Als freier Autor schreibt er immer noch über Computerthemen. Und das ganze Drumherum an gesellschaftlichen und politischen Auswirkungen.

Dass sich in diesen fraglos außergewöhnlichen Menschen die Entwicklungen ihrer Zeit kristallisieren, hört der innere Geschichtenerzähler bereits ungern: zu statistisch. Unsere Fixierung auf gute Geschichten ist durch und durch menschlich, wenn auch ein bisschen schade, weil unsere Heldensagen von all jenen ablenken, deren Arbeit im Hintergrund solche Kristalle erst möglich macht.

Mein lokaler Held heißt ja auch Pieter Hintjens für seine Erläuterungen. Er hat die Vielfalt aber nicht erfunden, auch nicht die gesellschaftliche Entwicklung, den ihr innewohnenden Wert zu erkennen. Er ist nur mein persönlicher Kristall gewesen. Immerhin hat er mich motiviert, mehr auf das Substrat zu achten, auf dem solche Gebilde überhaupt wachsen können. (jk)

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