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Missing Link: Von Embodied Intelligence, Superintelligenzen und der Angst vor der starken KI

Eine maschinelle Superintelligenz, die sich menschlicher Kontrolle entzieht? Keine absurde Vorstellung. Aber Bangemachen gilt nicht. Ignorieren schon gar nicht.

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Künstliche Intelligenz

(Bild: agsandrew / shutterstock.com)

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Sie nehme das Thema Künstliche Intelligenz "sehr ernst", behauptet die Bundesregierung und fügt in ihrer Erklärung zur "KI-Strategie" ausdrücklich hinzu: "In jeder Beziehung." Mit Verlaub: Zumindest dieser Nachsatz stimmt nicht. Und das wiederum nährt Zweifel an der generellen Ernsthaftigkeit.

Im offiziellen Textdokument vom November 2018 erklären die Verfasser der Strategie bereits im Vorwort klar und deutlich, in welcher Beziehung sie Künstliche Intelligenz (KI) nicht ernst nehmen: Sie folgen der in der Informatik üblichen Unterscheidung von "starker" und "schwacher" KI und schreiben: "Die Bundesregierung orientiert sich bei ihrer Strategie an der Nutzung der KI für die Lösung von Anwendungsproblemen und damit an den Positionen der ‚schwachen' KI."

"Missing Link"

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Ziel der Bundesregierung, so heißt es an anderer Stelle, sei "eine verantwortungsvolle und gemeinwohlorientierte Entwicklung und Nutzung von KI". Aber ist das überhaupt möglich, wenn die starke KI von vornherein ausgeklammert wird? Ich bezweifle das.

Zur Erläuterung: Starke und schwache KI sind etwas unglücklich formulierte, aber weithin verbreitete Bezeichnungen verschiedener Forschungsansätze. Es ließe sich auch von Grundlagenforschung und anwendungsorientierter Forschung sprechen: Die starke KI geht davon aus, dass es grundsätzlich möglich sein könnte, künstliche Systeme zu entwickeln, deren kognitive Fähigkeiten denen des Menschen ebenbürtig oder sogar überlegen sind.

Die Erforschung solcher Systeme eröffnet zugleich einen Weg, das Wesen des Denkens und der Intelligenz selbst zu verstehen. Die schwache KI dagegen konzentriert sich auf die Entwicklung von Verfahren zur Lösung spezifischer Aufgaben, etwa die Erkennung von Gesichtern in Bilddatenbanken, die Empfehlung von Produkten anhand von Userprofilen oder auch die Zielverfolgung in Waffensystemen.

(Bild: sdecoret / shutterstock.com)

Ein wichtiger Aspekt der starken KI ist die mögliche Entstehung einer Superintelligenz, die sich rasch der menschlichen Kontrolle entziehen könnte. Die Folgen wären unabsehbar, gleichwohl ist klar, dass alle zukünftigen Generationen mit ihnen leben müssten. Wie kann die Bundesregierung ihre KI-Strategie allen Ernstes als "nachhaltig" preisen, wenn sie diese Möglichkeiten nicht einmal erwähnt?

Natürlich sind die Regierungsvertreter nicht allein für diesen blinden Fleck verantwortlich. Schließlich haben sie sich durch Experten beraten lassen, die offenbar mehrheitlich nicht an die Möglichkeit einer Superintelligenz glauben und teilweise auch schon der Idee, KI könne sich zu einer empfindungsfähigen technischen Lebensform mit eigenem Bewusstsein entwickeln, energisch widersprechen.

Aber das bleibt eben ein Glaube, mit Gewissheit ausschließen kann diese Möglichkeiten niemand. In den mittlerweile zwanzig Jahren, die ich die Entwicklung der Robotik und KI als Reporter verfolge, habe ich jedenfalls kein Argument gehört, das mich überzeugt hätte. Maschinen-Intelligenzen auszuschließen, das erinnert etwas an die angeblich nicht existenten "Schwarzen Schwäne" - spätestens seit Nassim Taleb sollte eigentlich "die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse" ins allgemeine Bewusstsein gedrungen sein.

Gewachsen ist in dieser Zeit dagegen mehr und mehr die Überzeugung, dass die Forschungen zur starken KI mit dem Ansatz der Embodied Intelligence einen ausgesprochen erfolgversprechenden Weg eingeschlagen haben. Diese Forschungsrichtung geht davon aus, dass Intelligenz an einen Körper gebunden ist und aus dem Zusammenspiel von Wahrnehmung der Welt und ihrer gezielten Veränderung hervorgeht. Wer wirkliche, allgemeine – meinetwegen: starke – KI schaffen will, muss Roboter bauen, die im unermüdlich wiederholten Durchlaufen dieser "sensomotorischen Schleife" (Wahrnehmen – Denken – Handeln) lernen, sich sinnvoll in der realen Welt zu verhalten. Der humanoide Roboter iCub steht für diesen Ansatz, ebenso wie der alljährlich ausgetragene Wettbewerb RoboCup, der zugleich der Embodied Intelligence eine Bühne bietet, wo deren Fortschritte quasi in Echtzeit verfolgt werden können.