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Missing Link: Von Embodied Intelligence, Superintelligenzen und der Angst vor der starken KI

Maschinen-Intelligenz

Inhaltsverzeichnis

Gegen einzelne KI-Verfahren wird gelegentlich eingewandt, dass es sich dabei ja gar nicht um Intelligenz handle, sondern nur um einen Algorithmus. Darauf lässt sich aus Sicht der Embodied Intelligence erwidern: Wahrscheinlich ist Intelligenz nichts anderes als ein Algorithmus, der beschreibt, wie Wahrnehmung und Handeln miteinander verknüpft sein müssen, um beide nach und nach zielgerichteter und planvoller werden zu lassen. Möglicherweise ist es eine überraschend einfache Formel, die für das Verständnis der Kognition am Ende eine ähnlich revolutionäre Wirkung hat, wie E=mc2 für das Verständnis von Zeit und Raum.

Aus diesem Grund kann auch der Einwand, dass eine leidensfähige KI oder eine Superintelligenz zeitlich wahrscheinlich noch weit entfernt seien, nicht beruhigen. Denn eine solche KI muss nicht das Ergebnis gezielter Forschungen sein. Sie mag auch unbeabsichtigt und ungeplant – und vor allem: sehr plötzlich – aus dem Zusammenspiel der vielen spezialisierten Einzelanwendungen "schwacher" KI hervorgehen, wenn die durch eine solche Formel des Denkens auf einmal in kürzester Zeit zu einer allgemeinen, superintelligenten KI vernetzt werden können. Unwahrscheinlich? Vielleicht. Aber eben auch nicht ausgeschlossen.

(Bild: metamorworks / shutterstock.com)

Selbst wenn wir mit Sicherheit wüssten, dass die Superintelligenz noch 50 Jahre oder ferner in der Zukunft liegt, muss sie uns daher heute schon beschäftigen. Schließlich legen wir heute ihr Fundament, treffen grundlegende Entscheidungen zu ihrer Architektur, definieren technologische Entwicklungspfade, die spätere Generationen nicht oder nur mit größter Mühe wieder verlassen können.

Auch in dieser Hinsicht ist das Ausblenden der starken KI und insbesondere der Embodied Intelligence ein fataler Fehler. Wenn es stimmt, dass das Denken durch den Körper geformt wird (wofür nicht nur Erkenntnisse aus der Informatik, sondern auch der Biologie und Psychologie sprechen), was für eine Art von Intelligenz soll dann aus den bewaffneten Drohnen und anderen Robotern hervorgehen, die sich Vertreter des Militärs so sehnlich wünschen? Müssen wir nicht gerade angesichts des noch wenig ausgereiften Entwicklungsstandes der KI mit solchen Maßnahmen extrem vorsichtig sein? Unsere Kinder lassen wir nicht einmal mit Spielzeuggewehren spielen, einen Roboter aber statten wir bereits auf einem kognitiven Niveau, das nicht einmal dem eines Säuglings entspricht, mit tödlichen Waffen aus.

Ein kleiner Einschub: Es ist zudem nicht nur ein Zeichen der Angst vor starker KI, sondern auch von anthropozentristischer Arroganz, zu vermuten, maschinelle Intelligenz sähe ihre vornehmste Aufgabe darin, menschliche Intelligenz zu reproduzieren. Hier sei ausnahmsweise mal ein Verweis auf möglicherweise doch prognostische Fähigkeiten moderner Science Fiction erlaubt: Bei aller Kritik an seinen langatmigen Space Operas ist es einer der äußerst spannenden Aspekte in Alastair Reynolds "Poseidons Kinder"- Trilogie, wie die unabhängige Entwicklung einer Maschinenintelligenz als eigenständige Spezies beschrieben wird.

Auf einer vom Future of Life Institute im Januar 2017 organisierten Konferenz in Asilomar zu "Beneficial AI" (Segensreiche KI) wurden 23 Grundsätze für die Entwicklung von KI verabschiedet, die bisher von über 1200 KI-Forschern und mehr als 2500 weiteren Personen unterzeichnet worden sind. Sie warnen unter anderem davor, "starke Annahmen zu machen, wenn es um die Obergrenzen zukünftiger KI-Leistungen geht" (Artikel 19). In Artikel 20 heißt es außerdem: "Fortgeschrittene KI könnte zu weitreichenden Veränderungen für das Leben auf der Erde führen und sollte deshalb mit angemessener Sorgfalt und ausreichenden Ressourcen geplant und verwaltet werden."

(Bild: sdecoret / shutterstock.com)

Wie steht die Bundesregierung zu diesen Grundsätzen? "Wer die Standards setzt, bestimmt den Markt", schreibt sie in ihrer KI-Strategie. Mit der Nichtbeachtung der starken KI verzichtet sie aber bewusst darauf, höchste ethische Standards zu setzen und einer nachhaltigen, auch für zukünftige Generationen sozialverträglichen Technologieentwicklung den nötigen Stellenwert einzuräumen.

Ist es angesichts der möglichen Schaffung von Superintelligenz wünschenswert, dass es weltweit mehrere Superintelligenzen gibt? Wenn ja, wie viele? Oder sollten wir die internationalen Anstrengungen in die Entwicklung einer Superintelligenz konzentrieren?

Diese Fragen stellen sich nicht in der Zukunft, sondern heute. Die ernsthafte Beschäftigung mit ihnen würde es erfordern, innezuhalten und angesichts der historischen Tragweite der zu treffenden Entscheidungen möglichst alle Beteiligten um einen Tisch zu versammeln.

Stattdessen scheint es der Bundesregierung gar nicht schnell genug gehen zu können. Mit ihrer Betonung wirtschaftlicher Aspekte drückt sie auf die Tube, will Startups und Innovationen fördern und sich an die Spitze setzen in einem Rennen, bei dem niemand weiß, wohin es geht. Es gibt aber einen Lichtblick in ihrer KI-Strategie: Sie soll in zwei Jahren überprüft werden. Hoffen wir mal, dass es bis dahin nicht zu spät ist. (jk)