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Technology Review

Missing Link: Von Tahrir zu Trump

Wie konnten digitale Technologien zu Waffen gegen die Demokratie werden? Um das zu verstehen, muss man über die reine Technik hinausschauen.

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Missing Link: Von Tahrir zu Trump

2011: Ägyptische Demonstranten glaubten, mit Smartphone und Internet die Vorherrschaft erlangen zu können.

(Bild: Ed Giles, Getty Images)

Als Ägyptens abgehalfterter Autokrat Hosni Mubarak während des Aufstands auf dem Tahrir-Platz 2011 Internet und den Mobilfunk abschaltete, ging sein Schuss nach hinten los: Der Informationsfluss wurde zwar eingeschränkt, dafür aber auch die internationale Aufmerksamkeit geweckt. Mubarak hatte nicht verstanden, dass es im 21. Jahrhundert nicht auf Informationen ankommt (von denen wir ohnehin längst zu viel haben), sondern auf Aufmerksamkeit. Der Militärrat, der Mubarak ersetzte, hatte aus dessen Fehlern gelernt: Er setzte umgehend eine eigene Facebook-Seite auf und machte sie zur exklusiven Plattform für seine Kommuniqués.

Nun spielten die Militärs auf dem Spielfeld der Dissidenten mit. „Wir hatten mehr Einfluss, als es nur uns auf Twitter gab“, sagte mir ein prominenter Aktivist. „Jetzt ist es voller Streit zwischen den Dissidenten, die von Regierungsanhängern angegangen werden.“

Diese Entwicklung ist wichtig, um zu verstehen, wie digitale Technologien innerhalb von nur sieben Jahren vom gepriesenen Werkzeug der Freiheit zum Sündenbock für die Tumulte westlicher Demokratien geworden sind.

Zeynep Tufekci ist außerordentliche Professorin an der Universitiy of North Carolina und Kolumnistin der New York Times.

Dabei spielt auch die NSA eine Rolle. Sie verfügt über ein ganzes Arsenal exklusiver Hacking-Tools wie Bugs, Exploits, geheime Hintertüren, effiziente mathematische Verfahren und massive Rechenleistung. Sie werden „NOBUS“ genannt („nobody but us“), was zum Ausdruck bringen soll, dass niemand sonst diese Schwachstellen nutzen kann. Also ist es nicht nötig, sie zu patchen.

Ihre technische und wirtschaftliche Dominanz in einigen Bereichen machen die USA allerdings blind für sehr viel folgenschwerere Schwächen in anderen Bereichen. Das Nobody-but-us-Denken beruht auf falschen Annahmen, was digitale Sicherheit bedeutet: Die Vereinigten Staaten mögen immer noch die besten Waffen für Cyberangriffe haben. Aber John Podesta, der Wahlkampfmanager von Hillary Clinton, fiel während des Präsidentschaftswahlkampfs 2016 auf eine schlichte Phishing-Mail herein, die einfachste Form des Hackens.

So konnte Russland die Mails der Demokraten veröffentlichen und damit die öffentliche Debatte untergraben. Die US-Medien fielen auf einen Aufmerksamkeits-Hack herein: Sie wurden mit irrelevanten Inhalten überschwemmt, und in ihrem Hunger nach Klicks ließen sie sich von ihrer eigentlichen Aufgabe ablenken. Weder Trumps noch Clintons Kampagne erhielten die kritische Beobachtung, die sie verdient hätten.

Bei der IT-Sicherheit geht es eben nicht nur darum, wer mehr Cray-Supercomputer und Kryptografie-Experten hat, sondern auch darum zu verstehen, wie Aufmerksamkeit, Informationsüberflutung und soziale Beziehungen im digitalen Zeitalter funktionieren. Die mächtige Kombination dieser drei Faktoren erklärt, warum seit dem Arabischen Frühling zwar Autoritarismus und Fehlinformationen im Netz gedeihen, nicht aber ein freier Wettbewerb der Ideen. Am deutlichsten wird das Problem im ursprünglichen Leitbild von Facebook: Das soziale Netzwerk wollte demnach die Welt „offener und vernetzter“ machen. Aber offen für was? Und wie vernetzt? Die Notwendigkeit, diese Fragen zu stellen, ist vielleicht die größte Lehre von allen.

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