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Missing Link: Von Zwiebeln, Knoten und Moneten – der Anonymisierungsdienst Tor in Zahlen

"Nur noch" die Hälfte des Budgets für das Tor-Projekt stammt aus US-Regierungstöpfen, das Darknet ist gewachsen, die Tor-Nutzung insgesamt stagniert.

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Dark Web

(Bild: sdecoret / shutterstock.com)

Inhaltsverzeichnis

Es geht also doch: Nachdem es lange Zeit kaum Bewegung gab, hat das Tor Project die finanzielle Abhängigkeit von der US-Regierung substanziell reduzieren können. Das zeigen die jüngst veröffentlichten Finanzberichte des Tor Projects für 2017 und 2016. Lag der Anteil der US-Regierungsgelder 2015 noch bei 85 Prozent und 2016 bei 76 Prozent, waren es 2017 nur noch 51 Prozent. Das konnte das Tor-Urgestein Roger Dingledine stolz in einem begleitenden Blogpost verkünden.

Die gemeinnützige Organisation The Tor Project, Inc. mit Sitz im US-amerikanischen Seattle steht hinter dem Anonymisierungsdienst Tor und damit auch hinter dem Tor-basierten Darknet. Die Tor-Technologie entstand Mitte der 90er am Naval Research Laboratory (NRL), einem Forschungsinstitut der US-Armee. 2006 wurde Tor in die unabhängige Non-Profit-Organisation überführt. Deren Budget speist sich seitdem überwiegend aus US-Regierungstöpfen.

"Missing Link"

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Laut Finanzbericht lagen die Einnahmen im Jahr 2017 bei etwa 4,1 Millionen US-Dollar, das war etwa ein Viertel mehr als 2015. Das Tor Project hatte 21 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, 2015 waren es nur zehn. Die Zahl der Ehrenamtlichen beziffert das Tor Project unverändert auf 3.000.

2,6 Millionen US-Dollar wurden für Personal ausgegeben. Spitzenverdienerin im Jahr 2017 war die damalige Geschäftsführerin Shari Steele mit einem jährlichen Grundgehalt in Höhe von 175.000 US-Dollar. Es folgten der Präsident Roger Dingledine und der Vize-Präsident Nick Mathewson mit jeweils etwa 150.000 US-Dollar. Hinzu kamen jeweils noch unterschiedlich hohe "sonstige Vergütungen".

Die Einnahmen für 2017 unterteilt der Jahresbericht in verschiedene Kategorien. Einnahmen aus US-Regierungsquellen sind die bedeutendste Kategorie, sie summieren sich auf die genannten 51 Prozent:

  • 798.029 US-Dollar (19,5 Prozent) kamen vom Open Technology Fund (OTF), dem weltweit wichtigsten Geldgeber für Open-Source-Projekte. Der OTF gehört zu Radio Free Asia, einem staatlichen Auslandssender mit bewegter Geschichte, der als Spin-Off des Geheimdienstes CIA im Kalten Krieg entstand und heute der Rundfunkbehörde U.S. Agency for Global Media untersteht.
  • 635.504 US-Dollar (15,5 Prozent) stammten vom Stanford Research Institute (SRI), formal ein unabhängiges Forschungsinstitut. Wieso es dennoch in der Kategorie "US government sources" auftaucht, erläutert der Bericht nicht. Frühere Finanzberichte hatten die SRI-Zuwendungen als weitergereichte "Pass through"-Mittel des Verteidigungsministeriums deklariert. Waren die SRI-Gelder auch 2017 solche "Pass through"-Mittel des Pentagons? "Ja, waren sie.", teilt Stephanie Whited, Kommunikationsdirektorin des Tor Projects, auf Anfrage mit.
  • 548.151 US-Dollar (13,4 Prozent) steuerte die National Science Foundation (NSF), die staatliche Forschungsförderung der USA, bei.
  • 133.061 (3,2 Prozent) kamen vom Außenministerium, über das für Menschenrechtsfragen zuständige Bureau of Democracy, Human Rights and Labor Affairs.
  • 12.500 (0,3 Prozent) schließlich stammten von der Organisation ISC Counterpart International, die sich überwiegend über Fördermittel der staatlichen Entwicklungshilfe-Behörde USAID finanziert.

Zur Kategorie "Non-US government sources" zählt der Bericht eine Förderung in Höhe von 594.408 US-Dollar (14,5 Prozent) von der Swedish International Development Cooperation Agency, einer Behörde für Entwicklungszusammenarbeit des schwedischen Außenministeriums.

Dann gibt es noch die Kategorien "Corporate Sources" und "Private Foundations":

  • 522.188 US-Dollar (12,7 Prozent) stammten von der Mozilla Foundation. Auf dem von Mozilla entwickelten Firefox-Browser basiert auch der Tor-Browser.
  • 347.325 US-Dollar (8,5 Prozent) kamen vom New Venture Fund, der zivilgesellschaftliche Projekte vor allem in den USA fördert und selbst wenig über seine Geldgeber verrät. Laut Recherchen des US-Magazins E&E News stammen die Mittel des US-Fonds vor allem aus Unternehmer- und Unternehmensstiftungen wie der Bill & Melinda Gates Foundation.
  • 25.000 US-Dollar (0,6 Prozent) steuerte der Suchmaschinen-Anbieter Duckduckgo bei.
  • 89.007 (2,2 Prozent) US-Dollar kamen von "anderen privaten Stiftungen".

Schon seit längerem nimmt sich das Tor Project vor, die Abhängigkeit von US-Regierungsgeldern zu reduzieren. 2014 hatte es intensive Debatten über die Finanzierung des Tor Projects gegeben, ausgelöst unter anderem durch den US-Journalisten Yasha Levine. Der hatte sich öffentlich gewundert, wie eine Organisation gleichzeitig Gegenspieler staatlicher Überwachung sein UND überwiegend von Geldern der US-Regierung leben kann.

Im Vergleich zu 2015 hat sich die Struktur der Einnahmen 2017 stark verändert. Radio Free Asia, NSF und Stanford Research Institute sind wie 2015 relevante Geldgeber, der Anteil des US-Außenministeriums ist jedoch geschrumpft, von 29 Prozent auf 3 Prozent. Neu hinzugekommen sind die schwedische Entwicklungszusammenarbeits-Behörde, die Mozilla Foundation, der New Venture Fund und die Einzelspenden in nennenswerter Höhe.

Mit der Akquise von Spenden hatte sich das Tor Project lange schwergetan. Ende 2015 startete die Organisation ihre erste Crowdfunding-Kampagne und führt seitdem zeitlich befristete Endjahres-Spendenkampagnen durch, unterstützt durch die Mozilla Foundation, die alle Spenden verdoppelt.