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Missing Link: Vor 100 Jahren begann die deutsche Revolution

Von den Sturmvögeln zu den Stiefkindern der Revolution: Mit dem Matrosenaufstand startete Deutschland in die erste Republik.

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Missing Link: Vor 100 Jahren begann die deutsche Revolution

Revolutionäre Soldaten mit der Roten Fahne am 9. November 1918 vor dem Brandenburger Tor in Berlin.

(Bild: Bundesarchiv, Bild 183-B0527-0001-810, Lizenz CC BY-SA 3.0 DE)

Sofortige Friedensverhandlungen, Pressefreiheit, Aufhebung der Briefzensur, allgemeines und gleiches Wahlrecht für Männer und Freuen, Abschaffung der Einzelstaaten und Dynastien, Einsetzung von Soldaten- und Betriebsräten – diese Forderungen besiegelten das Ende des deutschen Kaiserreiches.

Mit dem Matrosenaufstand der kaiserlichen Flotte in Kiel und Wilhelmshaven begann der Zusammenbruch des zuletzt von Wilhelm II. regierten Deutschen Reiches. Die Aufständischen versammelten sich in der Volksmarine, die die Friedensverhandlungen absichern und den Übergang zur Demokratie schützend begleiten wollten. Sie waren der radikalere Teil der Arbeiterbewegung mit einer SPD, die mitregieren wollte und mit Gewerkschaften, die sich auf die Einführung des Achtstundentags konzentrieren wollten.

Als Sturmvögel der Revolution wollten die Volksmarinedivisionäre den gewaltigen Umbruch in die Fläche tragen und unterstützen, doch die revolutionären Matrosen endeten als Stiefkinder der Revolution.

Im Herbst 1918 war die militärische Lage der deutschen Streitkräfte desaströs. Selbst die Oberste Heeresleitung unter dem Bellizisten Erich Ludendorff sprach sich für Friedensverhandlungen aus, nachdem die Alliierten die Verteidigungslinie der Westfront knacken konnten. Wie Sebastian Haffner in seinem Buch "Der Verrat" schrieb, wollte Ludendorff, der Urheber der "Dolchstoßlegende", die kaiserliche Armee schützen: "Ludendorffs festes Ziel war von dem Augenblick an, in dem er begann, die ‚Handhabung der Niederlage' zu planen: Die Armee muß gerettet werden – ihre Existenz und ihre Ehre. Um die Existenz der Armee zu retten, mußte der Waffenstillstand geschlossen werden – schleunigst, ohne jeden Verzug, möglichst schon morgen; jeder Tag konnte ja die militärische Katastrophe bringen. Um die Ehre der Armee zu retten, mußte das Waffenstillstandsgesuch von der Regierung ausgehen, nicht etwa von der Obersten Heeresleitung. Es mußte politisch motiviert werden, nicht militärisch."

In dieser Situation entschloss sich die deutsche Marineleitung unter Admiral Hipper, die Grand Fleet der Royal Navy in einer "Entscheidungsschlacht" anzugreifen. Praktisch meuterte damit die Flottenführung gegen den Kurs von Ludendorff und der damaligen deutschen Regierung um Max von Baden. Angesichts der Überlegenheit der Royal Navy nach dem Kriegseintritt der USA hätte die Aktion zur Rettung der "Ehre" den sicheren Tod von ca. 80.000 Mann bedeutet.

Matrosen an Deck des Linienschiffs Prinzregent Luitpold mit einer Tafel: "Soldatenrat Kriegsschiff Prinzregent Luitpold. Es lebe die sozialistische Republik."

(Bild: Bundesarchiv, Bild 183-J0908-0600-002, Lizenz CC BY-SA 3.0 DE)

Der entsprechende Flottenbefehl erging am 24. Oktober, das Auslaufen sollte bis zum 28. Oktober erfolgen, wobei die Kieler Flotte noch durch den Kaiser-Wilhelm-Kanal (heute Nord-Ostseekanal) verlegt werden musste. Mit der historischen Befehlsverweigeurng vor Wilhelmshaven begann der Matrosenaufstand, den ein Zeitzeuge in einem Brief so schilderte:

"Mein lieber Vater!

Am Montagnachmittag [28.10.1918] ging die gesamte Hochseeflotte aus dem Hafen, alles, was dazugehört, wie Torpedoboote, kleine Kreuzer und sämtliche Linienschiffe. Obwohl SMS "Kaiser", "Pillau" und "Königsberg" Maschinenschaden hatten, sind die Schiffe dennoch mitgefahren. Das war kein gutes Zeichen... Bei uns stieg nachmittags der gesamte Flottenstab über und quartierte sich für mehrere Tage ein, obwohl bei gewöhnlichem Manöver der Stab nur einen Tag hier an Bord bleibt. Es wurde uns nun am Montagabend bekannt, dass ein großer Vorstoß geplant war, der, falls er zur Ausführung gelangt wäre, uns allen das Leben gekostet hätte. Aber es kam anders. Wir erfuhren, dass andere Schiffe bei Helgoland die Feuer herausreißen wollten. Unsere Besatzung hat sich dem einmütig und solidarisch angeschlossen. Wir zum Beispiel und noch andere Schiffe waren überhaupt nicht von der Stelle gefahren. Nachts 3 Uhr sollte die gesamte Flotte auslaufen, aber die einzelnen Schiffskommandanten meldeten dem Geschwaderchef und dieser dem Flottenchef, Admiral Hipper, dass die Besatzungen gemeinschaftlich den Gehorsam verweigern wollten. /.../ Lieber Vater, es bedarf gar keiner Beweise weiter; wir haben es alle gefühlt, dass es unsere letzte Fahrt wäre, daher die instinktive Gehorsamsverweigerung. Auf einzelnen Schiffen sind nun daraufhin noch kleinere und größere Ausschreitungen vorgekommen; bis jetzt sind 1000 Mann verhaftet und nach Bremerhaven transportiert worden. Ich will Dir noch mitteilen, dass, wenn nicht bald der Waffenstillstand kommt, hier die schönste Militärrevolte ausbricht und man gezwungen ist, den Weg nach der Heimat mit dem Gewehr zu ebnen.

Dein Sohn Otto.

Der letzte Satz im Brief macht deutlich, dass der sich nach dem Landgang konstituierenden Volksmarine die Gefahr bewusst war, dass der Aufstand durchaus niedereschlagen werden konnte, wenn der Weg in die Heimat nicht mit dem Gewehr verteidigt wird. Anders als die abgekämpften Truppen der Westfront schwärmte man aus, etwa nach Berlin, wo die bunte Truppe in den ersten Kämpfen trotz einiger Toten zunächst erfolgreich war.

Andernorts schützte man lokale Bestrebungen, etwa die Bremer Räterepublik. "Der Kaiser ging, die Generäle blieben" (Theodor Plievier): Die Soldatenräte der Volksmarine wussten dabei nicht, dass Friedrich Ebert nach der Fahnenflucht des deutschen Kaisers und der Flucht von Ludendorff in einem Telefonat mit der Obersten Heeresleitung unter Wilhelm Groener einen Pakt geschlossen hatte, mit der das Heer die neue Regierung gegen linksradikale Bestrebungen militärisch unterstützte.

Forderungen der Volksmarine wie "keine Dienstgrade außerhalb der Dienstzeit" oder gar "Wahl der Offiziere durch den Soldatenrat" wurden von der Obersten Heeresleitung rundweg abgelehnt. Die im Gegenzug von Ebert für das Militär abgegebene Bestandsgarantie umfasste auch die Unterstützung der Freikorps durch die Sozialdemokratie.

Im Reichstag donnerte derweil der damals parteilose Otto Rühle in seiner fulminanten Rede: "Dass sich Sozialdemokraten zu der Rolle hergegeben haben, in letzter Stunde für die zusammenkrachende bürgerliche Gesellschaft noch den Nothelfer und Kugelfang zu spielen, wird von den Massen draußen ebenso als schmählicher Verrat empfunden, wie sie sich durch die Scheindemokratie, die vorgegaukelte Volksherrschaft genarrt und verhöhnt fühlen. Sie brauchen zu ihrer Befreiung etwas ganz anderes, nämlich die Demokratie des Sozialismus, die Republik auf der Grundlage der sozialistischen Revolution, und sie verlangen dazu in erster Linie die Abdankung des Kaisers als des Urhebers dieses Weltkriegs."

Die von Rühle geforderte "Demokratie des Sozialismus" konnte sich nicht entfalten. Die unter sozialdemokratischer Leitung stehenden Heerestruppen und die Kampfverbände der Freikorps sorgten für die Niederschlagung der Münchener Räterepublik und anderer Organisationsformen der Arbeiterbewegung, wie etwa die Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht vom zahlenmäßig recht kleinen Spartakusbund oder später die Ermordung des Außenministers Walter Rathenau.

Revolutionäre Matrosen im U-Boot-Hafen, Kiel, 5. November 1918

(Bild: Deutsches Historisches Museum, Berlin, Inv.-Nr.: BA 90/5439)

In den Tagen der Novemberrevolution gehörte Rathenau zu den Großindustriellen, die das Stinnes-Legien-Abkommen erarbeiteten und unterschrieben. Mit ihm sicherte die am Boden liegende deutsche Wirtschaft den Fortbestand des "Burgfriedens" aus der Kriegswirtschaft. Im Gegenzug zu loyalen Gewerkschaften, die auf die Mittel des Generalstreiks und der Enteignung verzichteten, bekamen die Arbeitervertreter den Achtstundentag, Tarifverträge und das Recht auf Mitbestimmung durch Betriebsräte. Ganz im Sinne dieser "Sozialpartnerschaft" ist es, wenn Arbeitgeber und Gewerkschafter gemeinsam der Novemberrevolution gedenken, freilich ohne Betriebsräte oder gar die Volksmarine zu erwähnen.

Was von der ganzen Umstürzerei geblieben ist, hat Kurt Tucholsky zum 10. Jahrestag 1928 in seinem Artikel November-Umsturz aufgeschrieben. Bekannt ist sein Bonmot, dass die deutsche Revolution "im Saale" stattgefunden hat. Aber Tucholsky geht ins Detail: "Es ist auch nicht richtig, dass damals nichts zu machen gewesen ist. Die SPD hat nicht gewollt, weil sie keinen Mut, keine Charakterstärke, keine Tradition mehr hatte – wer vier Jahre hindurch Kriegskredite bewilligen mußte, konnte das freilich nicht mehr haben. Folgende Möglichkeiten sind damals ausgelassen worden:

Zerschlagung der Bundesstaaten;
Aufteilung des Großgrundbesitzes;
Revolutionäre Sozialisierung der Industrie;
Personalreform der Verwaltung und der Justiz.

Eine republikanische Verfassung, die in jedem Satz den nächsten aufhebt, eine Revolution, die von wohlerworbenen Rechten des Beamten des alten Regimes spricht, sind wert, dass sie ausgelacht werden.

Die deutsche Revolution steht noch aus."

Zur deutschen Revolution von 1918 gibt es zur Hundertjahrfeier eine ganze Reihe von Ausstellungen und Veranstaltungen, allein 250 in Berlin, aber auch Hamburg hat einiges zu bieten, etwa eine Graphic Novel, die den Kieler Revolutions-Comic ergänzt.

Die zentrale Ausstellung zum Matrosenaufstand in der Revolutionsstadt Kiel ist schon seit einiger Zeit zu besichtigen. Was weiter westlich, insbesondere in Wilhelmshaven, passierte, deckt die Revolution im Nordwesten ab.

Weiter südlich wurde es schwieriger: In Köln wurden z.B. auf Drängen des Bürgermeisters Adenauer statt der Räteverwaltung ein Wohlfahrtsausschuss eingerichtet, während die aus Wilhelmshaven deportierten Matrosen auf dem Schießplatz Köln-Wahn erschossen wurden. Über die Revolution in Bayern informiert das Projekt "Geschichte frei Haus". (Detlef Borchers) / (jk)

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