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Missing Link: Warum wir (vorerst) nicht auf dem Mars landen sollten

Bevor wir den Mars erkunden, sollten wir Verhaltensregeln für den Umgang mit Lebensformen aufstellen oder sogar attraktivere Ziele in Betracht ziehen.

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(Bild: NASA )

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Vier unbemannte Sonden sollen sich im kommenden Sommer auf den Weg zu unserem roten Nachbarplaneten machen. Neben den USA, China und den Vereinigten Arabischen Emiraten ist auch Europa mit einer eigenen Mission dabei: ExoMars. Von den vieren ist sie als einzige mit einem Instrument ausgestattet, das gezielt nach Lebensspuren suchen soll. Worüber bisher jedoch noch wenig diskutiert wird, ist die Frage nach den Konsequenzen, falls die Suche erfolgreich verläuft: Wäre das ein Grund, so bald wie möglich Astronauten zum Mars zu schicken? Oder sollten wir umgekehrt in so einem Fall vorerst ausdrücklich darauf verzichten?

"Missing Link"

Was fehlt: In der rapiden Technikwelt häufig die Zeit, die vielen News und Hintergründe neu zu sortieren. Am Wochenende wollen wir sie uns nehmen, die Seitenwege abseits des Aktuellen verfolgen, andere Blickwinkel probieren und Zwischentöne hörbar machen.

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In dem Roman "Die letzte Crew des Wandersterns" gehe ich davon aus, dass ExoMars fündig wird und bald darauf Proben zur Internationalen Raumstation ISS geschafft werden. Dort werden sie im April 2028 in sicherem Abstand von der Erdoberfläche untersucht. Beim Verfassen war ich mir des Risikos bewusst, dass diese fiktive Geschichte schon bald von der Wirklichkeit überholt werden könnte: Allein wenn der Start der Sonde verschoben werden müsste, wäre sofort der gesamte Zeitplan über den Haufen geworfen. Berichte über einen misslungenen Test des Landefallschirms im vergangenen August haben mich daher zuletzt etwas nervös gemacht, aber ansonsten nicht weiter beunruhigt: Dem Kern der Geschichte, in der es vorrangig um den Umgang mit fremdem Leben geht, würde eine solche Zeitverschiebung nicht nachhaltig schaden.

An manchen Stellen dagegen wünsche ich mir geradezu, durch die Realität widerlegt zu werden. Etwa bei der Szene, in der der deutsche Astronaut Mark Volkmann von der Internationalen Raumstation aus ein Gespräch mit einer Schulklasse führt. Bereits beim Schreiben hatte ich mich gefragt, wie realistisch der Verlauf dieses Gesprächs ist. Dabei ging es mir weniger um die Position der Schüler, die bemannten Missionen zum roten Planeten kritisch gegenüberstehen, weil sie den Schutz des dort möglicherweise existierenden Lebens über den menschlichen Expansionsdrang stellen. Vielmehr fragte ich mich, ob ein Astronaut in zehn Jahren von solchen Positionen wohl immer noch so verunsichert werden würde, wie von mir beschrieben. Ist nicht eher davon auszugehen, dass ein rücksichts- und respektvoller Umgang mit außerirdischem Leben bis dahin längst als selbstverständlich gilt und allseits akzeptiert ist?

Bislang sehe ich wenig Anzeichen dafür. In der öffentlichen Debatte über Raumfahrt, insbesondere im Zusammenhang mit dem Mars, werden solche Fragen weiterhin kaum gestellt. Wenn das Thema bei Fachtagungen gelegentlich mal angesprochen wird, stößt es oft auf Unverständnis, manchmal auch auf offene Ablehnung. Die Fragen werden offenbar als störend empfunden und gelegentlich abgetan mit dem Verweis auf einzurichtende Schutzgebiete. Es wurde auch schon eingewandt, dass uns der Schutz der irdischen Astronauten näher liegen sollte als die Rücksichtnahme auf ein paar primitive Einzeller. Auf bemannte Missionen zum Mars verzichten, um dort lebende Bakterien zu schützen? Das erscheint vielen offenbar undenkbar.

Der Weltraumaktivist Rick Tumlinson etwa verwies in einer Diskussion nach einem seiner Vorträge einmal darauf, dass wir doch regelmäßig Millionen von Bakterien töten, wenn wir uns die Hände waschen. Er übersah dabei allerdings, dass es sich in dem Fall um Lebewesen handelt, mit denen wir seit Millionen Jahren in einer Wechselbeziehung stehen. Über Lebensformen auf anderen Planeten dagegen wissen wir nichts. Auf welcher Grundlage räumen wir Mikroorganismen vom Mars den gleichen Status ein wie irdischen Keimen? Wie soll sich zu ihnen eine friedliche, für beide Seiten fruchtbare Beziehung entwickeln, wenn wir von Anfang an über deren Leichen gehen?

Sicher, diese Vorgehensweise folgt einer Jahrhunderte alten Tradition, wenn auch keiner guten. Die sich moralisch und militärisch überlegen fühlenden Europäer haben die Bewohner der Kontinente, die sie mit ihren Schiffen besuchten, auch als "primitiv" eingestuft und entsprechend grob behandelt. Verpflichten uns diese von Europa begangenen Verbrechen nicht, bei der zukünftigen Erkundung fremder Welten höchsten moralischen Anforderungen zu genügen?